Fotografie

Historische Aufnahmen aus West-Berlin

Im Museum für Fotografie sind Ludwig Windstossers Aufnahmen aus dem West-Berlin der 60er- und 70er-Jahre zu sehen.

Berlin. Wer die Ausstellung im Museum für Fotografie betritt, wird gleich von zwei Glasvitrinen mit unzähligen Fotoschachteln empfangen. Ludwig Windstosser (1921–1983) hat ein großes Œuvre hinterlassen – viel zu umfangreich, um es hier vollständig präsentieren zu können. Die 200 ausgewählten Bilder geben dem Besucher aber einen guten Einblick in sein Werk, dem hier erstmals eine große Ausstellung gewidmet ist.

Es war vor allem die Industriefotografie, der Windstosser Erfolg und Auskommen verdankte. Die Röhrenlabyrinthe von Benzinraffinerien, glühendes Metall in den Zangen der Stahlwerker, Frauen an Maschinen in der Textilproduktion oder Bergbauarbeiter mit verkohlten Gesichtern: Windstosser, nach dem Militärdienst (1942–1945) und seiner Fotografenlehre seit 1948 freiberuflich tätig, hat unser Bild der bundesrepublikanischen Industrieästhetik maßgeblich mitgeprägt.

Veränderungen lassen sich gut nachvollziehen

Aber auch das Leben in den Städten war für Windstosser ein Thema, wie die Ausstellung mit vielen Bildern aus Stuttgart belegt – oder auch aus Berlin. Mit seinem Bildband „Berlin: teils teils“, erschienen 1972, fing Windstosser den Alltag im Westteil der Stadt ein – und heute kann man an ihnen gut nachvollziehen, welche Änderungen sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen haben.

Das Angebot eines Zeitungskiosks aus dem Jahr 1970 zeigt eine für den heutigen Betrachter schon fast ungewöhnliche Opulenz. Oder nehmen wir den Blick auf den Tauentzien, der nicht nur viele heute gänzlich verschwundene Automodelle festhält, sondern auch die Brücke, die damals noch über die stark befahrene Straße führte.

Ludwig Windstosser stellte seinen städtischen Erkundungstouren auch immer wieder Landschaftsaufnahmen gegenüber. Und er gehörte in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auch der avantgardistischen Gruppe „fotoform“ an, die sich auf die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen begab und grafische Werke mit harten Kontrasten, ungewöhnlichen Perspektiven und hohem Wiedererkennungswert schuf.

Bleistiftnotizen auf der Rückseite der Abzüge

Ein Bild konnte dabei nur dann als echtes „fotoform“-Bild gelten, wenn es von allen Mitgliedern der Gruppe auch als solches anerkannt wurde. Die entsprechende Korrespondenz darüber fand unter anderem mit Bleistiftnotizen auf der Rückseite der Abzüge statt – auch hierfür finden sich einige spannende Beispiele in der Ausstellung, zu der auch ein 80-seitiger Begleitband mit ausgewählten Arbeiten Ludwig Windstossers erschienen ist.

Ludwig Windstosser: Fotografie der Nachkriegsmoderne. Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Charlottenburg. Geöffnet Fr.–Mi. 11–19 Uhr, Do. 11–20 Uhr. Mo. geschlossen. Eintritt zehn Euro, ermäßigt fünf Euro. Bis 23.2.2020. Alle Informationen zur Ausstellung mit den historischen Berlin-Fotos von Ludwig Windstosser erhalten Sie auch auf der Website des Museums für Fotografie.