Streit unter Hundehaltern

Prozess um antisemitischen Übergriff wird neu aufgerollt

Ein Streit unter Hundehaltern in Lichtenberg ist eskaliert. Der Angeklagte soll jetzt begutachtet werden.

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand (Symbolbild).

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand (Symbolbild).

Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

Berlin. Antisemitismus der übelsten Sorte, brutale Gewalt, erschreckende Hasstiraden – der Fall, der am Dienstag vor dem Amtsgericht Tiergarten verhandelt wurde, hatte von allem etwas. Auf der Anklagebank: Matthias W. aus Lichtenberg. Die Liste der Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen den 53-Jährigen erhebt, ist lang. Eigentlich war für Dienstag bereits ein Urteil geplant, doch nach etwas mehr als vier Stunden Verhandlung entschied Richter Andreas Schenke, das Verfahren auszusetzen.

Jetzt soll zunächst einmal die Schuldfähigkeit des Angeklagten untersucht werden. Dann geht das ganze Verfahren von vorne los, und der Richter darf sich ein zweites Mal mit missverständlichen Aussagen und der Frage, wer denn nur wirklich was gesagt und getan hat, befassen.

Banaler Auslöser des Verfahrens war ein Streit zwischen dem Angeklagten und einem Pärchen am späten Abend des 5. Oktober 2018. Wäre es bei gegenseitigen Beschimpfungen und einigen körperlichen Übergriffen geblieben, der Vorfall hätte außer den Beteiligten und den zuständigen Stellen bei Polizei und Justiz kaum jemanden wirklich interessiert, sind solche Dinge doch längst Alltag.

Verteidiger: „Mein Mandant ist ein ängstlicher Mensch“

Doch dann soll ein Satz gefallen sein, der aus dem Allerweltsgeschehen einen viel beachteten Fall machte. „Judenschweine, euch hätte man früher vergast“, soll W. gesagt haben. Möglich ist allerdings auch eine andere Formulierung, die sich in den Protokollen der polizeilichen Ermittler findet. Ein kleiner aber äußerst feiner Unterschied: Hier soll statt des Wortes „Judenschweine“ der Begriff „Nazis“ verwendet worden sein.

Was immer auch an diesem Abend gesagt wurde, heftige Beleidigungen hagelte es bereits vorher. Alexandra B. führte unweit des Bahnhofs Lichtenberg ihren Hund Gassi, als sie auf W. traf, der ebenfalls mit seinem Hund unterwegs war. Dabei soll W. die junge Frau direkt angefahren haben, sie solle sich gefälligst “mit ihrer Töle verpissen“. Unter den Beleidigungen, die W. laut Anklage dabei äußerte, sollen die Worte „Schlampe“ und „Dreckstück“ noch die harmloseren gewesen sein. Stimmt nicht, hielten W. und sein Verteidiger am Dienstag dagegen, die Beleidigungen seien von Alexandra B. ausgegangen.

Die rief am Tatabend direkt ihren Freund Patrick S. hinzu, der zunächst in der Wohnung zurückgeblieben war. Der 33-Jährige schritt ein und soll vom Angeklagten zunächst mit Reizgas besprüht und dann mit einer Hundeleine geschlagen worden sein. Wobei Matthias W. womöglich der stärkeren Wirkung wegen mit dem Ende der Leine zugeschlagen haben soll, an der ein schwerer Karabinerhaken befestigt war.

Ebenfalls falsch, erklärte der Verteidiger. Sein Mandant sei ein ängstlicher Mensch, der jeder Konfrontation aus dem Weg ginge, W. habe sich lediglich verteidigt. Ein Argument, das sich nicht gänzlich von der Hand weisen lässt. Der schmächtige Andreas W. sitzt schüchtern auf der Anklagebank, Patrick S. hingegen misst mindestens 1,95 Meter und hat die Figur eines Bodybuilders.

Der Prozess offenbarte gleich mehrere Widersprüche und Ungereimtheiten. Licht ins Dunkel zu bringen, könnte eine umfangreiche Aufgabe für den Richter sein. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.