Wegen Totschlags

Zwilling getötet - Ärzte erhalten Bewährungsstrafen

Weil sie ein Kind mit Hirnschaden bei der Geburt durch eine Injektion töteten, sind zwei Arzte wegen Totschlags verurteilt worden.

Für das Töten des Zwillings erhielten die beiden Ärzte Bewährungsstrafen (Symbolbild).

Für das Töten des Zwillings erhielten die beiden Ärzte Bewährungsstrafen (Symbolbild).

Foto: David Ebener/dpa

Berlin. Im Juli 2010 brachten Ärzte des Vivantes-Klinikums Neukölln bei einer Zwillingsgeburt mittels Kaiserschnitt ein gesundes Mädchen zur Welt. Den zweiten Zwilling, bei dem zuvor ein Hirnschaden festgestellt wurde, töteten sie kurz darauf mit einer Kaliumchloridinjektion. Neun Jahre später wurden sie dafür jetzt vom Landgericht wegen Totschlags verurteilt.

Gegen den damaligen Chefarzt der Gynäkologie, heute 73 Jahre alt und längst im Ruhestand, verhängten die Richter ein Jahr und neun Monate, gegen eine heute 58 Jahre alte Oberärztin ein Jahr und sechs Monate. Beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Das vergleichsweise milde Urteil (Mindeststrafe für Totschlag: fünf Jahre) verdankten die Angeklagten vor allem dem Umstand, dass das Gericht von einem minderschweren Fall ausging.

Zwilling im Vivantes-Klinikum Neukölln getötet - Fall könnte beim BGH landen

Es war ein ungewöhnlicher Fall, über den die Richter zu befinden hatten. Entsprechend groß war das Medienaufgebot, als am Dienstag das Urteil gesprochen wurde. Während der fünf vorangegangenen Verhandlungstage hatten sich die beiden Angeklagten wortreich verteidigt, der Urteilsverkündung und Begründung folgten sie schweigend und regungslos. Prozessbeobachter rechnen damit, dass der Fall aufgrund seiner Besonderheit am Ende beim Bundesgerichtshof (BGH) landet.

Die Schwangerschaft der damals 27-Jährigen war von Beginn an als Risikoschwangerschaft eingestuft worden. In der 32. Schwangerschaftswoche kam es zu Komplikationen, bei Untersuchungen wurde bei einem Zwilling der Hirnschaden festgestellt. Vor der Geburt am 12. Juli 2010 um 5.20 Uhr entschieden sich die beiden Ärzte schließlich für die Tötung als äußerstes Mittel. Nachdem sie zunächst die Nabelschnur abgeklemmt und somit die Versorgung des Kindes unterbrochen hatten, spritzten sie das tödliche Mittel.

Richter: Argumente der Ärzte „konstruiert und unglaubwürdig“

In der Verhandlung begründeten die Angeklagten und ihre Verteidiger dies mit der medizinischen Notwendigkeit, jede Gefahr für den gesunden Zwilling auszuschließen. Für sie war die Tat ein zulässiger Schwangerschaftsabbruch. Der ist allerdings nur während der Schwangerschaft in Form einer sogenannten Spätabtreibung unter besonderen Voraussetzungen zulässig, nach Einleitung der Geburt wie in diesem Fall nicht mehr, eine Straftat hätte somit auf jeden Fall vorgelegen.

Das spielte für das Urteil des Gerichts allerdings keine Rolle mehr, denn in seiner Urteilsbegründung bezeichnete der Vorsitzende Matthias Schertz die Rechtfertigungsversuche der beiden Mediziner in überaus deutlichen Worten als „konstruiert, unglaubwürdig und abwegig“. Eine Gefahr für den gesunden Zwilling habe zu keiner Zeit bestanden, mit ihrem Vorgehen seien die Ärzte ausschließlich dem drängenden Wunsch der Eltern gefolgt, nur das gesunde Mädchen zur Welt zu bringen, sagte Schertz.

Richter spricht von „Aussortieren eines kranken Kindes“

Er bezeichnete das Vorgehen der Mediziner unter anderem als von langer Hand geplant. Im Verhandlungssaal herrschte beklommene Stille, als der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer vom „Aussortieren eines kranken Kindes“ sprach. Dies sei, so Schertz, ein Schlag ins Gesicht jedes behinderten Menschen und in keinem Fall hinnehmbar.

Beim Strafmaß nahm das Gericht eine unterschiedliche Bewertung beider Angeklagter vor. Die Oberärztin habe während der Verhandlung „so etwas wie Einsicht“ gezeigt und glaubhaft versichert, so etwas werde ihr nicht noch einmal passieren. Der ehemalige Chefarzt hingegen glaube vermutlich heute noch, er habe richtig gehandelt, sagte Schertz an die Adresse des 73-Jährigen gewandt.

Zugute gehalten wurde beiden Angeklagten die lange Verfahrensdauer. Die Ermittlungen waren nach einer anonymen Anzeige in Gang gekommen und immer wieder ins Stocken geraten, unter anderem durch den notwendigen Austausch eines Gutachters. Der heute noch tätigen Oberärztin drohen als Folge der Tat bei Rechtskraft des Urteils standesrechtliche Folgen, unter Umständen gar der Entzug ihrer Approbation.