Klimawandel

Bäume in Not - In Berlin herrscht das große Abholzen

Die Berliner Bezirke müssen mehr Straßenbäume abholzen, weil sie geschädigt sind. Es fehlt auch Geld und Personal für die Pflege.

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Foto: C. Schlippes / bm infografik

Berlin. Bäume an Straßen sind unverzichtbar. Spenden sie doch nicht nur in den immer heißer werdenden Sommern Schatten für Mensch und Tier, sie kühlen auch durch Verdunstung, binden Kohlendioxid und gesundheitsschädlichen Feinstaub und spielen damit eine wichtige Rolle für das Mikroklima.

Rein zahlenmäßig hat Berlin in den vergangenen Jahren viel für das Grün am Straßenrand getan. Nach einer Übersicht der Senatsumweltverwaltung ist die Zahl der Straßenbäume in der Stadt von knapp 300.000 im Jahr 1980 auf über 438.000 in 2015 gestiegen. Doch seit einigen Jahren geht es wieder bergab. Anfang 2018 wurden in Berlin noch knapp 433.000 Bäume an den Straßenrändern gezählt, Ende des Jahres waren es nur noch 431.000. Vor allem, weil immer mehr Bäume aufgrund von Schäden und damit verbundener Gefahren für die Sicherheit von Fußgängern, Rad- und Autofahrern gefällt werden müssen.

Bezirke kommen beim Neupflanzen der Bäume nicht hinterher

Gleichzeitig kommen die dafür zuständigen Bezirke mit dem Pflanzen neuer Bäume nicht hinterher. 6228 Fällungen im Jahr 2018 stehen gerade einmal 2135 Neupflanzungen gegenüber. Verschärft wird die Lage durch die heißen und niederschlagsarmen Sommer in den letzten beiden Jahren. Doch nicht allein der Klimawandel, auch der Sparkurs des Senats in ganz unterschiedlichen politischen Konstellationen hat zu der inzwischen als „bedenklich“ eingeschätzten Lage des Baumbestandes beigetragen.

So räumt Umweltstaatssekretär Stefan Tidow in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der SPD ein, dass die für die Pflege der öffentlichen Bäume zuständigen Straßen- und Grünflächenämter der Bezirke aufgrund „massiver Defizite im Bereich Personal, Technikausstattung und Finanzen“ große Probleme hätten, die erforderlichen Aufgaben im Bereich der Baumpflege und Baumkontrolle durchzuführen. „Teilweise müssen erst wieder entsprechende Strukturen in den Ämtern aufgebaut, Personal eingestellt und Technik angeschafft werden, um der Verringerung des Berliner Baumbestands entgegenzuwirken und den Bestand zu entwickeln sowie die bestehenden Bäume fachgerecht zu pflegen“, heißt es in der Stellungnahme der Senatsumweltverwaltung.

Die Bezirksämter bestätigen die prekäre Lage bei den Straßenbäumen. So schreiben die Vertreter des mit Straßengrün besonders gut ausgestatteten Bezirks Steglitz-Zehlendorf (60.838 Straßenbäume, Stand Ende 2018), dass von 2012 bis 2017 im Durchschnitt 50 Straßenbäume pro Jahr gefällt werden mussten. Im Jahr 2018 waren es 61. Ganz anders die Situation in diesem Jahr: „Derzeit gehen wir von rund 300 Straßenbäumen aus. Hinzu kommen noch Hunderte Bäume in Parks und auf Friedhöfen, die entweder komplett oder bereits in weiten Teilen abgestorben sind, so dass sie aus Verkehrssicherungsgründen beseitigt werden müssen.“

Allein Pankow fehlen einige Millionen Euro zur Baumpflege

Die Vertreter von Friedrichshain-Kreuzberg, der Bezirk mit den wenigsten Straßenbäumen (16.128, Ende 2018), teilen mit, dass in Extremjahren viermal so viele Bäume wie in normalen Jahren gefällt werden müssten. So werden im Bezirk bis Ende März 2020 voraussichtlich noch 300 Bäume abgeholzt. In den Jahren 2015 und 2016 verlor der Bezirk lediglich je rund 140 Straßenbäume.

In Spandau (insgesamt 25.553 Straßenbäume) sind vor drei Jahren 560 Straßenbäume, 2017 weitere 1239 Straßenbäume und 2018 insgesamt 791 Straßenbäume gefällt worden. In diesem Jahr sind von Januar bis September bereits 464 Bäume abgeholzt worden. „Weitere Fällungen werden bis zum Jahresende und sicherlich darüber hinaus erfolgen“, heißt es aus dem Bezirk.

Die Behörden von Neukölln (20.772 Straßenbäume) teilten mit, dass ein signifikanter Anstieg der Zahlen im Bereich der Totholzentfernung, der erforderlichen Kroneneinkürzungen und insbesondere auch bei den Fällungen zu beobachten sei.

Das Bezirksamt von Pankow (42.753 Straßenbäume) hat ermittelt, dass für dringend erforderliche Maßnahmen der Verkehrssicherung an Bäumen vier Millionen Euro pro Jahr benötigt werden. Diese Summe übersteige das zur Verfügung stehende Jahresbudget für Baumpflege um das Vier- bis Fünffache. „In diesem Zusammenhang relativiert sich die Forderung nach mehr Pflegemaßnahmen für sinnvolle, aber nicht gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen, wie der Bewässerung von Bäumen“, so die Pankower Bezirksbehörde.

Der von dem Spandauer SPD-Politiker Daniel Buchholz angeregte „Sommerdienst“, mit der vor allem das Wässern der Straßenbäume verbessert werden soll, stößt in den Bezirken eher auf Skepsis. Die Bezirksämter von Mitte und Treptow-Köpenick etwa sehen dafür keinen Bedarf. Wichtiger als Sonderdienste und Notmaßnahmen seien kontinuierlich und planbar zur Verfügung stehende Kapazitäten in den zuständigen Fachbereichen, sagen die Vertreter von Charlottenburg-Wilmersdorf. Nur so könne auch die Widerstandskraft des Baumbestandes nachhaltig erhöht werden.