Bonpflicht

100.000 Kilometer zusätzliche Bons in Berlin

Ab Januar sind Händler, aber auch Bäckereien und Spätis, verpflichtet, Kassenzettel an Kunden auszugeben. Die Wirtschaft schüttelt mit dem Kopf.

Max Breuer im Berliner Café „Imogti“ mit Kassenbon. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Max Breuer im Berliner Café „Imogti“ mit Kassenbon. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Bäckerei Johann Mayer ist ein gut laufender Handwerksbetrieb in Berlin. Mit 35 Mitarbeitern betreibt das traditionsreiche Kleinstunternehmen drei Filialen in Berlin, zwei am Innsbrucker Platz in Schöneberg und eine in Steglitz im S-Bahnhof Feuerbachstraße. Inhaber und Geschäftsführer Karsten Berning hat in den vergangenen Wochen gerechnet: 187.662 Bons hätte sein Betrieb im vergangenen Jahr herausgeben müssen – so viele Kunden haben in dem Jahr Brot, Brötchen oder Kuchen bei der Bäckerei Johann Meyer gekauft. „Würden wir die ausgedruckten Kassenzettel in Berlin verteilen, könnten wir eine Strecke vom Olympiastadion bis zur Alten Försterei und wieder zurück damit auslegen“, sagte Berning. Das macht er natürlich nicht. Berning ist nicht ohne Grund zum Zahlenfreund geworden.

Bonpflicht: Bund will Betrugsfälle bei Abrechnungen eindämmen

So wie viele andere Unternehmer in Berlin regt sich auch der Bäckermeister über die ab Januar geltenden Bonpflicht auf. Einzelhändler müssen dann bei jedem Geschäftsvorgang einen Beleg ausgeben. Darüber hinaus müssen auch veraltete Kassensysteme technisch nachgerüstet werden. Der Bund will durch den Schritt Betrugsfälle bei Kassenabrechnungen eindämmen. Das Bundesfinanzministerium schätzte die Steuerausfälle durch Kassenmanipulationen zuletzt auf bis zu zehn Milliarden Euro im Jahr. Beim Handelsverband Berlin-Brandenburg schüttelt man darüber den Kopf.

„Das ist reine Papierverschwendung“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Nils Busch-Petersen. Bereits heute seien die allermeisten Kassensysteme manipulationssicher. Ältere Modelle würden derzeit entsprechend umgerüstet. Die Politik rede von Umweltschutz und Nachhaltigkeit und führe dann eine derart sinnlose Regelung ein, kritisierte er. Laut Busch-Petersen müssten in Berlin aufgrund der neuen Regelung 100.000 Kilometer zusätzliche Kassenzettel ausgedruckt werden. Damit können man das Zwanzigfache des Berliner Straßennetzes auslegen. Die Länge der Straßen in den deutschen Hauptstadt liegt offiziellen Angaben zufolge bei rund 5300 Kilometern.

Pop: Papierbon kein Zukunftsmodell

Gut zwei Wochen vor der geplanten Einführung der Bonpflicht hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf Änderungen in letzter Minute gedrängt. Der CDU-Politiker forderte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) auf, die Vorgabe aus dem Gesetz zu streichen. Mit Blick auf die neuen Vorgaben sind sich in Berlin sogar Senat und Opposition einig. „Gegen Steuerbetrug wird man auch mit einer Bonpflicht nicht ankommen. Die Papierbelegausgabepflicht zeigt, dass noch viel zu tun ist, damit Deutschland endlich im digitalen Zeitalter ankommt. Der Papierbon gehört sicher nicht dazu und ist kein Zukunftsmodell“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) der Berliner Morgenpost.

Die Bonpflicht werde für viele Unternehmen eine „völlig unnötige Bürokratie schaffen“, erklärte der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Florian Swyter. „Es macht überhaupt keinen Sinn, Belege ausdrucken zu müssen, die fast immer ungelesen in den Müll landen. Diese neue Papierverschwendungspflicht wird Bäckereien, Fleischereien, sowie kleine Lebensmittelgeschäfte besonders belasten und somit Kleinstunternehmen treffen, die für die Berliner Wirtschaft eine besondere Bedeutung haben“, sagte Swyter.

Er forderte den Senat auf, sich dafür einzusetzen, dass diese unnötige Papierverschwendung ausbleibe. „Es ist schon ziemlich kurios, dass in vielen Branchen und Lebensbereichen mit der Digitalisierung versucht wird, die Papierverschwendung einzudämmen und zum Anfang nächsten Jahres wird diese aufgrund eines sozialdemokratischen Finanzministers millionenfach angeordnet“, so Swyter weiter.

Bäckerei geht von 3800 Euro Mehrkosten pro Jahr aus

Das Kassensystem, das Max Breuer, Storemanager des Cafés Imogti am Kudamm, nutzt, druckt ohnehin bereits jeden Bon aus – egal, ob die Kunden den Kassenzettel wollen oder nicht. Etwa 2000 der Bons gibt das Unternehmen jeden Monat aus. „Von 100 Kunden schmeißen 90 den Bon gleich wieder weg“, sagt Breuer.

Bäckerei-Inhaber Karsten Berning geht davon aus, dass er wegen der Bonpflicht im kommenden Jahr etwa 3100 Rollen verbrauchen wird. Er kalkuliert mit zusätzlichen Kosten in Höhe von etwa 3800 Euro. Es sei nicht auszuschließen, dass er die Mehrkosten über eine Preisanpassung bei seinen Produkten an die Kunden weitergeben müsste, sagte Berning. Bedenklich sei es laut dem Unternehmer zudem, dass die Bons auf sogenanntem Thermopapier ausgedruckt würden. Deshalb könnten die Kassenzettel auch nicht über die Papiertonne entsorgt werden, sondern müssten in den Restmüll, so Berning.