Gesundheit im Alter

So finden Berliner Rentner eine gute medizinische Versorgung

Akutgeriatrie will alten Patienten ermöglichen, selbstständig zu bleiben. Im Sana Klinikum Lichtenberg hilft ein Therapiehund dabei.

Eric Hilf, Vorsitzender des Landesverbandes Geriatrie und Chefarzt am Sana Klinikum Lichtenberg, mit Therapiehund Lewis Oskar.

Eric Hilf, Vorsitzender des Landesverbandes Geriatrie und Chefarzt am Sana Klinikum Lichtenberg, mit Therapiehund Lewis Oskar.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Menschen, die 65 Jahre und älter sind, haben oft mehrere gesundheitliche Probleme gleichzeitig: etwa die Verletzung durch einen Sturz, Inkontinenz, Depression oder Mangelernährung. Diese Patienten können in Einrichtungen der Geriatrie, der Altersmedizin, behandelt werden. „Berlin hat in jedem Stadtteil eine moderne Akutgeriatrie“, sagt Dr. Eric Hilf, Vorsitzender des Berliner Landesverbandes Geriatrie. Dort beginnt die altersmedizinische Betreuung sofort und nicht erst bei einem Reha-Aufenthalt. „Wir haben im Vergleich zu anderen Bundesländern eine ausgesprochen gute und hochwertige Versorgung.“

Die Berliner Morgenpost beleuchtet die wichtigsten Kriterien für die bestmögliche Versorgung im Alter.

Alte Menschen sind etwas Besonderes Ältere sind weitaus verletzlicher als Jüngere. „Wenn ein 20-Jähriger vier Wochen im Krankenhaus liegen muss, dann geht bei ihm vielleicht auch die Muskelmasse runter“, sagt der Geriatrie-Mediziner Eric Hilf. „Aber er hat die komplette Chance, alles wieder aufzubauen.“ Älteren droht jedoch die Gefahr, dass sie ihre Selbstständigkeit zuhause verlieren. „Auch wenn Ältere fit erscheinen, sind es hochverletzliche Organismen, die wenig zuzusetzen haben.“

Übung nach Bedarf Wenn ein 84-Jähriger wegen einer Lungenentzündung akut behandelt wird, können Therapeuten mit ihm frühzeitig Übungen für die Kondition machen. „Wir fragen ihn: In welchem Stockwerk wohnen Sie zuhause? Wie viele Treppen müssen Sie steigen?“, sagt Altersmediziner Hilf. „Weil das unsere Zielmarke ist, die er wieder erreichen soll.“ Dann werde am ersten Tag mit dem Antibiotikum begonnen. „Aber wir starten auch schon mit der Therapie und fragen den Patienten, ob wir Transfer-Übungen machen können – aus dem Bett in den Sitz, vom Sitz in den Stand, vom Stand in den Stuhl. Vom Stuhl in den Flur. Den Flur lang gehen, dann Treppen.“ Je schneller die Therapie beginne, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient wieder in seine häusliche Umgebung entlassen wird.

Individuelle Einschätzung des Patienten Am Anfang steht ein umfangreiches Einschätzungsverfahren, das sogenannte multidimensionale geriatrische Assessment. Ein Team aus mehreren Spezialisten nimmt diese Einschätzung vor. „Damit wir alle Aspekte beleuchten können“, sagt Eric Hilf. „Wir müssen wissen, wie mobil der Betreffende ist, wie er mit den Alltagsaufgaben zurecht kommt.“ Festgestellt wird auch, ob es Anzeichen für Depression oder Demenz gibt.

Geriatrische Einrichtungen in Berlin In Berlin gibt es mehr als 20 geriatrische Einrichtungen. 17 von ihnen sind Mitglied im Bundesverband Geriatrie. Das setzt voraus, dass eine Qualitätsprüfung erfolgt ist und dass diese Einrichtungen bestimmte Mindeststandards erfüllen. Weitere Kliniken haben in diesem Jahr die Aufnahmeprüfung für den Bundesverband beantragt.

Qualitätssiegel Geriatrie „Das Qualitätssiegel ist eine ganz besondere Zertifizierung“, sagt Eric Hilf. „Die Anforderungen sind deutlich höher als zur Aufnahme als Mitglied in den Bundesverband.“ Zum Beispiel: Es muss genügend barrierefreie Therapieräume auf der Station geben. Damit der alte Patient nicht erst in den Rollstuhl gesetzt und in ein anderes Gebäude gefahren werden muss. Eine personelle Voraussetzung: Im geriatrischen Team müssen alle Berufsgruppen vertreten sein. Dazu gehören der hauptverantwortliche Arzt, Pflegekraft, Physiotherapeut, Ergotherapeut, Logotherapeut, Psychologe und Sozialarbeiter. Auch die Abläufe und die Dokumentation in der Geriatrie müssen höheren Anforderungen gerecht werden. Das Qualitätssiegel sei mit einer gewissen Anstrengung verbunden, so Eric Hilf. „In der Regel muss man schon lange Zeit mit der Klinik daran arbeiten, um dann diese Zertifizierung durchzuführen.“

Berliner Kliniken mit Qualitätssiegel Der Bundesverband Geriatrie nennt für Berlin sieben Einrichtungen mit dem Qualitätssiegel Geriatrie: Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg, Evangelisches Waldkrankenhaus Spandau, Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe in Treptow-Köpenick, Alexianer St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte, Dominikus-Krankenhaus Berlin in Reinickendorf, Sankt Gertrauden Krankenhaus in Charlottenburg-Wilmersdorf und die Geriatrie am Sana Klinikum Lichtenberg /Klinik Innere Medizin III.

Übungen für Küche und Bad Im Sana Klinikum Lichtenberg ist in diesem Jahr ein neues Geriatrie-Gebäude eröffnet worden. „Wir durften als Mediziner das umsetzen, was wir uns unter einer modernen Altersmedizin vorstellen“, sagt Chefarzt Eric Hilf. Das Haus ist auch mit Übungsküche und Übungsbad ausgestattet. „Wir orientieren uns daran, wie der Patient in seiner Häuslichkeit wohnt, und da wollen wir ihn wieder hinbringen. Und wenn jemand zuhause kocht, dann üben wir das auch.“ Die Badewanne sei ein schwieriges Utensil. „Es passiert, dass ein älterer Mensch in der Wanne liegt und nicht wieder herauskommt.“ Deshalb üben die Patienten an einer Wanne das Ein- und Aussteigen. „Weil das ihrer Sicherheit und Selbstständigkeit dient.“ Der Neubau in Lichtenberg ist auch mit einer sogenannten Protective Care Unit ausgestattet: einem Bereich für Patienten mit Demenz, für die eine Krankenhausbehandlung sonst erschwert oder nicht möglich ist.

Therapiehund gehört zum Team Der Border-Collie Lewis Oskar in der Geriatrie des Sana Klinikums ist vier Jahre alt. „Er geht mit mir jeden Tag auf die Krankenvisite“, sagt Chefarzt Hilf. Patienten, die den Hund sehen und ihn streicheln wollen, dürfen das tun. Aber sie müssen von ihrem Bett aufstehen und auf den Flur gehen, weil das Tier nicht ins Patientenzimmer darf. „Dann sehe ich als Altersmediziner, wie der Kranke vom Bett auf den Flur kommt, wie er geht, wie er sich bücken kann, wie sein Gleichgewicht ist. Das sind für mich ganz wichtige Punkte.“