Fachkräftemangel

Warum so viele Berliner Azubis ihre Lehre abbrechen

In Berlins Sanitärbranche gibt es eine hohe Abbrecher-Quote bei Azubis. Eine Studie zeigt die Gründe. Die Innung reagiert nun.

40 Prozent der Auszubildenden im Sanitär-, Heizungs- und Klimabereich hören vorzeitig auf. Woran das liegt, hat der Soziologe Peter Biniok über zwei Jahre wissenschaftlich untersucht.

40 Prozent der Auszubildenden im Sanitär-, Heizungs- und Klimabereich hören vorzeitig auf. Woran das liegt, hat der Soziologe Peter Biniok über zwei Jahre wissenschaftlich untersucht.

Foto: David Heerde

Berlin. Eine neue Heizung, eine kaputte Gastherme oder schlicht ein tropfender Wasserhahn: Jeder hat es früher oder später mit einem Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klima (SHK) zu tun. Relativ viele junge Menschen entscheiden sich für den Beruf. Im aktuellen Ausbildungsjahr sind es in Berlin laut Innung an die 340. Dennoch plagt die Branche Nachwuchssorgen.

Denn es scheint nicht zu gelingen, die neuen Kräfte zu halten. „40 Prozent Abbrüche – das erschien uns geradezu unerträglich“, sagt Berlins Innungsgeschäftsführer Andreas Koch-Martin. Zum Vergleich: In anderen Berliner Gewerken liegt die Abbrecher-Quote bei 39 Prozent, bundesweit in allen Handwerken bei 28 Prozent.

Um dem entgegenzuwirken, startete Koch-Martin vor zwei Jahren das wissenschaftliche Modellprojekt „Ausbildung stärken – Nachwuchskräfte binden“, dessen Ergebnisse am Dienstag im SHK-Ausbildungszentrum in Gesundbrunnen vorgestellt wurden.

Meiste Lehrlinge kündigen wegen schlechter Behandlung

Ziel dabei war es zunächst herauszufinden, warum so viele Lehrlinge abbrechen. Dazu führte der Soziologe Peter Biniok Befragungen unter Betrieben und Lehrlingen durch und kam zu dem Schluss: „Die Hauptursachen für Kündigungen liegen primär im zwischenmenschlichen Bereich.“

Zu wenig Geld oder unangenehme Arbeitszeiten seien weniger das Problem. Denn Lehrlinge geben als häufigste Gründe für Vertragslösungen schlechte Behandlung (58 Prozent) und ein schlechtes Betriebsklima (55 Prozent) an, während die Unternehmen selbst aufgrund von mangelnder Motivation (48 Prozent) und Fehlverhalten (40 Prozent) der Auszubildenden kündigen.

Am Anfang braucht es eine Schonzeit

Konkret hat Biniok Probleme in drei Bereichen identifiziert: Beim Ausbildungsstart (dem sogenannten „Onboarding“), im weiteren Verlauf und in Fragen der Wertschätzung und Gleichberechtigung. Am Anfang werde relativ häufig direkt zum Tagesgeschäft übergegangen, sagte der Soziologe.

„Dabei gibt es gewisse Hierarchien, und die Behandlung der Auszubildenden lässt womöglich zu wünschen übrig.“ Stattdessen brauche es eine Willkommenskultur und eine gewisse Schonzeit. „Der Übergang von der Schule in den Handwerksberuf muss besser begleitet werden.“ Das sehen zwar auch 82 Prozent der Betriebe so. Allerdings ist es nur für 18 Prozent der Azubis gelebte Praxis.

Überstunden werden als selbstverständlich angesehen

Im weiteren Verlauf gebe es dann oft Probleme in der Ausbildungsorganisation und -praxis, so Biniok weiter. So würde das Wissen oft von Gesellen vermittelt, die zwar fachlich kompetent sind, aber pädagogisch nicht ausreichend qualifiziert.

Auch regelmäßige Rückmeldungen sowie ein betrieblicher Ausbildungsplan seien nicht selbstverständlich. „Es gibt immer die Betriebe, die das perfekt erledigen, aber in der Gesamtheit gibt es bei diesen formalen Anforderungen Nachholbedarf.“

Mangelnde Anerkennung sei das dritte große Problem, sagte Biniok. „Wenn Auszubildende Überstunden machen, ist das quasi normal. Wenn sie aber mal eine Stunde früher gehen wollen, müssen sie das lang und breit begründen.“

Der Leitspruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ sei überholt. Man dürfe den Nachwuchs zwar nicht in Watte hüllen, dürfe ihn aber auch nicht brechen. Außerdem würden sich die Lehrlinge von ihren Betrieben auch feste Ansprechpartner und einen netteren Umgangston wünschen.

Erkenntnisse sollen in Broschüren und Schulungen vermittelt werden

Die Studie ist nur Teil eines Modellprojekts. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse plant die Innung nun weitere Schritte. Damit wende man sich direkt an die Betriebe, sagte Biniok. Denn die seien vor allem dafür verantwortlich, dass es passt.

So sind zum einen Broschüren geplant, mit denen die Erkenntnisse vermittelt werden sollen. Durch einen Selbsttest können Betriebsleiter und Gesellen einschätzen, wie gut ihre Qualität als Ausbilder ist.

„Außerdem wollen wir den Ausbildendenden durch geeignete Schulung unter die Arme greifen und ihnen vermitteln, wie sie ihr Wissen richtig weitergeben können“, sagte Biniok. Darin solle es auch der Umgang mit etwaigen Generationenkonflikten gehen.

Hier sieht Innungschef Koch-Martin den besonderen Fokus. „Die Ausbilder sind fast die halbe Miete einer Ausbildung, weil sie die jungen Menschen durch den praktischen Alltag führen.“ Wenn das nicht funktioniert, könne man alles andere vergessen.

Senat finanziert Projekt mit 250.000 Euro

Das Projekt wurde vom Senat mit 253.700 Euro finanziert. „Es geht darum, die Ausbildungsqualität zu erhöhen und die Zahl von vorzeitigen Abbrüchen und Vertragslösungen zu verringern“, sagte Margrit Zauner, Leiterin der Abteilung Arbeit und Berufliche Bildung in der Senatsarbeitsverwaltung.

Wichtig sei, dass es mit einer fundierten wissenschaftlichen Analyse unterlegt ist. Von der sollen demnächst auch andere Handwerksbereiche profitieren. „Die Herausforderungen, die wir identifiziert haben, treffen auch auf andere Gewerke zu“, sagte Soziologe Biniok. Entsprechend seien auch die Maßnahmen übertragbar. Und Interessenten gebe es bereits.