KaDeWe-Chef

„Die Stadt kann stolz sein, ein KaDeWe zu haben“

Im KaDeWe eröffnen am Dienstag offiziell drei neue Restaurants und eine Bar. Erstmals seit 112 Jahren kann man auch nachts ins KaDeWe.

Der Chef der KaDeWe-Group, André Maeder

Der Chef der KaDeWe-Group, André Maeder

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Spannung im KaDeWe steigt, denn am Dienstag wird mit viel Prominenz das Ende der ersten Umbauphase gefeiert. Und die Eröffnung von drei neuen Restaurants. Ein Gespräch mit dem Chef des Berliner KaDeWe, André Maeder.

Berliner Morgenpost: Zum ersten Mal seit 112 Jahren öffnet das KaDeWe jetzt auch nachts. Was ist da los, Herr Maeder?

André Maeder: Wir machen einen großen Schritt voran in unserem insgesamt sechsjährigen Umbau, denn wir haben die Hälfte der Zeit geschafft. Für den Masterplan des Umbaus ist der renommierte Architekt Rem Koolhaas verantwortlich, für jede Etage jeweils ein anderer Architekt. Die Pariserin India Mahdavi hat beispielsweise das Women’s Designer Department in der zweiten Etage gestaltet. Und so feiern wir am kommenden Dienstag die Fertigstellung von weiteren 2000 Quadratmetern in der sechsten Etage. Außerdem werden wir die neuen Restaurants, die man durch einen Nachtaufzug erreichen kann, offiziell eröffnen. In der fünften Etage wurde die neue Abteilung „Home Atelier“ gestaltet – mit allen Dingen, die man für zu Hause zum Wohnen braucht. Im Erdgeschoss präsentiert sich dann der erste Luxus-Bereich mit Dior, Louis Vuitton, Chanel und Rolex. Die Marken waren bislang in den Ecken platziert, nun rücken sie zusammen in die Mitte. Damit beginnt eigentlich auch der Umbau des Erdgeschosses.

Das sind große Veränderungen für den Kunden…

Wir machen das Erdgeschoss nicht nur schöner, sondern vor allem auch unkomplizierter. Nach dem Umbau kommt die Parfümerie ganz nach vorne. Wenn Sie das KaDeWe durch den Haupteingang betreten, finden Sie künftig, also ab dem Frühjahr 2021 gleich, rechts neben Gucci, die erste Rolltreppe, die Sie in die Haus bringt.

Das Besondere, das Sie am Dienstag feiern wollen, sind die Restaurants, die auch nach Ladenschluss geöffnet haben.

Richtig. Das ist ein Durchbruch. Nach 112 Jahren hat das KaDeWe dann jeden Abend bis 24 Uhr geöffnet – von Montag bis Samstag. Da geht ein Kindertraum in Erfüllung: Jeder träumt doch davon, einmal im Kaufhaus zu übernachten (lacht). Das können wir zwar nicht bieten, aber jeder kann im KaDeWe ein Glas Champagner trinken, etwas essen – und den Blick über Berlin schweifen lassen.

Und soll dann am nächsten Tag wiederkommen und einkaufen…

Natürlich, das wünschen wir uns. Für uns ist es schon sehr schön, dass wir künftig den Kunden nicht mehr um 20 Uhr nach Hause schicken müssen. Wichtig sind uns zwei Themen: Heute müssen wir die Menschen um 20 Uhr bitten, das KaDeWe zu verlassen. An einem Dezemberabend sind um diese Uhrzeit immer noch ein paar Tausend Leute im Haus. Jetzt haben sie die Chance, im KaDeWe noch zu essen und etwas zu trinken. Und das zweite Ziel ist es, dass diese Restaurants zu einer Destination werden. Es gibt am und rund um den Kudamm tolle Restaurants. Aber in einem Department-Store abends, bis 24 Uhr ein Steak oder ein Wiener Schnitzel zu essen, das ist neu.

Rechnen Sie vor allem mit Touristen? Oder hoffen Sie, dass auch Berliner zum Essen kommen?

Berliner. Touristen bleiben vielleicht, wenn sie am Abend noch im KaDeWe sind. Unser Angebot richtet sich an die Berliner. Wir haben vor zehn Tagen ja das Softopening begonnen, um die Restaurants zu testen – und es kommen vor allem Berliner.

Der Umbau ist ja ein Riesenprojekt, bei laufendem Betrieb. Wie ist der Umbau bislang gelaufen? Halten Sie Ihr Budget ein?

Wir investieren in die gesamte KaDeWe Group – also ins Alsterhaus in Hamburg, ins Oberpollinger in München und ins KaDeWe hier in Berlin – rund 450 Millionen Euro, ins KaDeWe allein 300 Millionen Euro. Wir sind im Budget- und im Zeitplan. Das ist wirklich eine gute Nachricht. Aber die beste Nachricht ist: Der Umsatz in den umgebauten Abteilungen liegt zum Teil bei bis zu 30 bis 40 Prozent über dem Umsatz der alten Abteilungen. Das ist das Entscheidende. Nach drei Jahren Umbau geht unser Plan also auf.

Kommen denn wegen des Umbaus, der ja doch zu Veränderungen, zu Umleitungen im KaDeWe führt, weniger Kunden?

Nein, aber Sie haben recht, es kommen insgesamt weniger Kunden. Das hängt nicht mit dem Umbau zusammen, sondern der Kundenrückgang ist eine bundesweite Entwicklung. Der gesamte deutsche Handel verzeichnet einen Rückgang, wir liegen mit dem KaDeWe da noch besser als der Durchschnitt und haben einen Rückgang im einstelligen Bereich. Der Kundenrückgang hat viele Gründe und hängt mit der Entwicklung in den Innenstädten und auch mit dem Zuwachs des Online-Shoppings zusammen. Dennoch haben wir im KaDeWe unseren Umsatz auf rund 400 Millionen Euro steigern können. Weil wir uns gewandelt haben, in Teilen auch höherpreisig geworden sind, aber auch neue Angebote wie zum Beispiel unsere Sonntagsbrunches eingeführt haben. Ein paar Kunden haben wir verloren, für andere Kunden sind wir aber noch attraktiver geworden.

Weil Sie noch mehr zu einem Luxus-Kaufhaus geworden sind?

Das glaube ich gar nicht. Eher im Gegenteil: Wir sind für viele Kunden attraktiver geworden, weil wir ein Alleinstellungsmerkmal haben und Dinge anbieten, die kein anderes Kaufhaus hat. Einige Kunden sind aber natürlich auch zum Online-Shopping gewechselt oder sie sind weggeblieben, weil wir zurzeit kein Parkhaus haben.

Profitieren Sie vor allem von den Touristen? Von Kunden aus Russland oder dem arabischen Raum?

Das denken viele, aber dem ist nicht so. 50 Prozent unserer Kunden kommen aus Berlin oder dem näheren Umland, 20 Prozent aus dem übrigen Deutschland. Rund 15 Prozent kommen aus den anderen europäischen Ländern, rund 15 Prozent aus außereuropäischen Ländern. Wenn man sich die außereuropäischen Kunden anschaut, dann sind rund 50 Prozent Chinesen, erst danach folgen die arabischen Staaten und auf Platz drei Russland. Und schauen Sie sich nur den Food-Bereich an – hier kaufen vor allem die Berliner ein. Denn kein Tourist nimmt ja ein Steak mit ins Hotel (lacht). Die Berliner, die kaufen bei uns ein.

Im KaDeWe kann man sechs Tage, von Montag bis Sonnabend, einkaufen, online dagegen rund um die Uhr. Wie wollen Sie da standhalten?

Das ist für uns durchaus ein Problem. Nicht nur die Touristen stehen oft enttäuscht vor verschlossenen Türen, auch viele lokale Kunden wünschen sich ein geöffnetes KaDeWe. Schauen Sie sich die Umsätze im e-commerce an, die sind am Sonntag besonders hoch. Niemand stört es, wenn man auf der Couch shoppt. Und es begreift außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz niemand, dass die Geschäfte zu sind. Alle Länder in Europa und der Welt lassen die Sonntagsöffnung zu.

Weil die Kunden Zeit und Muße zu Shoppen haben?

Genau. Die Berliner haben am Samstag und am Sonntag Zeit. Natürlich müssen wir für die Kolleginnen und Kollegen, die am Sonntag arbeiten, eine attraktive Incentivierung bieten.

Es gibt ja dann auch Sonntagszuschläge und Freizeitausgleich…

Richtig. Und manch einer hat lieber am Mittwoch als am Sonntag frei.

Wollen Sie am liebsten jeden Sonntag öffnen?

Wir wünschen uns insgesamt mehr Flexibilität und wettbewerbsgerecht reagieren zu können. Die Gesellschaft insgesamt, die Gewohnheiten, auch das Einkaufsverhalten haben sich stark verändert.

Online kann man beim KaDeWe „on demand“ bestellen, ein Online-Shop ist aber etwas anderes. Wann wird es einen Online-Shop geben?

Ich sage immer: Die Leute treffen keine Kanal-, sondern eine Produktentscheidung. Also: Die Leute denken zuerst an das Produkt, das sie kaufen wollen. Dann entscheiden sie über die Zeit, also wie schnell sie das Produkt bekommen können. Erst an dritter Stelle folgt der Kanal. Ich glaube, man braucht beide Kanäle – das Offline und das Online-Angebot. Wir haben uns entschieden, erst die Marke zu stärken. Also unsere drei Kaufhäuser so aufzubauen, dass die Kunden wissen, was sie bei uns kaufen können. Der nächste Schritt kommt ab März 2021, dann gehen wir mit einem Online-Shop live. Und dort kann man ein repräsentatives Sortiment des KaDeWe und der anderen Häuser bekommen. Die Kunden finden das KaDeWe dann online.

Und so hoffen Sie, die jüngeren Menschen ans KaDeWe zu binden?

Auch. Wir haben die GenZs – so genannt nach der „Generation Z“ – im Blick. Ich glaube nicht, dass die jungen Menschen zu uns kommen, wenn sie nicht vorher online gesehen haben, ob wir die neusten Sneakers oder den coolen Rucksack im Angebot haben. Ohne das digitale Angebot bekommt man Probleme.

Viele junge Menschen gehen jeden Freitag auf die Straße, demonstrieren für mehr Klimaschutz und mehr Nachhaltigkeit. Wie wollen Sie diese erreichen?

Das ist ein guter Punkt. Nachhaltigkeit und Qualität sind schon immer für uns sehr wichtig. Schon seit vier Jahren gibt es im KaDeWe keine Plastiktüten mehr. Perspektivisch wollen wir auch keine Plastikflaschen mehr in den Regalen haben. Das ist ambitioniert, aber das ist unser Ziel. Wir arbeiten hier in der KaDeWe Group mit dem papierlosen Büro. Bei uns findet man auch keine „Fast Fashion“, auch wenn wir natürlich nicht ganz ausschließen können, dass es ein T-Shirt gibt, das in Bangladesch produziert wurde.

Sie wollen mit der KaDeWe Group auch expandieren. Was ist in Düsseldorf und in Wien geplant?

Der Erfolg unserer Strategie hat unsere Shareholder motiviert, in neue Projekte zu investieren. Zum einen geht es um ein neues Haus in Wien, und in Düsseldorf sprechen wir darüber, das Carsh Haus im Zentrum von Düsseldorf zu einem weiteren Premiumhaus der KaDeWe Group zu machen.

Sie haben ja viele Jahre im Ausland gearbeitet und sind jetzt seit sechs Jahren in Berlin. Sind Sie hier angekommen?

Absolut. Meine Frau und ich sind total glücklich in Berlin. Es ist eine coole, lebenswerte und freie Stadt. Gerade wenn man es mit der Schweiz vergleicht, die vielleicht einer der höchsten Lebensstandards der Welt hat, aber sich doch für mich manchmal beengt angefühlt hat. Berlin ist sehr großzügig.

Mit Ausnahme der Berliner Politik…

Wir haben als KaDeWe mit der Berliner Politik keine großen Probleme – außer vielleicht beim BER, der uns in den vergangenen Jahren schon sehr viel mehr Touristen gebracht hätte.

Auch nicht beim Umbau?

Nicht mehr als die üblichen. Uns wurden keine Steine in den Weg gelegt.

Und wie beurteilen Sie das Modebewusstsein der Berlinerinnen und Berliner?

Speziell. Cool. Grunge. Und ganz anders als in Mailand oder Paris. Ehrlich gesagt: Ich finde den Berliner Stil gut, weil er unerwartet ist, rough, aber auch schick sein kann. Ein Black-Tie-Event in Hamburg ist ganz anders als ein Black-Tie-Event in Berlin…

Weil in Berlin alle ohne Black Tie kommen?

(lacht) Weil sie aber auch in Berlin schick aussehen. Ich habe viele Jahre in London gelebt. Mich erinnert Berlin heute an das Notting Hill von damals, Anfang der 90er-Jahre. Leider hat London diese Atmosphäre ein bisschen verloren.

Was erwarten Sie für das Weihnachtsgeschäft?

Wir sind sehr gut gestartet. Für uns sind das die wichtigsten Monate. Im Dezember machen wir doppelt so viel Umsatz wie in einem normalen Monat.

Sie haben auch beim Black Friday mitgemacht?

Richtig, aber bei uns gab es keine Prozente, sondern wir haben ein Event daraus gemacht - mit DJ, Gewinnspielen, bei denen die Kunden Einkaufsgutscheine von 2000 bis 10.000 Euro gewinnen konnten. Wir werden erst ab 18. Dezember mit dem Sale starten. Und unser Ziel ist es, mit solchen Preisnachlässen erst nach Weihnachten zu beginnen. Wie es eigentlich sein sollte. Zurzeit bieten viele Geschäfte acht Monate im Jahr Discount-Angebote, das ist doch Blödsinn.

Zu Weihnachten haben Sie einen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich fürs KaDeWe?

Ich wünsche dem KaDeWe weiterhin glorreiche Jahre – so wie es die letzten 112 Jahre auch waren. Die Stadt kann stolz sein, ein KaDeWe zu haben. Das Menschen glücklich macht, egal, ob sie kaufen oder nicht. Die zehn Millionen Menschen, die jährlich das KaDeWe besuchen, kaufen ja nicht alle etwas. Aber es macht alle glücklich, einmal etwas Schönes zu sehen.

Der Umbau:

Seit dem Frühjahr 2016 wird das KaDeWe umgebaut, für den Masterplan zeichnet der renommierte Architekt Rem Koolhaas verantwortlich. Zunächst wurden der Haupteingang und die zehn Fenster zur Tauentzienstraße umgestaltet, schon im Herbst 2016 konnten dann die ersten neuen Abteilungen eröffnet werden. So auch das „Women’s Designer Department“ in der zweiten Etage, das von der Pariserin India Mahdavi gestaltet wurde. Im Sommer vergangenen Jahres begann dann der Umbau im Erdgeschoss, der noch nicht beendet ist. Mit der Eröffnung von drei neuen Restaurants – „Beef Grill Club by Hasir“, „Laggner Schwemme“, „Lutter & Wegner“ – und einer neuen Bar beginnt am kommenden Dienstag eine neue Ära im KaDeWe.