Tödlicher Messerangriff

Nach Angriff auf Weizsäcker: Klinik verstärkt Sicherheit

Trotz des Messerangriffs in der Schlosspark-Klinik ist die Krankenhausgesellschaft gegen Zugangskontrollen.

Staatsanwaltschaft - Motiv soll allgemeine Abneigung gegen Weizsäcker-Familie sein

Fritz von Weizsäcker, Chefarzt an der Berliner Schlosspark-Klinik und Sohn von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, wurde am Dienstagabend bei einer Messerattacke getötet.

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Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat nach dem tödlichen Messerangriff auf den Mediziner Fritz von Weizsäcker die Schlosspark-Klinik besucht. Von Weizsäcker war Chefarzt in der Charlottenburger Privatklinik. Dort trug sich die Politikerin in das Kondolenzbuch ein, das seit Mittwoch ausliegt. Sie würdigte den Getöteten als sehr engagierten und anerkannten Mediziner.

„Sein unerwarteter und gewaltsamer Tod reißt eine große Lücke in die medizinische Landschaft Berlins“, sagte die Senatorin. Seine Arbeit und sein Wirken würden nicht vergessen. Nach Angaben einer Klinik-Sprecherin hätten zahlreiche Mitarbeiter des Krankenhauses im Rahmen einer internen Veranstaltung des getöteten Chefarztes gedacht. Man habe die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, hieß es. Details wurden aber nicht genannt.

Nach dem Tod von Fritz von Weizsäcker bei dem Angriff in der Klinik am Dienstagabend sprach sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft gegen Zugangskontrollen aus. „Zugangskontrollen zu installieren, wie wir sie an Flughäfen kennen, ist bei uns nicht möglich“, sagte der Präsident der Organisation, Gerald Gaß. „Wir würden die Abläufe im Klinikalltag massiv behindern.“ Auch bei Patienten würde dies für Unverständnis sorgen.

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„Die Krankenhäuser sind ein öffentlicher Raum, deren Schutz eine Herausforderung ist“, betonte Gaß. Dies versuchten Kliniken im Alltag „bestmöglich zu gewährleisten“. Den tödlichen Messerangriff auf Fritz von Weizsäcker wertete Gaß als „absolute Ausnahme“. Solche Taten seien ausgesprochen selten. Extremereignisse dieser Art ließen sich in einer offenen Gesellschaft auch nie ganz ausschließen.

In Krankenhäusern gebe es zum Beispiel Schulungen für Mitarbeiter und Deeskalationstrainings, schilderte Gaß. Es gehe darum, auffällige Menschen anzusprechen und zu versuchen, „Situationen frühzeitig zu erkennen und dadurch zu vermeiden“, so Gaß. Sicherheitsdienste kämen zum Teil in Rettungsstellen zum Einsatz: Die Ambulanzen, wo viele Menschen aufeinanderträfen, seien Problembereiche. Auch weil sich die Patienten teilweise selbst in einer Ausnahmesituation befänden und aufgeregt seien. Es komme dort öfter zu Streits, bis hin zu körperlichen Übergriffen, wenn sich Patienten oder Angehörige „nicht schnell oder nicht aufmerksam genug betreut und behandelt fühlen“.

Sicherheitsdienste werden in Rettungsstellen eingesetzt

Der 59 Jahre alte Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war während eines öffentlichen Vortrags von einem Zuhörer mit einem Messer am Hals attackiert worden und gestorben. Der Angreifer, ein 57-Jähriger aus Rheinland-Pfalz, wurde von einem zufällig anwesenden Polizisten überwältigt und später festgenommen. Der Polizist wurde schwer verletzt. Der Angreifer sollte nach einem sogenannten Unterbringungsbeschluss noch am Mittwoch in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht werden. Die Unterbringung wolle man in Hinblick auf eine „akute psychische Erkrankung“ des Beschuldigten beantragen, hieß es zuvor von der Staatsanwaltschaft. Das Motiv des Tatverdächtigen liege in einer „wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten“.

Details zu den Wahnvorstellungen wurden vom Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, in Fernsehinterviews nicht genannt. Der Angreifer war zuvor nicht mit Straftaten in Erscheinung getreten. Der 57-Jährige habe angegeben, die Tat geplant zu haben, hieß es. Im Internet sei er auf den Vortrag des Chefarztes in der Schlosspark-Klinik gestoßen. Der Mann sei am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung nach Berlin gefahren. Zuvor habe er noch in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft, um damit die Tat zu begehen.

Dem Polizisten, der dazwischenging, geht es „den Umständen entsprechend“

Dem 33 Jahre alten Polizisten, der beim Angriff auf Fritz von Weizsäcker dazwischenging, geht es laut Polizei „den Umständen entsprechend“. Es befinde sich nicht in Lebensgefahr. Er habe aber nachoperiert werden müssen, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Er war privat beim Vortrag von Weizsäckers in der Schlosspark-Klinik gewesen und hatte den Angreifer überwältigt. Der Beamte ist Kriminalkommissar beim Landeskriminalamt und zuständig für Betrugsermittlungen. Er hat vier Kinder.

„Die Angehörigen des Getöteten haben unser tiefstes Beileid. Dass unser Kollege versucht hat, die Tat zu verhindern, verdient allergrößten Respekt und wir sind heilfroh, dass er außer Lebensgefahr ist“, sagte Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Wir wünschen ihm und seiner Familie alles Gute und hoffen, dass sowohl seine schweren körperlichen als auch die seelischen Wunden schnellstmöglich und vor allem vollständig verheilen.“ Innensenator Andreas Geisel (SPD) teilte mit: „Ich bin erschüttert über diese Tat. Den Angehörigen spreche ich mein tiefes Mitgefühl aus. Ich danke dem verletzten Kollegen der Berliner Polizei für seinen mutigen Einsatz und wünsche ihm schnelle Genesung.“

Angreifer werden Mord und versuchter Mord vorgeworfen

Mehrere der etwa 20 Menschen im Publikum halfen, den Angreifer festzuhalten. Ihm werden Mord und versuchter Mord zur Last gelegt. Seine Wohnung in Rheinland-Pfalz wurde durchsucht. Der Verdächtige soll aus Andernach kommen.

Das Verbrechen löste auch in der Fachwelt Bestürzung aus. „Es ist ein großer Schock und erfüllt mich mit großer Trauer, dass ein hochintellektueller, dem Zeitgeist kritisch gegenüberstehender, unterhaltsamer und bodenständiger Mensch und Arzt wie Fritz von Weizsäcker nicht mehr unter uns weilt“, schrieb sein Medizinkollege Michael Geißler, Sohn von CDU-Politiker Heiner Geißler, in einem Nachruf in der „Welt“. Viele erfolgreiche Wissenschaftler und Ärzte seien von ihm klinisch und akademisch geprägt worden.