Giftige Dämpfe

Schießstand-Skandal: Leben mit einer unheilbaren Krankheit

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A. Dinger und H. Nibbrig
Polizist Jörg S. war Schießtrainer der Polizei, seit Jahren leidet er an einer unheilbaren Lungenkrankheit.

Polizist Jörg S. war Schießtrainer der Polizei, seit Jahren leidet er an einer unheilbaren Lungenkrankheit.

Foto: Foto: David Heerde

Hunderte Polizisten waren jahrelang giftigen Dämpfen ausgesetzt und sind schwer erkrankt. Viele von ihnen werden nie mehr gesund.

Berlin. Dass etwas mit ihm nicht stimmte, merkte Polizist Jörg S. vor fünf Jahren bei einem Lauf durch den Wald in Schulzendorf. Er konnte nicht mehr. Er, der Sportler, hatte plötzlich akute Atemnot. Zahlreiche Untersuchungen später dann die Diagnose: COPD. Eine chronische Lungenerkrankung, besser als Raucherlunge bekannt. Nur: Jörg S. ist Nichtraucher. Weitere Tests ergaben, dass die Schwermetall- und Entzündungswerte in seinem Körper viel zu hoch waren. „Die Diagnose war damals ein absoluter Schock für mich. Mein Leben hat sich komplett verändert“, sagt Jörg S. heute. Wenn die Anstrengung zu groß sei, wachse das Beklemmungsgefühl in seiner Lunge ins Unermessliche.

So wie Jörg S., der seit 1996 bei der Berliner Polizei ist, geht es vielen Beamten, die regelmäßig auf den Schießanlagen trainieren mussten. Viele klagen über Gesundheitsbeschwerden. Viele erkrankten auch an Krebs. Einige sind inzwischen sogar verstorben. Zunächst stellten nur wenige einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Arbeit her. „Wobei wir Schießlehrer schon immer über Kopfschmerzen, rote Augen, Husten und eine schwarze Nase geklagt haben“, sagt S. Ernst nahm die Polizisten offenbar niemand. Trotz mehrfacher Meldungen an die Vorgesetzten.

Bereits 2010 wurde von einer Weiternutzung abgeraten

Die Zustände auf den von der Berliner Polizei genutzten Schießständen kamen 2016 schließlich durch Medienberichte ans Licht. Seither beschäftigen sich Politiker, Juristen, Polizeigewerkschafter und Mediziner mit den Vorgängen.

Zum „Schießstand-Skandal“ wurde der Fall, als bekannt wurde, dass in einem Gutachten bereits 2010 die dringende Empfehlungen ausgesprochen wurde, die Schießstände nicht mehr zu nutzen, da mit hoher Wahrscheinlichkeit eine akute Gesundheitsgefährdung der Beamten zu befürchten sei. Ungeachtet dieser Warnung wurden die Schießstände weitere drei Jahre offengehalten. Dadurch waren die Beamten aufgrund der mangelhaften Belüftungsanlage fortwährend giftigen Dämpfen ausgesetzt. Betroffen waren vor allem Schießtrainer und Mitglieder der Spezialeinsatzkommandos (SEK).

Dazu muss man wissen, dass die Berliner Schießstände für Beamte wie Jörgs S. ein zweites zu Hause waren. Bei seinen Stationen beim Personenschutz, den Einsatzhundertschaften und als Schießtrainer der Direktion 1 musste er tagtäglich über mehrere Jahre in Anlagen arbeiten, die nachweislich mangelhaft waren. Schießtrainer wie er waren also permanent giftigen Dämpfen ausgesetzt.

Wie viele Polizisten erkrankten, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen

Wie viele Beamte letztlich erkrankten, lässt sich nach wie vor nicht mit letzter Sicherheit sagen. Nachdem die Senatsinnenverwaltung 2018 einen Entschädigungsfonds über drei Millionen Euro für betroffene Beamten aufgelegt hatte, gingen bei der eigens eingerichteten Kommission 785 Anträge auf Entschädigung ein. Daraufhin wurden insgesamt 487 Betroffenen Geldsummen zwischen 3.000 und 80.000 Euro zugesprochen. 299 Anträge wurden abgelehnt, in etwa 100 Fällen lassen die Abgewiesenen jetzt prüfen, ob rechtliche Schritte dagegen möglich sind. Doch ihre Chancen werden eher als gering eingeschätzt. Jörg S. erhielt 10.000 Euro aus dem Fonds.

Polizisten kritisieren, dass die Auszahlungen pauschal getätigt wurden. Eine individuelle Einschätzung jeder einzelnen Erkrankung habe es nie gegeben. Aus der Innenverwaltung heißt es hingegen, dass nach Jahren des Stillstandes Innensenator Andreas Geisel (SPD) der erste Politiker sei, der das Problem überhaupt anpacke. Mit dem Entschädigungsfonds, so die Idee, wollte man vielen Polizisten schnell und unbürokratisch helfen.

Beamten geht es um Anerkennung ihrer Berufskrankheit

Aber genau hier liegt der Teufel im Detail. Vielen Beamten geht es nämlich nicht um eine Einmalzahlung, sondern um die Anerkennung ihrer Berufskrankheit. Erst vor einem Monat wies das Verwaltungsgericht die Klage eines mittlerweile pensionierten Polizisten ab, der eine Schwermetallvergiftung als Berufskrankheit anerkannt haben wollte. Der Beamte sei bereits seit 2003 dienstunfähig, habe die Erkrankung aber erst 2016 nach Bekanntwerden der Affäre publik gemacht und somit zwingend vorgegebene Fristen nicht eingehalten, entschieden die Richter. Auch ein Gutachten der Charité über die Untersuchung mehrerer Krankheitsfälle ist nicht unbedingt geeignet, Hoffnungen bei erkrankten Beamten zu wecken. An den Erkrankungen bestehe kein Zweifel, unklar sei aber, ob die Ursache in der Schadstoffbelastung der Schießstände liege, lautet das Ergebnis des Gutachtens.

Kritik daran kommt nicht nur vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), sondern auch von dem Verein B.I.S.S. um den ehemaligen SEK-Beamten Karsten Loest, in dem sich Betroffene zusammengeschlossen haben. Verantwortlich für die Zustände in den Schießanlagen ist – nach Überzeugung vieler Beamter und Politiker der Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus – die damalige Behördenleitung in Person das damaligen Polizeipräsidenten Klaus Kandt und der damaligen Vizepräsidentin Margarete Koppers. Auch Kandts Vorgänger Dieter Glietsch sei informiert gewesen.

Kandt war im Februar 2018 von Innensenator Andreas Geisel (SPD) entlassen worden, ist seit einigen Wochen Staatssekretär im brandenburgischen Innenministerium. Koppers wurde im Mai 2018 zur Berliner Generalstaatsanwältin ernannt. Den weiteren Karrieren der ehemaligen Polizeichefs haben die Vorwürfe damit erkennbar nicht geschadet. Auch nicht die Tatsache, dass nach mehreren Strafanzeigen vor allem wegen „Körperverletzung durch Unterlassen“ die Berliner Staatsanwaltschaft gegen beide ermittelt. Wie lange diese Ermittlungen noch dauern, ist völlig unklar. Auf Antworten, wer, wann, was über die Schadstoffbelastung der Schießstände wusste, und warum sie trotzdem weiter genutzt wurden, warten daher nicht nur die erkrankten Beamten bislang vergebens. Sowohl Kandt wie auch Koppers verweigern unter Berufung auf die laufenden Ermittlungen bis heute jede Stellungnahme.

Schon eine Bronchitis kann gefährlich werden

Während für die politisch Verantwortlichen das Leben weitergeht, sind Betroffene wie Jörg S. gezeichnet. Der arbeitet noch, aber er kann keinen Außendienst mehr machen, keinen anstrengenden Sport mehr treiben. Zwar hat er Geld aus dem Entschädigungsfonds der Innenverwaltung erhalten, was er aber wirklich bräuchte, wäre eine Anerkennung als Berufsunfall. Dann wäre er ausreichend abgesichert, wenn er eines Tages nicht mehr arbeiten könne und dienstunfähig sei, sagt Jörg S.. Selbst eine einfache Bronchitis kann für ihn jetzt gefährlich werden. Für die Polizei gab er alles. Nun ist er zu 40 Prozent schwerbeschädigt.