Unfall am Alexanderplatz

22 Monate und neun Tage

Fabien Martini starb, weil ein Polizeiwagen sie rammte. Der Polizist hatte bei der Blutentnahme Alkohol im Blut. Eine Rekonstruktion.

Am 29. Januar 2018 kracht ein Polizeiwagen in den Kleinwagen von Fabien Martini. Die 21-Jährige stirbt noch am Unfallort.

Am 29. Januar 2018 kracht ein Polizeiwagen in den Kleinwagen von Fabien Martini. Die 21-Jährige stirbt noch am Unfallort.

Foto: imago stock / imago/Olaf Selchow

Berlin. Der Unfallort ist längst geräumt, die Blutprobe des Polizisten Michael K.* entnommen, Fabien Martini seit Stunden tot, da warten ihre Eltern noch auf einen Anruf von ihr.

Es ist der 29. Januar 2018, ein Montag, großstadtgrau, aufregend für Familie Martini. Fabien, 21, mit Sommersprossen auf der Nase und einem Piercingstecker über dem Lächeln, soll in drei Tagen ein Café am Checkpoint Charlie übernehmen. Auf ihrer To-do-Liste: Mitarbeitergespräche im Café, Gewerbeamt an der Karl-Marx-Allee, dann zur Postbank am Alexanderplatz.

Fabien hatte einen Plan. Sie wollte den Laden aufbauen und sich dann auf ihr eigentliches Ziel konzentrieren: ein Studium bei der Polizei. Hoffentlich übernimmt sie sich nicht, dachte ihre Mutter. Und: Fabi schafft das. Fabi schafft alles.

Vorabendroutine zu Hause in Reinickendorf: Britta macht Abendessen für Fabiens Bruder Enrico und Vater Christian, Gerüstbauer und Türsteher mit passender Statur und grauem Kinnbart. Um 17.28 Uhr schreibt Britta noch eine Whatsapp an Fabien: „Bin von 17.40 bei der Physio, kannst dich ja dann bitte melden. Bin gespannt.“ Fabiens Handy ist zu dieser Zeit längst als Beweismittel beschlagnahmt.

Britta Martini sagt, dass sich jede Einzelheit dieses Montags in ihre Erinnerung gebrannt hat. Der Moment, als sie zur Physiotherapie gehen will, die Fahrstuhltür öffnet, ihr vier Polizistinnen, zwei davon in signalgelben Einsatzjacken gegenüberstehen, wie sie auf ihre Wohnungstür zugehen.

„Wollen Sie zu mir?“
„Sind Sie Frau Martini?“

Die Beamtinnen treten ein, überbringen die Nachricht am Abendbrottisch: Fabien hatte einen Unfall, der war tödlich, der Unfallfahrer war ein Polizist.

Britta erinnert sich, wie sie am Boden liegt, schreit. Auch daran, dass ihr Mann Christian brüllt, er wolle zu seiner Tochter. Sie erinnert sich an Worte der Polizistinnen: Ermittlungen, Beschlagnahme, Obduktion. Daran, wie die Wut ihren Mann anschwellen lässt, wie er den Esstisch umwirft, wie Nudeln, Laptop, Tomatensoße auf dem Boden liegen. Wie er im T-Shirt auf die kalte Straße rennt.

Die Tage und Wochen nach dem Unfall verschwimmen in Brittas Erinnerung hinter einem Schleier aus Tränen. Sie weiß noch, dass sie mit ihrem Mann früh ins Bett geht, um so bald wie möglich aus dem Albtraum zu erwachen. Aber sie schläft nicht ein.

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Der Fehlalarm

Es war wenige Minuten nach 13 Uhr, da entdeckte Fabien am Alexanderplatz eine Parklücke für ihren weißen Renault Clio. Der Verkehr auf der Grunerstraße rauscht hier zwischen Tunnel-Ausfahrt, Einkaufszentren und Mühlendammbrücke auf drei Spuren in eine Richtung, auf fünf Spuren in die andere. Die Parkplätze sind in der Mitte. Da kommt ein Polizeiwagen aus dem Tunnel geschossen. Blaulicht. Polizist Michael K. sitzt am Steuer, ein Kollege daneben. Sie rasen auf der äußersten von fünf Spuren, jene, die am nächsten an den Parkplätzen vorbeiführt. Sie wurden wegen eines Raubüberfalls in der Mall of Berlin alarmiert.

Der Clio rollt gerade quer über die Fahrbahn. Da schlägt der Streifenwagen mit voller Wucht in die Fahrerseite ein, reißt ein Rad ab, zerschmettert die Türen. Das Blech knallt gegen Fabien. Ihre rechte Herzkammer reißt. Um 13.35 Uhr ist Fabien Mar­tini tot. Später wird sich herausstellen: Der Raubüberfall war ein Fehlalarm.

Meine geliebte Fabi, von Mutti am 03.02.2018 um 21:33

Du warst mein 1. Wunschkind
Mein kleiner Engel (...)
Dein Ziel war es Polizistin zu werden
Du sagtest immer: „Da sind so schöne
Männer“ (...)
Doch die „Polizei“ nahm dir das Leben,
bevor du deine Träume verwirklichen
konntest .........
Es zerreißt mir das Herz, dich nicht
mehr in meinen Armen halten zu dürfen

.......

Die Blutprobe

Wenige Tage nach dem Tod von Fabien Martini entsteht eine Gedenkseite im Internet, eine Art virtueller Trauerort für Freunde, Angehörige. Die Eltern nutzen die Seite, um zu ihrer Tochter zu sprechen. Und zur Welt da draußen.

Es ist die Chronik eines Schmerzes, der nicht abklingen will, immer wieder aufflammt: Am ersten Geburtstag, beim Andreas-Gabalier-Konzert, für das schon Karten für Eltern und Tochter gekauft waren, an Weihnachten, als sich der ­Todestag nähert. Und immer wieder montags.

Inzwischen sind es 22 Monate und neun Tage seit Fabiens Tod. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Wut mischt sich unter die Trauer. Dann Verzweiflung. Zuletzt lesen sich die Kommentare wie Klagerufe. Wer sich durch ihre Beiträge liest, der kann beobachten, wie Christian und Britta erst das Vertrauen in die Polizei verlieren. Dann in den Rechtsstaat.

Denn durch Recherchen der Berliner Morgenpost kommen immer mehr Details der tödlichen Fahrt an die Öffentlichkeit. Dass Michael K. mit 134 km/h aus dem Tunnel raste – viel zu schnell an dieser Stelle, auch mit Blaulicht, bestätigt die Polizei. Ein Jahr nach dem Unfall sickert dann dank anonymer Hinweise durch: Michael K. wurde im Krankenhaus eine Blutprobe entnommen, der gemessene Alkoholwert, so hieß es damals, lag bei 1,1 Promille.

Fast zwei Jahre sind vergangen, doch die Anklage ist noch immer in Vorbereitung. „Wir gehen daran kaputt“, sagt die Mutter. Die Martinis hoffen auf eine angemessene Strafe für den Fahrer. Einen Abschluss. Einen Neuanfang. Vielleicht. „Wir möchten einfach nur trauern“, sagt der Vater.

Im Dezember, so erfährt man hinter vorgehaltener Hand, könnte Anklage erhoben werden. Oder im Januar.

Es scheint, als hinge zu viel an dem Verfahren. Es ist einer der brisantesten Fälle für die Berliner Staatsanwaltschaft. Es geht um Vertuschungsvorwürfe. Um die Glaubwürdigkeit der Polizei. Und letztlich um die Frage, ob vor dem Gesetz alle gleich sind.

Glitzerpost für dich, von Mutti am 17.09.2018 um 22:30

Geliebter Sonnenschein,
schon wieder Montag! (...)
Jeden Tag frage ich mich aufs Neue,
wie schaffen wir das? (...)
Man funktioniert einfach nur noch.
Ist das ein Leben????
„ER“ hat soviel zerstört!!!!

Die Polizeifamilie

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Platz nimmt der Polizist in den Gedenken der Martinis ein. Michael K., 52, seit Jahren in der Direktion 3 stationiert. Die Polizeiwache zwischen Plattenbauriegeln in Mitte. Sein Revier: der Alexanderplatz. Viele kennen ihn hier. Das liegt auch am wallenden Kinnbart, am stählernen Blick, den langen, grauen Haaren, seitlich ausrasiert. Wohl auch am Image, das er pflegte. In den sozialen Medien setzte sich Michael K. als eine Art Renegat im Staatsdienst in ­Szene. Über sich selbst sprach er immer wieder als den „Hauptstadtbullen“. Auf einem Schwarz-Weiß-Bild hängt ihm eine Zigarette an der Unterlippe, unter dem aufgeknöpften Holzfällerhemd sind Narben zu sehen, die Arme klammert er um einen Baseballschläger hinter dem Nacken. Darunter ein Filmzitat: „Krieg ist ne schmutzige Sache. Da halt’ ich mich dran. Jetzt wird es schmutzig.“

Als etwa einen Monat vor seinem eigenen Unfall an der Grunerstraße ein betrunkener Lkw-Fahrer auf der A61 verunglückt und eine Polizistin überfährt, schreibt Michael K. noch auf Twitter: „Ich hoffe, dass dieses verfickte Stück Scheiße, das eine Kameradin ermordet hat, auf einen Richter trifft, der unsere Gesetze auch anwenden will.“

So schnell der Polizist Michael K. hier ein Urteil fällt, so viel Nachsicht fordert der Beschuldigte Michael K. in seinem eigenen Fall. Als die Berliner Morgenpost offenlegt, Michael K. sei unmittelbar vor dem Unfall, der Fabien das Leben kostete, mit 134 km/h gefahren, ruft er beim Reporter an, wird laut, spricht von Vorverurteilung, legt plötzlich auf. Kurz nach dem Unfall schreibt er auf Facebook: „Ich bin gerade verdammt froh, dass #polizeifamilie wirklich real sein kann. Danke an euch, die gerade da sind und ihren Arsch riskieren.“

Als nach zwölf Monaten bekannt wird, dass er am Tag des Unfalls getrunken haben soll, zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück, löscht seine Profile, auch den Tweet zur „Polizeifamilie“. Heute ist K. vom Dienst suspendiert.

Kurz vor der Veröffentlichung scheint Michael K. bereit, über seine Sicht auf den Unfall zu sprechen. Er stimmt einem Treffen am Alexanderplatz zu. Man solle ihm nicht übel nehmen, wenn er beim Gespräch mal eine Pause brauche, sagt er am Telefon. Über die ­Alkoholvorwürfe könne er nicht reden, wolle sich aber erklären. In der Nacht vor dem Treffen sagt er ab. Migräne. Dann ein neuer Termin. Eineinhalb Stunden zuvor schreibt er an den Polizeireporter: „Es wird kein Treffen geben.“ Der Grund: „Nach dem, was du ­bisher geschrieben hast, ist dir die Sicht, die ich habe, und was du mit uns gemacht hast, ziemlich egal gewesen.“

Fabiens Eltern sprechen von Michael K. als dem Mörder ihrer Tochter. Sie fordern ein Urteil mit Symbolkraft. „Dann sehen alle anderen Polizisten, dass sie nicht so einfach davonkommen, dass sie genauso bestraft werden wie jeder andere von uns“, sagt Vater Christian. Sein Anwalt Matthias Hardt fordert eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, Trunkenheit am Steuer, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Fahrerflucht.

Die Vorwürfe

Warum dauert die Anklage bei Michael K. so lange? Fragt man die Staatsanwaltschaft, argumentiert sie mit der schrittweisen Aufdeckung des Falles. Fragt man den Anwalt Matthias Hardt, dann sagt er: „Wir gehen davon aus, dass etwas vertuscht wurde.“

Ein Zeuge berichtet, wie Michael K. noch am Unfallort versuchte, Fabien aus dem Wagen zu retten, immer wieder sagte er, er habe sie nicht gesehen. Aus den Akten geht laut Rechtsanwalt Hardt hervor: Polizist R.* sei als erster am Unfallort gewesen, habe das Kommando übernommen und K. in einen Rettungswagen geschickt. Zwei Unfall-Ermittlerinnen soll er dann gesagt haben, K. sei auf dem Weg ins Krankenhaus. Nur, so der Rechtsanwalt: Der Rettungswagen stand noch lange am ­Unfallort. Hardt spricht von einem „verhängnisvollem Corpsgeist“, der zu Verschleppung und Vertuschung beigetragen habe.

Die Staatsanwaltschaft hält dagegen: „Es gibt keinerlei Hinweise, dass Polizisten vor Ort versucht hätten, etwas zu vertuschen. Wenn es auch nur einen Verdacht einer Alkoholisierung gegeben hätte, hätte vor Ort ein Alkoholtest durchgeführt werden müssen.“

Stattdessen gelangt unmittelbar nach dem Unfall aus Polizeikreisen ein Hinweis an die Presse: im Fußraum wurde Fabiens Handy gefunden. Am selben Tag titelt eine Zeitung: „Starb Fabien (21), weil sie abgelenkt war?“ Polizisten sagten anonym, man gehe davon aus, dass Fabien das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt hatte. Später ergab eine Auswertung der Handydaten: Fabien hatte es zur Unfallzeit nicht benutzt.

Ein weiterer Vorwurf des Anwalts: Er habe bereits im September 2018 einen anonymen Hinweis aus der Charité an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Der verwies auf die Blutprobe. Die Staatsanwaltschaft habe Ermittlungen abgelehnt, auf die Vertraulichkeit der ­Patientenakte verwiesen. Erst nachdem zu Fabiens erstem Todestag der Druck der Medien wuchs, habe der Staatsanwalt die Akte angefordert.

Von der Staatsanwaltschaft heißt es dazu: Die Charité hätte den Alkoholwert der Polizei melden müssen. Da das nicht geschah, stand der Verdacht der Strafvereitelung im Raum. Erst über ein Ermittlungsverfahren gegen die Charité-Mitarbeiter habe man Michael K.s Krankenakte beschlagnahmen können.

Dein letzter Weg, von Mutti am 19.02.2019 um 08:23

Guten Morgen mein kleiner Engel,
heute vor einem Jahr mussten wir
den schlimmsten Gang machen,
den Eltern jemals gehen müssen. (...)
Das eigene Kind im Sarg zu sehen....
Zusammenbruch......
Man hat das Gefühl, selbst zu sterben. (...)
Seit gestern gibt es, aufgrund deines
Unfalls, Veränderungen.
Und deinen Namen wird man
bei der Polizei so schnell nicht vergessen!

Der Hoffnungsschimmer

Einen Tag bevor Britta Martini diese ­Zeilen der Hoffnung an ihre Tochter schrieb, hat der Innenausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus getagt. Kamerateams und Dutzende Reporter drängen sich in Saal 311. Fabiens Eltern sind da. Die Polizeipräsidentin Barbara Slowik persönlich verspricht ihnen, „mit vollem Nachdruck und rückhaltlos alles zur Aufklärung Erforderliche“ beizusteuern. Das Disziplinarverfahren gegen Michael K. liege nun auf ihrem Tisch, jetzt sollten nicht mehr die Polizisten der Direktion 3, in der auch K. arbeitete, ermitteln – der Fall ging an das Landeskriminalamt.

Zukünftig soll jeder Polizist nach einem schweren Unfall einen Alkoholtest machen. Bevor Michael K.s Blut­werte bekannt wurden, lag das im Ermessen der Unfallermittler. Auch in Zukunft, so kündigt es Slowik an, sollen bei schweren Unfällen mit Polizeibeamten immer Ermittler aus anderen Abteilungen die Untersuchungen führen.

Im Fall Michael K. soll eine der umfangreichsten internen Ermittlungen in der Geschichte der Berliner Polizei anrollen, bis zu 100 Beamte befragt werden. Es scheint, als wisse die Polizei, dass Fehler gemacht wurden.

Meine Tochter, von Papa am 18.03.2019 um 19:08

Hallo mein Schatz bin mal wieder bei dir
und zünde deine Kerzen an. Ich frage
mich jeden Abend, wie viele Kerzen muss
ich noch anzünden, damit du mich
endlich zu dir holst? Ich sehne mich so
nach dir. Wie lange soll das so
weitergehen? Ich habe keine Kraft mehr.
Ich bin müde und leer. Ich weiß, dass du
willst, dass ich auf Mama und Rico auf-
passen muss. Das weiß ich ja. Aber du
fehlst so in unserem Leben (...)

Der Verlorene

Der Vater Christian steuert seinen Wagen durch die Lichter des Feierabend­verkehrs. Am Himmel blinkt der Fernsehturm, am Rückspiegel baumelt ein Anhänger mit Engelsflügeln. Fabien wollte sie sich auf den Rücken tätowieren lassen. Das Auto hat sich Christian nach dem Unfall gekauft. Es ist ein Renault Clio. Er wollte einen weißen, also exakt den Wagen, mit dem seine Tochter in den Tod fuhr. Seine Frau hat es ihm ausgeredet. Der neue Clio der Martinis ist schwarz.

Jetzt wird die Ampel am Alexanderplatz grün, Christian Martini biegt ab, fährt jetzt über den Tunnel, durch den Michael K. am 29. Januar 2018 mit Blaulicht raste. Das Radio ist aus. Unter dem Gerät hat er ein Schwarz-Weiß-Foto ­aufgestellt. Fabien mit Kussmund und dem Kater Paul auf dem Arm. Ihr Gesicht hat er sich auf die Brust tätowieren lassen. Engelsflügel unterhalb der linken Schulter, eine Art Klagegedicht rechts.

Christian sagt, er fahre jeden Tag zu seiner Tochter. Er meint ihr Grab. Immer wieder an die Unfallstelle. „Ich brauche das“, sagt er. „Ich weiß auch nicht warum.“

Nach dem Unfall habe er drei Monate nicht arbeiten können. Britta Martini sagt, sie habe Angst um ihren Mann, jeden Morgen, wenn er auf den Bau geht. Christian Martini sagt, die Arbeit auf den Baugerüsten falle ihm bis heute schwer: „Weil ich immer noch mit dem Gedanken spiele, irgendwann mal runterzuspringen von oben...“ Den Rest des Satzes murmelt er: „...weil ich zu meiner Tochter möchte.“

Die Sinuskurve

Auch von den Gedanken an Michael K. kann sich Christian Martini nicht befreien. Er will alles über ihn wissen, klammert sich an jede Information über den Todesfahrer, er fragt nach seiner ­Adresse, will vor seiner Wache im Auto ausharren, beobachten.

Im Sommer bekommt er ihn zum ersten Mal zu Gesicht. Es gibt einen ersten Prozess, aber es geht nicht um den tödlichen Unfall mit Fabien, es geht um illegalen Waffenbesitz. Zu ­Hause bei dem suspendierten Polizisten hat man zwei verbotene Schlagringe gefunden. Vater Christian sitzt unter den Zuschauern im Gerichtssaal.

Seine Frau bleibt lieber zu Hause. „Wenn man den Menschen vor sich hat, dann können einem die Sicherungen durchbrennen“, sagt sie. Vater Christian lässt sich von einem Freund begleiten, für alle Fälle. Dabei ist er sicher, dass er sich im Griff hat. „Die warten ja bloß, dass ich austicke. Ich wollte einfach sehen, was das für ein Typ ist.“

Werden Fabiens Eltern nach einem Urteil wegen Michael K.s tödlicher Fahrt Frieden finden? Schon jetzt kursieren in Polizeikreisen mehrere Theorien, wie der Alkohol in Michael K.s Blut kam. Eine handelt davon, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus im Schock ein oder zwei Schnäpse trank. Eine andere davon, dass Desinfektionsspray über einer Wunde die Werte verunreinigt hat. Keine davon ist besonders wahrscheinlich.

Aber am Ende könnte das auch egal sein. Denn für die Staatsanwaltschaft scheint festzustehen: Eine Blutprobe ist zu wenig. Warum? Dafür muss man analytisch denken. Der Alkoholgehalt im Blut baut sich wie eine Sinuskurve auf. Nach dem Trinken steigt er an und fällt irgendwann wieder ab. Gäbe es einen zweiten Messwert, könnte man berechnen, ob Michael K. zum Zeitpunkt des Unfalls mehr oder weniger Alkohol im Blut hatte. Aber es gibt nur einen Wert. Legt man, wie es das Gesetz vorsieht, Michael K.s Sinuskurve und die Toleranzwerte der Messung zugunsten des Beschuldigten aus, bleibt von den 1,1 Promille nicht mehr viel übrig. Obwohl niemand bestreiten kann, dass der Polizist K. Alkohol im Blut hatte.

Aber es gibt inzwischen auch ein zweites Unfallgutachten. Es stellt fest: Beim Tempo des Polizeiwagens wäre der Zusammenprall nicht zu verhindern gewesen. Mit oder ohne Alkohol. Eine Anklage wegen Trunkenheit am Steuer wird immer unwahrscheinlicher.

Ein Engel weint, von Mutti am 08.10.2019 um 23:10

Wie lange wollen SIE uns noch quälen????
Wann wird der Mörder unserer Tochter und seine Komplizen endlich bestraft?

Der Brief

Es gibt ein anonymes Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt. Dort steht: „Wir sind Beamte des Polizeiabschnitts“. In Teilen seien die Verfasser aus der Dienstgruppe von Michael K. „Väter und Mütter, Menschen mit Gewissen“. Die Verfasser des Briefes erklären, sie müssten anonym bleiben, da Repressionen in der Polizei drohten. Und erheben erschütternde Vorwürfe. Michael K. sei in den „vergangenen Monaten in der Dienstzeit des Öfteren durch Alkoholgeruch in der Atemluft“ aufgefallen. Niemand habe trotz Beschwerden an zuständiger Stelle etwas unternommen. In dem Brief heißt es weiter: „Ermittlungen und Befragungen gab es in unserer Dienstgruppe nach dem Verkehrsunfall nie!!!“

Vieles deute laut Insidern auf die Echtheit des Briefes hin: Beschwerdeabläufe, Dienstgrade, Namenskürzel. Auch das von Polizist R., der laut Brief die Warnungen über Michael K.s Trunkenheit im Dienst ignoriert haben soll. Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich bei diesem R. um denselben R., dem Rechtsanwalt Hardt vorwirft, K. am Unfallort gedeckt zu haben.

Doch alle Versuche, Kontakt mit den Verfassern aufzunehmen, laufen ins Leere, ihre Motive bleiben unklar. Nur ein Ex-Kollege, der seit Jahren aus der Polizei ausgeschieden ist, will sprechen. Michael K. sei nicht gerade beliebt gewesen. Aber von Alkohol im Dienst wisse er nichts. Offiziell heißt es von der Polizei: Hinweise auf eventuelle Alkoholprobleme K.s habe es nie gegeben. Und weiter: „Sehr wohl wird solchen Hinweisen im Rahmen von Verfahren nachgegangen.“

Die Staatsanwaltschaft nennt die Aufklärung des Falles Michael K. weiterhin einen der vier wichtigsten in ganz Berlin. Nur auf die Frage, wie viele Polizisten befragt wurden, findet man dort keine eindeutige Antwort. Man könne den Vermerk nicht finden, habe aber recherchiert, gerechnet. Das Ergebnis reicht bei Weitem nicht an die 100 heran, die befragt werden sollten. Man gehe davon aus, dass „elf bis 14 Polizeibeamte“ befragt wurden, darunter Kollegen und Vorgesetzte.

Ein besonderer Tag, von Mutti am 14.10.2019 um 10.46 Uhr

Letzte Woche war Papas 50. Geburtstag
so erdrückend und traurig, weil du nicht
dabei sein konntest.
Um dir ein wenig näher zu sein,
sind Papa und Rico dir gestern ein wenig
entgegengekommen. Um genau zu sein
4000 Meter....
Und immer wieder diese Zeichen. Gestern
war strahlender Sonnenschein. Ein guter
Tag für einen Fallschirmsprung.

Die Frage

Es ist jetzt kurz nach 19 Uhr an der Grunerstraße. Christian Martini parkt seinen schwarzen Clio neben dem Roten Rathaus. Im Halteverbot. Ein Wachmann winkt ihn zu sich, sagt, die Polizei kontrolliere hier oft. Martini läuft weiter, zeigt auf einen Polizeiwagen. Auch im Halteverbot.

Am Gehweg an der Grunerstraße schiebt er einen Bauzaun zur Seite, steigt über Zementblöcke. Die Grunerstraße wird gerade umgebaut. Zwischen Schuttbergen und abgeschnittenen Gestrüpp hat Christian Martini ein Denkmal für seine Tochter aufgestellt.

Er hat es aus einer Palette gebaut, sie mit Holzpflöcken umrandet, mit Rindenmull ausgelegt. In der Mitte steht ein weißes Kreuz, darauf: Fabien (21), 29.01.2018. Warum?

Britta Martini kommt selten hierher, der Schmerz ist zu groß. Sie sagt: „Das ist der Ort, an dem meine Tochter gestorben ist.“ Christian Martini kommt jeden zweiten Abend hier her. Er sagt: „Das ist der Ort, an dem meine Tochter das letzte mal gelebt hat.“

Er kramt neun Grablichter aus seinem schwarzen Rucksack, legt eine weiße Rose nieder.

Dann schließt er den Bauzaun und bleibt noch eine Weile am Straßenrand stehen. Worauf er wartet, kann er nicht sagen.

*Namen aus rechtlichen Gründen von der Redaktion geändert.