Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Friedensarbeit am Volkstrauertag

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde vor 100 Jahren in Berlin gegründet. Er gedenkt der Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft.

Der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Landesverbands Berlin im Volksbund Deutsche Kriegs­gräberfürsorge e.V., Fritz Felgentreu (SPD), auf dem Friedhof am Columbiadamm.

Der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Landesverbands Berlin im Volksbund Deutsche Kriegs­gräberfürsorge e.V., Fritz Felgentreu (SPD), auf dem Friedhof am Columbiadamm.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. An diesem Sonntag, dem Volkstrauertag, gedenkt Deutschland der Opfer von Krieg und Gewalt. In der Zentralen Gedenkstätte Neue Wache Unter den Linden legen die obersten Repräsentanten des Staates am Mittag Kränze nieder, danach findet im Bundestag die zentrale Gedenkstunde statt. Den Tag beschließt ein Gedenkkonzert im Berliner Dom.

Die Gedenkfeiern werden weitgehend vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge getragen. Für ihn ist dieses Jahr ein besonderes. Er wurde vor 100 Jahren in Berlin gegründet. Im Auftrag der Bundesregierung erhält und ­betreut er Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Ausland mit dem Schwerpunkt Soldatenfriedhöfe, hilft Angehörigen bei der Gräbersuche und entwickelt die Kriegsgräberstätten zu Lernorten der Geschichte. Dabei versteht der Volksbund, so der Berliner Landesvorsitzende und SPD-Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu, seine Arbeit als Friedensdienst und Beitrag zur Völkerverständigung.

Heute stellen wieder Kräfte die Völkerverständigung infrage

Ein Jahrhundert nach Ende des Ersten und sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei diese Aufgabe unverändert aktuell. „Wir müssen erkennen, dass all das, was wir in den letzten zwei Generationen innerstaatlich an Friedens- und Versöhnungsarbeit in Europa erreicht haben, nicht selbstverständlich ist. Es gibt wieder starke Kräfte, die das infrage stellen. Da ist es gut, jemanden zu haben, der daran erinnert, was Krieg eigentlich bedeutet,“ sagt Felgentreu. Der Volksbund leiste aber mehr, als Blumen auf Gräbern zu pflanzen. Er habe zugleich einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Der habe noch an Bedeutung gewonnen, da sich Populismus und Nationalismus in Teilen Europas wieder breitmachten. Der Volksbund ist eigentlich gleich dreimal gegründet worden:

Nach dem Ersten Weltkrieg, um Soldatenfriedhöfe im Ausland anzulegen und die Gräber zu pflegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, um Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und Kriegsgräber als Mahnmale zu verstehen. Seitdem gibt es die internatio­nalen Jugendcamps. Sie verbinden die Pflege der Gräber mit Bildungsarbeit und leisten damit Friedensarbeit ähnlich der Arbeit von Aktion Sühnezeichen.

Nach Ende des Kalten Kriegs kamen zum dritten Mal neue Aufgaben auf den Volksbund zu. Konzentrierte sich dessen Arbeit bis dahin auf Tote auf Schlachtfeldern Westeuropas, konnten jetzt endlich auch Friedhöfe für gefallene deutsche Soldaten in Osteuropa, vor allem in Polen und Russland angelegt werden.

Offizielle Grabanlagen gab es im Osten nicht. Der Volksbund stützt sich in seiner Arbeit dort vor allem auf archivierte Unterlagen der Wehrmacht. Die hatte nach einer Schlacht die Toten noch provisorisch beigesetzt und über diese Grabanlagen Akten angelegt. Die werden heute wieder aufgespürt. Die Zusammenarbeit mit der polnischen wie der russischen Seite sei eigentlich gut, aber stimmungsabhängig, sagt Felgentreu. Mit den Einheimischen vor Ort gebe es die geringsten Probleme. Schwieriger könne es auf höherer politischer Ebene werden. Dann gelte es vor allem, ein schwerwiegendes Missverständnis auszuräumen. Soldatenfriedhöfe sind wie in fast allen Ländern Stätten der Heldenverehrung; auch in Russland und Polen.

„So wird dort befürchtet, wenn wir einen Friedhof anlegen wollen, dass auch wir späte Heldenverehrung im Sinn haben. Das ist nicht unser Verständnis. Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch Anspruch auf ein würdiges Grab hat. So liegen auf unseren Kriegsgräbern immer unbelastete Wehrmachtssoldaten Seite an Seite mit Menschen, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden können,“ sagt Felgentreu. Einen Heldenfriedhof wie den sowjetischen in Treptow gibt es in Deutschland also nicht.

Auf fast jedem Berliner Friedhof gibt es auch Kriegsgräber

Deutsche Soldaten, die bei Kämpfen in Deutschland umgekommen sind, wurden in der Regel auf normalen kirchlichen Friedhöfen ­beerdigt. „Auch in Berlin gibt es auf fast jedem Friedhof eine besondere Ecke für gefallene Soldaten. Diese Gräber haben eine Ewigkeitsgarantie und werden von der jeweiligen Friedhofsverwaltung gepflegt. Wir leisten Auslandsarbeit, helfen aber auch, wenn wir den Eindruck haben, dass Soldatengräber auf heimischen Friedhöfen vernachlässigt werden,“ so der Berliner Landesvorsitzende.

Das trifft auf den Friedhof am Neuköllner Columbiadamm nicht zu. Der wurde vor dem Ersten Weltkrieg als preußisch-deutscher Militärfriedhof angelegt und ist längst ein kirchlicher Friedhof. Aber einer, auf dem auffallend viele Soldaten beerdigt sind, deren Gräber deutsche Kriegsgeschichte erzählen.

Geld erhält der Volksbund für seine Arbeit vor allem aus zwei Quellen: aus dem Auswärtigen Amt und aus Zuwendungen seiner Mitglieder und von Spendern. Mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Krieg und dem Heranwachsen im Frieden groß gewordener Generationen nimmt das Spendenaufkommen allerdings ab. Nicht dramatisch, aber kontinuierlich. So mahnt der Volkstrauertag denn auch daran, wie wichtig die Arbeit derer bleibt, die über Gräber hinweg Menschenwürde und Friedensarbeit hochhalten.