Interview

Burkhard Kieker: „Berlin wird zur Food-Metropole“

„Visit Berlin“ will im kommenden Jahr gezielt die gastronomische Vielfalt der Stadt bewerben.

Burkhard Kieker, Geschäftsführer von „Visit Berlin“, findet: Berlin setzt Trends.

Burkhard Kieker, Geschäftsführer von „Visit Berlin“, findet: Berlin setzt Trends.

Foto: Reto Klar

Im Advent kommen wieder viele Touristen nach Berlin, wegen der Weihnachtsbeleuchtung in der City West, wegen der guten Shopping-Möglichkeiten. Sind es inzwischen zu viele Touristen in Berlin, wie manch einer in der rot-rot-grünen Regierung meint? Oder braucht Berlin eine neue Idee, um weltweit um Besucher zu werben? Ein Gespräch mit Burkhard Kieker, dem Geschäftsführer der Tourismus-Marketinggesellschaft „Visit Berlin“, der seit fast elf Jahren im Amt ist.

Herr Kieker, haben wir zu viele Touristen in Berlin? Ist die Stadt zu voll?

Burkhard Kieker: Nein. Wir sind weit davon entfernt, von Touristen überrannt zu werden. Es ist vielmehr die Aufgabe von Berlin, auch als deutsche Hauptstadt, Schaufenster für dieses Land zu sein. Wir wollen das, was wir haben, an Kultur oder Veranstaltungen, mit möglichst vielen Menschen teilen. Das ist die DNA von Berlin.

In den Jahren nach dem Fall der Mauer sind die Touristenzahlen stetig gestiegen, wir sind von Rekord zu Rekord geeilt. Ist der Wachstum bei den Touristenzahlen endlich?

Wir wachsen im Tourismus kontinuierlich drei bis vier Prozent pro Jahr. Es geht uns aber nicht um neue Rekorde, sondern vielmehr um Qualität und Stadtverträglichkeit. In diesem Jahr werden wir geschätzt rund 33 Millionen Übernachtungen haben. Das heißt, wir sind unter den zehn größten Städten weltweit. Berlin ist aber eine Stadt, die eine solche Besucherzahl relativ gut verkraftet, weil wir so multizentrisch sind. Andere Städte haben das nicht und haben sehr viel mehr Probleme.

Barcelona zum Beispiel?

Barcelona, aber auch Amsterdam. Selbst Paris hat inzwischen Probleme, wenn man an die Mona Lisa nicht mehr rankommt, sondern aus der 27. Reihe ein Foto machen muss, indem man das Handy hochhält. Wollen wir das? Die Antwort ist klar: Nein. Wir setzen in Berlin auf Klasse statt Masse. Und wir setzen unseren Weg damit fort, denn 65 Prozent der Besucher, die nach Berlin kommen, entsprechen dem schon. Es sind nämlich Menschen, die durchschnittlich 40 Jahre alt sind, die sich für Kultur interessieren und in die Stadt kommen, weil sie auftanken wollen, weil sie wissen möchten, wie tickt Deutschland und wie tickt Berlin, wo sitzt die Macht. Sie wollen sich Spitzenkultur ansehen, spitzenmäßig essen, wunderbar in guten Hotels schlafen und dann noch ein bisschen Wellness machen. Um dann entspannt nach Hause zu fliegen und in der, im besten Wortsinn, Provinz, zu erzählen, was sie Großartiges alles in Berlin erlebt haben.

Es kommen aber auch die Partytouristen, die hier Junggesellenabschiede feiern, die Party machen wollen, die sich im Stadtzentrum, in Mitte und in Friedrichshain-Kreuzberg bewegen.

Die Clubs gehören zu Berlin und sind sehr attraktiv. Junggesellenabschiede braucht allerdings kein Mensch – und es gibt diese in Berlin glücklicherweise auch nur vereinzelt. In der Regel ist es der Investment-Banker aus London, der über Gatwick mit Easyjet nach Berlin fliegt und völlig erstaunt ist, dass er eine Opernkarte nicht zwei Jahre vorher buchen muss.

Es gibt ja die Idee, Touristen, die zum zweiten oder dritten Mal in Berlin sind, in die Außenbezirke, also nach Spandau oder Treptow-Köpenick zu locken. Wie erfolgreich sind Sie dabei? Oder besser: Wie nicht erfolgreich sind Sie?

Es gibt viele Menschen, die zum ersten Mal in Berlin sind und sich das Brandenburger Tor oder den Alexanderplatz ansehen wollen. Daran werden wir nichts ändern – und das wollen wir auch nicht. Aber 60 Prozent unserer Besucher sind Wiederholungstäter. Für diese wollen wir Inspiration schaffen und Dinge zeigen, die nicht in den üblichen Reiseführern auf den ersten fünf Seiten stehen. Genau das machen wir als „Visit Berlin“. Wir beraten die Bezirke und sind auf einem guten Weg. Mit dem Projekt „Berliner Moderne“ empfehlen wir Gästen unter anderem in unseren Apps, sich Bauhaus-Gebäude und Industriekultur anzusehen. Und diese liegt in den Außenbezirken. Das ist in diesem Sommer wie verrückt gelaufen, hätten wir nie gedacht.

Braucht Berlin eine neue Idee, um sich weltweit zu vermarkten? Der Mauerfall liegt 30 Jahre zurück, die Bundesregierung ist auch schon 20 Jahre hier…

Die Antwort ist ganz klar: Ja. Wir brauchen eine – und wir haben auch eine. Die Zeit des Aufbaus, des Comebacks von Berlin ist zeitlich abgeschlossen. Die Menschen sind auf der Suche nach authentischen Orten, nach Gefühlen. Berlin ist eine raue Stadt und hat nichts Süßliches, aber den Kitzel einer Weltstadt zu bieten. Das schätzen unsere Besucher, das wollen sie sich anschauen. Wenn man Berlin, heute, nach dem Mauerfall auf ein Menschenleben überträgt, würde man sagen: Die Pubertät ist vorbei.

Sie haben gesagt, die Menschen wollen Kultur, aber auch Spitzenrestaurants erleben. Wie wichtig ist das Thema Sterneküche, Gourmet für Berlin?

Berlin ist zu unserer eigenen Überraschung dabei, zu einer Food Metropole zu werden wie New York, London oder Kopenhagen. Man kommt hierher, um gut zu essen. Unsere Spitzengastronomie ist interessanterweise keine Häppchen-Gastronomie, aber eine, die Trends setzt. Das gilt für die Stadt insgesamt: Berlin setzt Trends. Hier passiert etwas Neues, hier kann man sich ausprobieren, ohne dass jemand sagt, das machen wir nicht. Berlin ist also ein kulinarisches Abenteuer – und wir als „Visit Berlin“ werden im nächsten Jahr sehr gezielt die gastronomische Vielfalt der Stadt bewerben.

Im nächsten Jahr gibt es zwei Highlights: Das Humboldt-Forum soll im Herbst eröffnen, fast zeitgleich der BER. Was bedeutet das für den Tourismus?

Das Humboldt-Forum gemeinsam mit der Museumsinsel ist für Berlin das, was das British Museum für London ist. Oder der Louvre für Paris. Das Humboldt-Forum wird ein konstituierendes Merkmal in der Attraktivität Berlins werden. Erstens durch das, was gezeigt wird – wie durch die Berlin-Ausstellung. Viele Menschen versuchen ja, Berlin zu verstehen. Paul Spies und Moritz van Dülmen sind mit der von ihnen konzipierten Berlin-Ausstellung im Humboldt-Forum da sehr weit vorn. Darüber hinaus ist durch das Humboldt-Forum, das Schloss, was immer man von der Rekonstruktion halten mag, die Mitte Berlins vollendet. Mit dem Humboldt-Forum hat die Stadt wieder eine Mitte, ein kulturelles Herz. Und das erzählen wir der Welt.

Und die Touristen kommen dann über den BER nach Berlin…

Der Flughafen ist deshalb für Berlin wichtig, weil mit der Eröffnung dann auch eine Geschichte endet. Die Geschichte des Unvollendeten. Die Menschen werden erstaunt sein, was für eine tolle, funktionale Anlage der BER ist. Ich glaube nicht, dass man den BER mit einem großen Brimborium eröffnen sollte, sondern still. Und dann kann man die Menschen positiv überraschen. Wo braucht man sonst nur 200 Meter vom Zug zum Flug? Selbst in Frankfurt ist die Strecke länger.

Kommen mit dem BER auch mehr Touristen nach Berlin?

Der BER wird den nächsten qualitativen, nicht quantitativen Wachstumsschub für Berlin auslösen. Wir werden mehr Gäste aus Asien und Nordamerika sehen. Wir werden bei den Kongressen besser werden. Die Trauerstory um den BER wird nach kurzer Zeit vergessen sein.

Ein Dauerthema ist das nicht vorhandene Leitsystem für Touristen. Wann kommt das endlich?

Das liegt in der Verantwortung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ich glaube, man ist auf einem sehr guten Weg (lacht). Der Weg war ein bisschen lang…

Zehn Jahre, oder?

(lacht) Die ersten acht Stelen stehen, 200 sollen es werden, so dass es in zwei Jahren fertig sein müsste. Die Stelen sind wireless Hotspots mit multifunktionalen Bildschirmen, vor allem aber zeigen sie an, wo man ist. Wenn ich mich in New York verlaufen habe, hilft mir das Leitsystem hier und sagt: „You are here.“

Die rot-rot-grüne Koalition ist gegenüber der Tourismusentwicklung nicht sehr positiv eingestellt. Können Sie mit „Visit Berlin“ so werben, wie Sie das wollen?

Ich kann mich überhaupt nicht beklagen. Ich arbeite mit der Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hervorragend zusammen und werde auch unterstützt. Die Bedeutung des Tourismus – 250.000 Arbeitsplätze, 13 Milliarden Umsatz – ist voll erkannt. An den Hotspots wie zum Beispiel an der Admiralsbrücke in Kreuzberg muss etwas getan werden, damit die Menschen dort schlafen können. Wir kümmern uns darum, den Gästen Alternativen anzubieten.

Es gibt aber auch die Idee, ein BVG-Zwangsticket für Touristen einzuführen.

Das sogenannte Zwangsticket hat meiner Meinung nach wenig Aussicht auf Realisierung, denn Zwangsbeglückung ist nie hilfreich. Zumal schon heute 93 Prozent der Touristen die BVG oder die S-Bahn nutzen. Mehr geht eigentlich nicht.

Auch in diesem Jahr gab es wieder Diskussionen, bis die Weihnachtsbeleuchtung, die ja viele Touristen zum Shoppen nach Berlin lockt, in der City West wieder finanziell gesichert war. Warum erkennt der Senat das nicht als seine Aufgabe, warum werden die Sponsoren nicht besser behandelt?

Das eigentliche Wunder ist ja, dass Berlin, diese raue Stadt, eine der führend-sten Weihnachtsdestinationen in Deutschland ist. Die Leute kommen hierher, um einen der rund 80 Weihnachtsmärkte zu besuchen oder an den großen Einkaufsstraßen zu shoppen. Die Gäste erwarten, dass sie in eine Weihnachtsatmosphäre entführt werden. Ich sehe hier den Einzelhandel in der Pflicht, denn der profitiert davon, entzieht sich dieser jedoch und schickt den Steuerzahler vor.

Rund eine Million Menschen feiert in Berlin Silvester. Welchen Tipp würden Sie einem Berlin-Besucher für Silvester geben?

Ich würde jedem Gast empfehlen, sich die Programme der Hotels anzuschauen. Diese geben sich sehr viel Mühe – mit Silvestergalas, mit hervorragenden Menüs, Kulturprogramm und Tanz.