Prozess um Unfall

Kind stirbt bei Lkw-Unfall - Fahrer erhält Bewährungsstrafe

Ein 61-Jähriger verursachte in Spandau einen Unfall, bei dem ein Siebenjähriger starb. Am Mittwoch verurteilte ihn das Amtsgericht.

Berlin. Im Sitzungssaal 2108 des Amtsgerichts Tiergarten sind am Mittwoch zwei Menschen aufeinandergetroffen, die ein gemeinsam erlebtes schreckliches Ereignis auf eine merkwürdige Weise verbindet. Auf der einen Seite Julia S. (41), die im Sommer vergangenen Jahres bei einem Unfall in Spandau hilflos mit ansehen musste, wie ihr siebenjähriger Sohn Konstantin von einem Lkw überrollt und getötet wurde. Auf der anderen Seite Lorenz K., der 61-jährige Lkw-Fahrer, über den die Berliner Staatsanwaltschaft sagt, er habe den Unfall und damit den Tod des Kindes verhindern können, wenn er beim Abbiegen die erforderliche Sorgfalt an den Tag gelegt hätte.

Lorenz K. ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Und nach stundenlanger Verhandlung mit den Aussagen zahlreicher Zeugen und dem Vortrag des Unfallsachverständigen kam das Schöffengericht in seinem Urteil zu dem gleichen Ergebnis wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage. Es verurteilte K. wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Das Gericht sprach von einem Augenblicksversagen. Ein winziger Moment der Unachtsamkeit, und es ist passiert.

Kind stirbt bei Lkw-Unfall in Spandau: Lorenz K. bog offenbar ohne anzuhalten ab

Die Tragödie, um die es in diesem Prozess ging, nahm am 13. Juni 2018 an der Kreuzung Nauener Straße/Brunsbütteler Damm gegen 7.30 Uhr ihren Lauf. Mutter und Sohn waren mit ihren Fahrrädern auf dem Radweg der Nauener Straße auf dem Weg zur Schule, nachdem sie zu Hause vorher noch über den in vier Tagen anstehenden Geburtstag des Jungen gesprochen hatten. Um 7.35 Uhr sprang die Radfahrer-Amel an der Kreuzung Brunsbüttler Damm auf Grün, beide fuhren los, der Siebenjährige voran.

Zeitgleich passierte auch Lorenz K. die Kreuzung, er allerdings bog offenbar ohne anzuhalten von der Nauener Straße nach rechts in den Brunsbütteler Damm ab. Dabei übersah er das Kind, Konstantin wurde vom vorderen Bereich des Lkw erfasst und stürzte. Bevor er eine Chance hatte, sich wieder zu erheben, wurde er etwa sechs Meter mitgeschleift, bevor die Hinterräder des schweren Fahrzeugs über seinen Kopf hinwegrollten. Einige Zeugen erlebten das Geschehen hautnah, andere wurden nur Augenblicke später durch die Schreie der Mutter aufmerksam. Nur K. bekam zunächst von alldem nichts mit, erst als Passanten gegen seinen Lkw hämmerten, hielt er an und stieg aus.

Prozesse um tödliche Unfälle, insbesondere in der Konstellation Lkw gegen Radfahrer, sind längst trauriger Alltag am Amtsgericht Tiergarten. Aber nur sehr selten ist bislang ein tödlicher Unfall verhandelt worden, bei dem so viele Emotionen zutage traten wie in diesem Fall. Viele der Zeugen wirkten bei ihren Aussagen genauso geschockt und fassungslos wie vor eineinhalb Jahren, als sie das schreckliche Geschehen leibhaftig miterleben mussten.

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Prozess um tödlichen Lkw-Unfall in Berlin: Polizist kämpft mit den Tränen

Ein erfahrender Polizeibeamter, damals als Erster am Unfallort, kämpfte bei seiner Aussage am Mittwoch mehrfach mit den Tränen. „Dieser Tag hat mein Leben verändert“, erklärte der Beamte. Hunderte Tote habe er im Dienst bereits gesehen, „aber so etwas noch nicht“. Den Tränen nah war bei ihrer Aussage auch eine Zeugin, die sich als Erstes um die in Schockstarre gefallene Mutter kümmerte. Fast schon beiläufig erwähnte die Frau, wie sie als erstes ihre Jacke über der Leiche des Jungen ausgebreitet hatte.

Ungewöhnlich gefasst trat in der Verhandlung die Mutter des getöteten Kindes auf. Es war aber nicht schwer zu erkennen, dass sie dafür ein Höchstmaß an Selbstbeherrschung aufbringen musste. Als sie am Unfalltag gesehen habe, wie die Räder über ihren Jungen hinwegrollten, sie ihr sofort klar gewesen, dass dem Siebenjährigen nicht mehr zu helfen sei. „Ich wusste in dem Moment, mein Kind ist tot“, sagte Julia S. dem Gericht.

Lkw-Fahrer soll über toten Jungen gesagt haben: "Hätte er halt besser aufpassen sollen“

Lorenz K. kam in den Aussagen der Zeugen nicht gut weg. In einem kurzen Zusammentreffen mit der Mutter soll er zu dem tödlichen Geschehen geäußert haben, er könne ja nicht auf alles achten. „Hätte er halt besser aufpassen sollen“, soll er gegenüber einer Zeugin geäußert und damit den toten Jungen gemeint haben. Eine weitere Zeugin berichtete, nach seinem Aussteigen und einem Blick auf den abgedeckten Körper des Siebenjährigen habe K. ein kurzes „Ach du Sch…“ geäußert. Und der mehrfach mit den Tränen kämpfende Polizist erinnerte sich, dass der Unfallfahrer ihn gefragt habe, wann die Polizei das unter dem Lkw eingeklemmte Kinderfahrrad des Jungen heraushole, er müsse irgendwann auch weiter.

Er habe den Jungen nicht gesehen, beteuerte Lorenz K. immer wieder. Auch für ihn hatte das Erlebte Folgen. Kurz nach dem Unfall wurde er arbeitslos, er konnte nicht mehr als Berufskraftfahrer arbeiten. „Er hat mehrfach probiert, sich wieder hinter das Steuer zu setzen, es ging nicht“, sagte sein Verteidiger Alexander Pabst. Die kalt und flapsig anmutenden Äußerungen seines Mandanten nach dem Unfall schrieb Pabst dem Schock zu, unter dem auch K. gestanden habe. Das Gericht sah das am Mittwoch ähnlich.

Das Urteil nahmen sowohl Julia S. als auch Lorenz K. ohne erkennbare Gefühlsregung auf. Für beide ändert sich nicht wirklich etwas. Die Mutter bekommt ihren Jungen nicht zurück, und der Unfallfahrer muss weiter mit der Schuld am Tod des kleinen Konstantin leben.