Kinder- und Jugendhilfe

Berliner Jugendämter gaben Kinder zu Pädophilen

Über Jahrzehnte gaben Berliner Ämter Kinder in Obhut pädophiler Pflegeväter. Eine Studie untersucht die ungeheuerliche Praxis.

Helmut Kentler, Psychologe vom Pädagogischen Zentrum Berlin im Jahr 1971

Helmut Kentler, Psychologe vom Pädagogischen Zentrum Berlin im Jahr 1971

Foto: Ingo Barth / ullstein bild - Ingo Barth

Berlin. Über einen Zeitraum von mindestens drei Jahrzehnten haben Berliner Jugendämter Kinder in die Obhut pädophiler Pflegeväter gegeben. Und das, obwohl der Initiator dieses – wie er es nennt – Experiments das bereits 1988 öffentlich gemacht hat.

Der Psychologe und Sozialpädagoge Helmut Kentler schrieb damals in einem Bericht im Auftrag der Senatsverwaltung: „Es gelang mir, die zuständige Senatsbeamtin dafür zu gewinnen.“ Dass es in den Pflegestellen von mindestens drei wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen vorbestrafter Hausmeister zu Übergriffen kam, war offenbar sogar das Ziel des Experiments. „Mir war klar, dass die drei Männer vor allem darum so viel für ‚ihre Jungen‘ taten, weil sie mit ihnen ein sexuelles Verhältnis hatten“, schrieb Kentler damals.

Seitdem haben Betroffene ihre Geschichte öffentlich gemacht, blieben bis mindestens 2003 Jugendliche in der Obhut von Pädophilen, die Pflegeväter von den Behörden weitgehend unbehelligt, ist Kentler 2008 gestorben, wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Mittäterschaft von Jugendamtsmitarbeitern geführt – und im September dieses Jahres eingestellt.

Forschungsteam arbeitet an Aufdeckung des Kentler-Komplexes

Seit März arbeitet ein Forschungsteam der Universität Hildesheim im Auftrag der Senatsverwaltung für Bildung daran, den gesamten Kentler-Komplex aufzudecken. Am Montag stellten sie gemeinsam mit Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen Zwischenbericht vor. 27 Seiten. Darin stehen mehr Fragen als Antworten.

Ungeheuerlich und erschütternd sei das Geschehen, sagte Scheeres einleitend. „Eigentlich geht es in der Kinder- und Jugendhilfe darum, das Wohl der Kinder wiederherzustellen. Genau das Gegenteil ist geschehen.“ Sie dankte den Betroffenen für ihre Bereitschaft, ihre Erfahrungen mit den Wissenschaftlern zu teilen. Und sagte: „Das ist ein Thema, das aufgearbeitet werden muss.“

Nur zwei Betroffene vertrauten sich den Forschern an

Viel Konkretes konnten die Sozial- und Organisationspädagogen sowie Erziehungswissenschaftler aus Hildesheim bislang aber nicht liefern. Drei Betroffene hätten sich gemeldet, zwei hätten sich den Forschern anvertraut. Zur Gesamtzahl der Fälle könne man sich, so Wolfgang Schröer aus dem Forschungsteam, nicht äußern. Nur so viel: Es gebe Hinweise auf mehrere beteiligte Pflegehaushalte. Auch auf mehr als drei Betroffene. Für konkrete Zahlen wäre es aber „absolut verfrüht“.

Die Forscher können auch nicht erklären, warum der Senat und die zuständigen Behörden den Kentler-Bericht von 1988 anscheinend ungerührt hinnahmen. Bislang fänden sich keine Anzeichen dafür, dass die Senatsverwaltung damals in irgendeiner Weise reagiert habe.

Kentler setzte sich für Legalisierung von Sex mit Kindern ein

Untersucht hat die Studie unter anderem eine Fallakte der Pflegestelle von Fritz H. in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten. Dort wurden zwei Betroffene im Alter von fünf Jahren seit 1989 und 1991 untergebracht. Kentler war damals Abteilungsdirektor des Pädagogischen Zentrums in Berlin, seit Ende der 60er-Jahre setzte er sich dafür ein, Sex mit Kindern zu legalisieren. Von der Unterbringung vernachlässigter Kinder bei Pädophilen versprach er sich laut seinen Berichten eine heilende Wirkung. Die Berliner Senatsverwaltung schätzte ihn als Experten und finanzierte Pflegestellen bei Pädosexuellen.

Meike Baader, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften in Hildesheim, warnte davor, Kentlers Projekt und die Fehler der Berliner Behörden ausschließlich im Kontext von Reformpädagogik und sexueller Befreiung Ende der 60er-Jahre zu sehen. Bei den Berliner Fällen handle es sich um „Strukturen, die weit über diesen Zeitraum hinausgehen“.

„Nahezu vollständige Abschottung von der Außenwelt“

Betroffene berichteten den Forschern, dass sie während ihrer Zeit bei ihrem pädophilen Pflegevater keine Kontakte mit dem Jugendamt hatten. Im Bericht ist die Rede von einer „nahezu vollständigen Abschottung durch die Pflegeperson von der Außenwelt“. Eine klare Verletzung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, stellt der Bericht fest. Warum die Jugendhilfe die Jungen scheinbar völlig unbehelligt ihrem Peiniger überließ, während in dessen Obhut ein weiteres, schwerbehindertes Pflegekind verstarb, werde für die weitere Aufarbeitung von zentraler Rolle sein.

Als nahezu einziger Außenkontakt der Pflegefamilie wird von den Betroffenen Helmut Kentler selbst genannt. So habe man bei ihm die Weihnachtsfeiertage verbracht, den Pflegevater habe er regelmäßig telefonisch beraten.

Wissenschaftler wollen Abschlussbericht 2020 vorlegen

Nun wolle man klären, welche Rolle der Senat in der Pflegekinderhilfe gespielt hat. Dabei steht schon jetzt fest: Laut Carolin Oppermann, eine der Autorinnen des Zwischenberichts, sei aber festzustellen: Bei der Berliner Pflegekinderhilfe handle es sich um ein uneinheitliches Konstrukt, das zum Teil intransparent ist und abhängig von der Entscheidung einzelner Personen. Bis heute.

Scheeres sagte, man werde sich mit der Diskrepanz von gesetzlichen Vorgaben und Praxis in der damaligen Pflegekinderhilfe auseinandersetzen – und heutige Strukturen überprüfen. „Wir sehen auch, dass der Zeitraum, den es zu betrachten gilt, länger ist als zunächst angenommen.“ Bisher, so steht es im Zwischenbericht, habe es keine systematische Auseinandersetzung mit dem Einfluss Kentlers auf die Pflegekinderhilfe gegeben. Seit 1988 nicht. Im April 2020 wollen die Wissenschaftler ihren Abschlussbericht vorlegen.