Kriminalität

Deutlich mehr Übergriffe gegen LGBT-Personen in Berlin

Gegensätze in der Gesellschaft nehmen zu, Aggressionen gegen andere Lebensweisen wachsen - so die Analyse von Berlins Polizeipräsidentin. Die Entwicklung zeige sich auch durch mehr Übergriffe gegen Minderheiten. Die Zahlen sehe sie mit "Erschütterung".

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Foto: dpa

Berlin. Die Zunahme ist überdeutlich: Beträchtlich mehr Übergriffe gegen schwule Männer, Transsexuelle und lesbische Frauen in Berlin sind von der Polizei in diesem Jahr registriert worden. Bis Ende September waren es 261 Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe, wie Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Montag bei einer Preisverleihung sagte. Im Vorjahreszeitraum 2018 zählte die Polizei 184 Übergriffe - diese Zahl lag anfangs noch niedriger und wurde mehrfach aktualisiert.

Bei der Veranstaltung des Bündnisses gegen Homophobie am Potsdamer Platz erhielt der Türkische Bund Berlin-Brandenburg den Respektpreis für Verdienste um die Anerkennung der schwul-lesbischen Szene.

Die Polizei geht laut Slowik davon aus, dass es bei homosexuellenfeindlichen Taten ein sehr großes Dunkelfeld gibt, dass also viele Taten nie angezeigt und bekannt werden. Für den deutlichen Anstieg in diesem Jahr, den sie "mit Erschütterung" festgestellt habe, nannte sie mehrere Gründe.

Es gebe eine "zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft", was zu einem "Anstieg der Hasskriminalität" in vielen Bereichen führen würde. Zugleich würden mehr Opfer von homosexuellenfeindlichen Übergriffen als früher zur Polizei gehen und Anzeigen erstatten. Die Polizei sei inzwischen außerdem offener und sensibler bei dem Thema und würde die Gründe für manche Taten eher erkennen und statistisch entsprechend erfassen. Die Tatorte lagen meist in den Stadtteilen Mitte, Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Dort also, wo die Homosexuellen-Szene besonders sichtbar ist. Die große Mehrheit der Opfer bilden nach anderen Statistiken schwule Männer, es folgen Transsexuelle und seltener lesbische Frauen.

Generalstaatsanwältin Margarete Koppers räumte ein, dass die Strafverfolgung in den Fällen schwierig sei. 289 Anzeigen seien bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Aber: "Verurteilungen sind nur zu einem geringen Teil erfolgt." In 60 Prozent der Fälle hätten Verdächtige identifiziert werden können. Viele Verfahren seien aber eingestellt worden, weil die Beweise nicht ausgereicht hätten. In anderen Fällen seien die Täter unbekannt, weil Beleidigungen im Internet anonym erfolgt seien.

In 51 Fällen habe es eine Anklage oder einen Antrag auf einen Strafbefehl gegeben. Überwiegend hätten die Richter Geldstrafen verhängt. Viermal gab es laut Koppers eine Gefängnisstrafe oder Jugendstrafe für Raubüberfälle oder Körperverletzungen.

Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband beklagte, dass Schimpfwörter auf Berliner Schulhöfen oft schwulenfeindlich seien.

Der Sprecher des preisgekrönten Türkischen Bundes, Safter Cinar, sprach das Problem von schwulenfeindlichen Einstellungen unter den Türken und anderen Migranten an. "Man muss zugeben, dass in unserer Community noch mehr Aufklärungsbedarf besteht als in der Mehrheitsgesellschaft." Das zu ändern sei eine Herausforderung. Weil Türken sich oft diskriminiert fühlten, sei die Fähigkeit zur Selbstkritik nicht immer ausgeprägt. Der Türkische Bund wirbt immer wieder mit Projekten und Broschüren für die gleichberechtigte Anerkennung von Homosexuellen.

Auch das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo zählt jährlich homo- oder transfeindlichen Übergriffe: 2018 lag deren Zahl bei 382.