Adventskalender

„El Borriquito“ serviert Leche Frita mit Eis und Früchten

Neben dem Nougat Turrón schätzen Spanier im Advent die Leche Frita. Im „El Borriquito“ wird sie bis Heiligabend als Dessert serviert.

Das Restaurant „El Borriquito“ bereitet für den kulinarischen Adventskalender der Berliner Morgenpost Leche Frita zu.

Das Restaurant „El Borriquito“ bereitet für den kulinarischen Adventskalender der Berliner Morgenpost Leche Frita zu.

Foto: Sergej Glanze

Berlin.  Betritt man das Eselchen, so der Name „El Borriquito“ auf Deutsch, katapultiert die Inneneinrichtung ältere Gäste fünfzig Jahre zurück. Fast so lange gibt es das Lokal an der Wieland/ Ecke Kantstraße. Eigentlich müsste der Schankraum unter Denkmalschutz stehen, denn er ist für Berlin ziemlich einzigartig. Die Patina ist ein Erlebnis, denn viel hat sich seit 1972 nicht geändert.

In einer Ecke sind dutzende leere Kartons mit hochkarätigen Brandys aus Jerez gestapelt. Es sind gewissermaßen Trophäen durchfeierter und durchzechter Nächte. Unzählige Fotos und Zeitungsartikel erzählen fast fünf Jahrzehnte Gastronomiegeschichte aus West-Berlin.

An der Stirnseite des linken Schankraumes hängt ein großes Gemälde im Stil von Goyas Caprichos mit einem Eselchen, von Decke und Wänden baumeln nicht zu zählende Knoblauchzöpfe. Hölzerne Wagenräder, aus denen Glühbirnen mattes Licht verströmen, funktionieren als Lampen und Leuchter. Ländliche Arbeitsgeräte wie Dreschflegel und hölzerne Forken sorgen für iberische Rustikalität.

Und doch geht hier seit den 70er-Jahren besonders spät nachts mächtig die Post ab, geöffnet ist täglich von 18 Uhr abends bis fünf Uhr in der Früh. Ein Überbleibsel aus West-Berliner Vormauerzeiten, in denen es keine Sperrstunde gab.

„Oft wurde es noch später als fünf – ich meine früher“, erinnert sich Frau María de Pilar Jímenez, die zusammen mit José Antelo García, den alle Pepe nennen, das Lokal betrieb, bis vor einigen Jahren Sohn José das Lokal als Geschäftsführer übernahm. In dem ist auch Bruder Javier beschäftigt. Und Pepe und María helfen auch noch fast jeden Abend mit. „Die Familie ist das wichtigste“, sagt sie. Ihren Mann hatte sie Mitte der 70er-Jahre im „El Borriquito“ kennengelernt.

In den wilden 70er- und 80er-Jahren befand sich um die Ecke die Diskothek „Abraxas“. Nach erschöpfender Diskonacht stärkten sich hier Tänzerinnen und Tänzer. Außerdem war das „El Borriquito“ mit feuriger Live-Flamencomusik eine Anlaufstelle für Kellner und Köche, die Feierabend hatten und noch auf einen Absacker vorbeikamen. „Meistens tranken sie mehr als einen. ¡Qué tiempos! – Was für Zeiten“, sinniert Pepe.

Im West-Berlin der 70er- und 80er-Jahre wurde viel gefeiert

Der untersetzte Mittsechziger kam als typischer Arbeitsimmigrant von der Küste Galiziens über Hannover nach Berlin. Nach zwei Jahren als Kellner wusste er, wie in der Mauerstadt der Hase läuft. „Die Leute haben eher zum Essen getrunken als umgekehrt. Jede Nacht wurde gefeiert, es war unglaublich“, erinnert sich Pepe. Als das Lokal an der Wielandstraße frei wurde, mietete er es an. Seither brummt das Lokal.

Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Sohn José. Gegen 19 Uhr ist der mehr als hundert Personen fassende Schankraum fast voll. „Früher gab es viele spanische Produkte gar nicht“, erzählt María, die aus Valencia stammt. „Fisch war immer tiefgefroren. Statt Serrano-Schinken verkauften wir italienischen. Die Chorizo-Paprikawurst stellte ein belgischer Fleischer nach unserem Rezept her. Das hat sich zum Glück komplett geändert“.

Heute empfiehlt Wirt José seinen Gästen frischen Seeteufel galizischer Art, Wolfsbarsch und Dorade, frischen Tintenfisch à la plancha, auf der Stahlplatte gegrillt, Thunfisch mit Kapernsoße, Kaninchenfilet in Knoblauch-Soße. „Zur Weihnachtszeit haben wir viel Lammgerichte auf der Karte, die passen gut zur kalten Jahreszeit, aber auch eine klassische Paella.“ Die kostet moderate 13,50 Euro die große Portion.

Wer es exquisiter wünscht, bestellt Hummer-Paella. „Unser Konzept ist, bodenständige, schnörkellose Küche, etwas für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel“, erklärt José. So gibt es gute spanische Weine wie einen Marquez de Riscal Reserva für unter 30 Euro, aber auch einen Alión aus der Region Ribera del Duero für das fünf- und ein Vega Sicilia ùnico aus der selben Region für 580 Euro. Für José und Bruder Javier geht es darum, „die Gäste so zufrieden zu stellen, dass sie gerne wiederkommen und Freunden davon erzählen“. Eine Maßnahme dabei ist, dass seit vielen Jahren jeder Gast zur Begrüßung eine kleine Tapa und einen Sherry oder ein anderes Getränk erhält.

In der Adventszeit gehört in ganz Spanien Turrón auf den „süßen Teller“, der bei jeder Familie auf dem Wohnzimmer- oder Küchentisch steht. „Aber diese aus Mandeln, Zucker, Honig und Eiklar hergestellte Süßware wird fast ausschließlich industriell hergestellt“, sagt Küchenchef Maximiliano Valero Saez. Der aus der Stadt Albacete in der Provinz La Mancha stammende Mittfünfziger mag bei Turrón besonders die Variation mit kandierten Früchten.

Im „El Borriquito“ wird im Advent Leche frita serviert

Auf seiner Dessertkarte finden sich neun Süßspeisen, darunter der beliebte Flan, eine Art Eierpudding, heiße Feigen mit Eis und grünem Pfeffer, eine Crema Catalana, Schoko-Soufflé und die Leche Frita, Rezept siehe unten. Die Leche frita, übersetzt gebratene Milch, sei „ein klassischer Arme-Leute Nachtisch“, so Valero Saez, „und im ganzen Land sehr beliebt“. Neben Turrón gibt es noch zwei weitere Weihnachtsgebäcke, die ihren Ursprung vermutlich in der Zeit der arabischen Besetzung Spaniens zwischen 711 und 1492 nach Christus haben. Mantecados sind ein Schmalzgebäck in den Geschmacksrichtungen Zimt, Vanille, Schokolade, Zitrone und Kokos.

Sehr beliebt sind die einzeln, in dünnes Papier verpackten Polvorones. Der im Mund wie Pulver zerfallende Teig, daher der Name, wird mit geröstetem Mehl, gerösteten Mandeln, Puderzucker, Schweinefett, Zimt, Zucker und einer Prise Salz hergestellt. „Meine Großmutter hat noch Polverones zu Hause gebacken, aber heute kaufen die meisten Leute sie kiloweise in der Bäckerei oder im Supermarkt“, berichtet Küchenchef Maximiliano.

Die Weihnachtsbräuche unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland. Im Zuge der Globalisierung gäbe es zwar auch an Heiligabend für Kinder kleine Geschenke. Das wichtige Fest findet allerdings fast zwei Wochen später statt, am 6. Januar. Der Feiertag des Heilig-Drei-König-Festes heißt Reyes. „Dann treffen sich die Familien und feiern mit viel Essen, Süßem, sie trinken, so wie hier in Deutschland am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag“, erklärt „Borriquito“-Chef José Antelo Jimenez.