Start-up

Mit „Crema de Café“ macht eine Berlinerin Nutella Konkurrenz

Julia Stenschke gelang mit einem Brotaufstrich der Durchbruch. Mit der Creme begeisterte sie sogar Investor Carsten Maschmeyer.

Julia Stenschke hat mit dem Aufstrich „Crema de Café“ einen Nutella-Konkurrenten aus Berlin kreiert.

Julia Stenschke hat mit dem Aufstrich „Crema de Café“ einen Nutella-Konkurrenten aus Berlin kreiert.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Berlin. An einem kalten Herbstmorgen fegt Wind über die Bürgersteige und wirbelt Laub auf, dazu nieselt es. Man steht in einem heruntergekommenen, vollgesprühten Hauseingang eines Berliner Altbaus – und das im sonst so herausgeputzten Prenzlauer Berg.

Hier ist das Start-up von Julia Stenschke. Der Frau, die den „Höhle-der-Löwen”-Juror Carsten Maschmeyer mehr oder weniger im Vorbeigehen zu ihrem Investoren gemacht hat.

Und tatsächlich: „Wunderber AG“ steht auf einem Papierschnipsel, der neben Stenschkes Klingelschild klebt. Sekunden später sitzt man dann tatsächlich in ihrem Büro, an ihrem Schreibtisch, der eigentlich ein Esstisch ist.

Warmes Licht strahlt von der hohen Decke herab. Die 24-Jährige kocht gerade in der Küche einen Pfefferminztee, und wie man sich so umsieht in ihrem Büro, einem schicken Gründerzeit-Altbau mit Flügeltüren und knarzenden Dielen, wird man fast ein bisschen neidisch.

Creme hat es in die Supermarktregale geschafft

Das Objekt der Begierde steht dabei schon auf dem Tisch bereit, neben einem Brotkorb voller Croissants: die Kakao-Kaffee-Creme, von der inzwischen schon mehr als 100.000 Stück in den deutschen Supermarktregalen stehen – und die Julia Stenschke innerhalb von nur wenigen Wochen zur erfolgreichen Unternehmerin gemacht hat.

Stenschke selbst scheint all das noch gar nicht richtig realisiert zu haben und erzählt euphorisch von einer Freundin, die kürzlich hier am Tisch gesessen und ein ganzes Glas ausgelöffelt habe. „Dass meine Freundin da sitzt und meine selbst erfundene Schoko-Creme isst“, jubelt die Gründerin.

Große, aufgeweckte Augen blicken einen über den Esstisch an. Eine flammende Begeisterung schwingt in ihrer Stimme mit – es ist wohl dieselbe, mit der sie vor zwei Jahren Carsten Maschmeyer und sein Team in ihren Bann gezogen hat. Über den Dächern von Berlin, im 29. Stock des Upper West, wo sie den Unternehmer getroffen hat. „Das war filmreif”, sagt sie.

Gast in der Fernsehshow „Start Up“

Schon als man sie zu dem Treffen eingeladen hat, habe sie es kaum glauben können, erinnert sich die studierte Modedesignerin. Zur Beruhigung hatte sie sich erst mal Schuhe gekauft, erzählt Stenschke.

Doch wie hätte sie es auch ahnen sollen? Schließlich hatte die Berlinerin bis dato gar nicht vor, sich in einer Gründer-Show zu präsentieren. Bis man sie dann fragte, ob sie nicht spontan als Gast in Maschmeyers neuer Show „Start Up“ auftreten wolle.

Stenschke willigte ein – und zahlte 100 Euro, um für ein paar Minuten in einem City-Bus zu stehen und ihre selbst zusammengemischte Schoko-Creme vorzustellen. Ursprünglich nur als Unterstützung für die eigentlichen Teilnehmer, die um den Titel „Deutschlands bester Gründer“ buhlten.

Dass sie am Ende als heimliche Gewinnerin aus der Show gehen würde, kam für die damals 23-Jährige völlig überraschend. Innerhalb weniger Tage stellte sie einen Finanzplan auf und entwickelte eine Power-Point-Präsentation, bevor sie Maschmeyer und sein Investoren-Team im Upper West traf. Und dann ging es Schlag auf Schlag: 100.000 Euro Kapital für ein Drittel der Unternehmensanteile, so das Angebot des Investors.

Hohe Ausgaben für wirkungslose Marketing-Kampagnen

„Wir haben uns recht schnell geeinigt“, erinnert sich Stenschke. Und doch: Könnte sie jetzt noch einmal gründen, sie würde mindestens 300.000 Euro fordern. Denn in den vergangenen Monaten hat sie vor allem eines gelernt: „Man ist kein Ferrero. Man muss erst einmal wahrgenommen werden, und im Bereich der Food-Start-ups braucht es dafür mehr“, sagt die Gründerin. Werbeaufsteller im Supermarkt zum Beispiel. Stattdessen habe sie große Summen für teilweise wirkungslose Marketing-Kampagnen ausgegeben.

Viel Hilfe von außen hat sich Stenschke allerdings nicht geholt: „Das ist hier seit zwei Jahren eine One-Woman-Show”, sagt sie – und erinnert sich, wie sie bis vor wenigen Monaten die Paletten mit Schoko-Creme noch persönlich zu den Supermärkten gebracht hat.

Auch den Online-Shop betrieb sie in Eigenregie, packte und verschickte eigenständig die Pakete. Die „Crema de Café“, wie Unterstützer Maschmeyer den Aufstrich getauft hat, gibt es mittlerweile bei Kaufland, Edeka und Real. Insgesamt 3500 Märkte in Deutschland haben die Crema in ihr Sortiment aufgenommen.

Produziert wird der Aufstrich in der Nähe von Hamburg

Und die 24-Jährige hat schon wieder eine neue Idee: Tafelschokolade mit Kaffeegeschmack. „Die Kunden haben danach gefragt”, berichtet sie. Produzieren lassen will sie die Tafelschokolade von der Berliner Lebensmittelfirma Wilhelm Reuss, die auch jetzt schon für sie arbeitet: In einer Produktionsstätte in der Nähe von Hamburg wird die Kaffee-Creme nämlich zusammengemischt.

Wieder denkt Stenschke zurück an früher, als sie den Aufstrich das erste Mal allein hergestellt hat: aus geschmolzener Milka-Schokolade und Instant-Kaffeepulver. Ein richtiges Rezept hat sie erst später, zusammen mit Deutschlands Schokoladenmeisterin, der Berlinerin Sabine Dudenkropp, ausgearbeitet.

Idee entstand schon zu Abi-Zeiten

Jetzt, nach knapp anderthalb Jahren auf dem Markt, bestreitet sie mit der Kaffee-Kakao-Creme ihren Lebensunterhalt. Geplant war das so nicht. Nur, dass sie einmal etwas erfinden und sich selbstständig machen würde, wusste die Berlinerin schon früh.

Sie kramt einen Notizzettel aus Abi-Zeiten hervor, auf dem sie ihre Ideen für Erfindungen aufgelistet hat: Und siehe da, zwischen einer Lecho-Paprika-Sauce und einer Flirt App ist tatsächlich schon der Kaffee-Aufstrich notiert.

Dass eine Kakao-Kaffee-Creme gut ankommen könnte, habe sie schon damals vermutet. Heute weiß sie, dass sie damit goldrichtig lag. Das Investment von Carsten Maschmeyer und tausende zufriedene Kunden sind der Beweis dafür. Und – was viel wichtiger ist – die Freundin, die ein ganzes Glas auf einmal auslöffelt.