Berliner Sozialgipfel

Rentner werden aus der Berliner Innenstadt verdrängt

Senioren können sich Mieten in den Berliner Innenstadtbezirken nicht mehr leisten. Sie ziehen an den Stadtrand – oft unfreiwillig.

Immer mehr Senioren können sich eine Wohnung in der Innenstadt nicht mehr leisten (Symbolbild).

Immer mehr Senioren können sich eine Wohnung in der Innenstadt nicht mehr leisten (Symbolbild).

Foto: dpa

Berlin. Beinahe jeder fünfte Berliner ist heute älter als 65 Jahre – Tendenz stark steigend. Der Berliner Sozialgipfel an diesem Montag in Kreuzberg befasst sich daher mit einem der drängendsten Probleme in der Stadt: „Immer mehr Berliner stehen im Alter durch steigende Mieten vor existenziellen Problemen“, sagt Christian Hoßbach, Vorsitzender des DGB Berlin-Brandenburg. In Zeiten wachsender Altersarmut gelte es, auf einem angespannten Wohnungsmarkt das Zuhause sichern. Denn: Die meisten Senioren leben am Stadtrand – und das nicht immer ganz freiwillig.

Im Bezirk Mitte sind nur 13 Prozent, in Friedrichshain-Kreuzberg sogar nur zehn Prozent der Bewohner älter als 65, wie aus den aktuellen Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg hervorgeht. In den Stadtrand-Bezirken Marzahn-Hellersdorf (19 Prozent), Spandau (22 Prozent), Treptow-Köpenick (23 Prozent), Reinickendorf (24 Prozent) und Steglitz-Zehlendorf (25 Prozent) leben gut doppelt so viele Senioren.

Die Gründe sind vielfältig. Die Bevölkerungsstruktur in Mitte sei von einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund geprägt, „die bekannter Weise eine jüngere Altersstruktur vorwiesen, als die deutsche Bevölkerung“, nennt Jeffrey Butler, zuständig für die Gesundheits- und Sozialberichterstattung im Bezirksamt Mitte, einen Grund. Die jetzige Entwicklung liege aber auch am hohen Mietniveau in diesen Bezirken: „Wenn ältere Menschen sterben, beziehungsweise ihre Wohnungen verlassen müssen, wird ihre Wohnung freigegeben und mit Sicherheit mit einer höheren Miete wieder auf den Wohnungsmarkt kommen“, so Butler. Gerade in Szenebezirken werden die Nachmieter, welche sich die höhere Miete leisten können, höchstwahrscheinlich nicht alt sein, sagt der Experte.

Vor diesem Hintergrund hatte der Bezirk im Juli an 7000 Senioren Fragebögen zur Zufriedenheit versandt. Immerhin 1600 Senioren haben geantwortet, die Auswertung läuft derzeit, Ende Januar sollen die Ergebnisse vorliegen.

Friedrichshain-Kreuzberg sei zwar der Bezirk mit den wenigsten Senioren, doch „die Zahl der älteren Einwohner nimmt seit Jahren zu“, sagt Stefanie Kunze, Bezirksamts-Sprecherin. Zwischen 2007 und 2018 sei die Zahl der 55- bis unter 65-Jährigen um rund 7700 Menschen gewachsen und die Zahl der über 65-Jährigen um 1800 Menschen. „Da der Bezirk im gleichen Zeitraum eine hohe Zuwanderung in den anderen Altersgruppen sowie relativ hohe Geburtenzahlen aufwies, ist der Anteil der älteren Einwohner allerdings kaum gestiegen“, so Kunze. Der demografische Wandel gehe am Bezirk also nicht vorbei, er verlaufe nur langsamer.

Überdies zögen ältere Menschen öfter an den Stadtrand, weil sie dort einerseits die Einrichtungen und die Angebote fänden, die sie sich wünschten oder sich andererseits die Mieten in den aufgewerteten Innenstadtquartieren nicht mehr leisten könnten. „Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gehört zu den Bezirken, die eine beispiellose soziale Aufwertung erfahren haben“, so Kunze. So sei die Quote der Menschen mit überdurchschnittlich hohem Einkommen im Bezirk trotz der großen Anstrengungen zur Erhaltung der Kreuzberger Mischung stärker gestiegen als andernorts.

Friedrichshain-Kreuzberg ist in Bezug auf den Anteil der Einkommensreichen von Rang 10 im Jahr 2001 (vorletzter Platz mit Neukölln) auf den vierten Rang im Jahr 2018 „geklettert“. Diese an sich erfreuliche Entwicklung geht jedoch an den älteren Bürgern vorbei, deren Renten der Entwicklung nicht folgen. So belaufen sich die Renten im Osten der Stadt auf durchschnittlich 1128 Euro netto und im West-Teil auf 902 Euro (Stand: Ende 2017).

Sind Senioren aus gesundheitlichen Gründen oder etwa nach dem Tod des Partners gezwungen umzuziehen, müssen sie laut aktuellem Wohnmarktreport der Immobilienbank Berlin Hyp und des Immobiliendienstleisters CBRE in den Innenstadt-Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte im Schnitt zwischen zwölf und 13 Euro pro Quadratmeter nettokalt bezahlen.