Verkehr in Berlin

Neue Ausfälle bei der S-Bahn: Elf Wagen aus Verkehr gezogen

Es wurden Risse an den Wagen der ältesten Baureihe entdeckt. Fahrgäste müssen auf zwei Linien mit weniger Plätzen rechnen.

Ausfahrt in Schöneweide: Weil ihr Fahrzeuge fehlen, hat die S-Bahn im Jahr 2011 bereits stillgelegte Züge der Baureihe 485 reaktiviert.

Ausfahrt in Schöneweide: Weil ihr Fahrzeuge fehlen, hat die S-Bahn im Jahr 2011 bereits stillgelegte Züge der Baureihe 485 reaktiviert.

Foto: dpa Picture-Alliance / Robert Schlesinger / picture alliance / dpa

Berlin . Signalstörungen, Notarzteinsätze und Polizeiaktionen. Kunden der Berliner S-Bahn haben vor allem aus diesen Gründen zu Wochenbeginn wieder etliche Verspätungen ertragen müssen. Doch nun ist ein weiteres Problem hinzugekommen. Bei einer planmäßigen Kontrolle haben Techniker an einem Zug der Baureihe 485 einen Schaden im Wagenkasten entdeckt. Die Rede ist von einem Haarriss im Längsträger.

Risse an S-Bahn-Wagen: Überprüfung der gesamten Baureihe angeordnet

Da es sich dabei um ein sicherheitsrelevantes Bauteil handelt, wurde die Überprüfung der gesamten Baureihe angeordnet. Wie S-Bahnchef Peter Buchner am Dienstag mitteilte, mussten bisher elf der insgesamt 80 Doppelwagen der Baureihe wegen vergleichbarer Schäden aus dem Verkehr gezogen werden. Ob es dabei bleibt, ist offen.

Zehn weitere Doppelwagen befinden sich laut Buchner noch in der Werkstatt und müssen genauer untersucht werden. 59 Doppelwagen seien aber ohne Befund und könnten weiter eingesetzt werden. Die Folgen des kurzfristigen Fahrzeugausfalls werden die Nutzer von zunächst zwei Linien zu spüren bekommen.

Deutsche Bahn: Keine Zugausfälle

Konkret heißt das, dass die S85 zwischen Pankow und Grünau zum Fahrplanwechsel nicht wie angekündigt mit sechs, sondern – wie bereits jetzt auch – mit lediglich vier Wagen unterwegs sein wird. Außerdem könnten einzelne Zugverbände auf der Linie S46 (Königs Wusterhausen–Westend) in den nächsten Monaten nur mit sechs statt planmäßig mit acht Wagen fahren. Zugausfälle soll es aber nicht geben, betonte das zur Deutschen Bahn gehörende Verkehrsunternehmen.

Die S-Bahn will die schadhaften Züge sanieren, obwohl sie eigentlich nur noch rund 1000 Tage im Einsatz sein sollen. Denn ab Januar 2021 werden die 485er nach und nach durch Züge der neuen Baureihe 483/484 ersetzt, deren Prototypen bereits zur Erprobung in Berlin fahren – allerdings noch ohne Fahrgäste. Nach vorläufiger Einschätzung können bis Ostern 2020 wieder so viele Fahrzeuge der Baureihe 485 in den Fahrgastbetrieb gehen, dass die S85 auf sechs Wagen verlängert werden kann und Reduzierungen bei der S46 wieder zurückgenommen werden können.

Züge der Baureihe sind bereits seit rund 30 Jahren im Einsatz

Der Fahrzeugpark der Berliner S-Bahn besteht aus drei Baureihen mit insgesamt 650 Doppelwagen. Die BR485 ist dabei die älteste noch in Betrieb befindliche Baureihe. Die wegen ihrer einst rot-schwarzen Lackierung von den Berliner mit dem Spitznamen „Coladosen“ versehenen Züge waren noch für die DDR-Reichsbahn entwickelt worden und wurden zwischen 1987 und 1992 ausgeliefert. Von den 166 gebauten Doppelwagen sind allerdings nur noch 80 im Einsatz. Ein Großteil musste bereits in der Vergangenheit verschrottet werden.

Anders als ihre Vorgänger sind die Wagenkästen der Züge nicht aus Stahl, sondern aus Aluminium gefertigt worden. Die Wagen sind dadurch leichter, das verringert die Belastungen für die Schieneninfrastruktur und reduziert den Energieverbrauch. Nachteil aber ist, dass nach längerer Einsatzdauer größere Schäden auftreten können.

Auch bei BVG-Wagen wurden Risse entdeckt

Unter diesem Problem leidet allerdings nicht nur die S-Bahn, sondern auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die landeseigene Gesellschaft musste in den vergangenen Monaten die auf den Linien U5 bis U9 eingesetzte Baureihe F79 fast komplett außer Dienst stellen, weil bei ihr gleichfalls Risse in den Wagenkästen entdeckt wurden.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb sieht eine Mitschuld an den aktuellen Problemen bei der Politik. „Ärger mit der Coladose? Wenn Berlin rechtzeitig neue Züge bestellt hätte, dann wäre die Baureihe 485 schon längst verschrottet“, kommentierte Igeb-Sprecher Jens Wieseke auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Wieseke bezieht sich darauf, dass sich – unter anderem wegen politischer Querelen zwischen SPD und Linke – die Ausschreibung des Ringbahnnetzes und damit auch die Bestellung neuer Züge um mehrere Jahre verzögert hatte.