Amtsgericht

Nach dem Besuch der Pflegerin war der Goldschmuck weg

| Lesedauer: 3 Minuten
Hans H. Nibbrig
Am Amtsgericht Tiergarten wurde wegen einer Pflegerin verhandelt, die Senioren bestohlen haben soll.

Am Amtsgericht Tiergarten wurde wegen einer Pflegerin verhandelt, die Senioren bestohlen haben soll.

Foto: Taylan Gökalp / dpa

Eine 52-Jährige soll als Pflegehelferin ihre betagten Kundinnen bestohlen haben. Dafür wurde sie vom Amtsgericht Tiergarten verurteilt.

Berlin. Selbst altgediente Richter und Staatsanwälte konnten sich am Montag nicht daran erinnern, dass in Berlin jemals ein Verteidiger in seinem Schlussplädoyer vor Gericht mit aller Entschiedenheit auf der Unschuld seines Mandanten beharrt hätte, um gleichzeitig eine möglichst milde Strafe zu beantragen. Doch genau so endete am Amtsgericht Tiergarten ein Prozess gegen eine 52-Jährige wegen mehrerer Diebstähle. Die verhängten sechs Monate auf Bewährung liegen am untersten Rand des Strafrahmens für derartige Delikte.

Für das Gericht stand am Ende der Verhandlung fest: Radmila T. hat ihre Tätigkeit als Pflegekraft genutzt, um ihre betagten Kundinnen zu bestehlen. „Niederträchtig“ nannte das die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Abgesehen hatte die Serbin es dabei vor allem auf echten Goldschmuck. Der Wortlaut der Anklage und die Aussagen der körperlich schon recht gebrechlichen aber geistig absolut fitten Zeugen lassen gar den Verdacht zu, dass die 52-Jährige ihre Tätigkeit ausschließlich zu diesem Zweck ausübte.

Zwischen Februar und Mai 2018 heuerte die Angeklagte in kurzen Abständen bei drei ambulanten Pflegediensten an. Die vier ermittelten Opfer suchte sie nur einmal in ihren Wohnungen auf, danach ward sie nicht mehr gesehen. Und die Opfer mussten einen oder zwei Tage nach den Besuchen feststellen, dass ihnen Goldschmuck fehlte.

Angeklagte muss Opfern einen Teil des Schadens ersetzten

Der Gesamtschaden in allen Fällen lag bei 8.500 Euro, allein in einem Fall kamen knapp 6.000 Euro zusammen. Die Geschädigten erstatteten Strafanzeigen und die Polizei suchte zunächst die Pflegedienste auf, musste dort allerdings jedes Mal erfahren, dass Radmila T. die Firma bereits wieder verlassen hatte, jeweils kurz nach ihren Einsätzen in den Wohnungen der bestohlenen Frauen.

Natürlich wurden die bestohlenen Frauen befragt, ob andere Personen für die Diebstähle in Frage kommen. Die Aussage einer 76-Jährigen, die sich zuvor mühsam mit ihrem Rollator den Weg in den Sitzungssaal gebahnt hatte, bekräftigte nicht nur den Verdacht gegen die Angeklagte, sondern hatte auch etwas Tragisches. Nur die Angeklagte sei in der Wohnung gewesen, sonst niemand. „Ich kriege nie Besuch“, erklärte die Seniorin.

Mit kaum verhohlener Empörung berichtete die Zeugin dann, Radmila T. sei ihr „ärmlich und ungepflegt“ erschienen, sie habe ihr daher angeboten, ihr einiges von ihrer eigenen Kleidung zu überlassen. Auf sonderliches Interesse sei das Angebot jedoch nicht gestoßen.

Das Gericht hätte gern die Angeklagte selbst befragt, bekam die aber nie zu Gesicht. Sie war weder zum ersten Termin im Mai dieses Jahres noch am Montag erschienen. Damit begründete die Verteidigerin auch ihren ungewöhnlichen Antrag. Radmila T. sei seit langem erkrankt, die Vorwürfe gegen sie hätten ihr stark zugesetzt, sagte die Anwältin und ergänzte: „Meine Mandantin hat keine Kraft mehr, sie will nur noch, dass es vorbei ist“.

Ganz so milde fiel das Urteil am Ende doch nicht aus. Das Gericht legte als Bewährungsauflage fest, dass Radmila T. den Opfern 3.600 Euro Schadenersatz zahlen muss, in monatlichen Raten.