Kunstmarkt

Genies mit bunten Händen – die besten Kindergemälde Berlins

Wie die einzige Galerie für Kinderkunst in Berlin die Kreativität der Jüngsten ins rechte Licht rückt.

Moritz malte mit Händen und Füßen im Sommerhaus seiner Eltern "die ganze Welt". Was ihm nicht mehr gefällt, übertüncht er mit neuen Entwürfen.

Moritz malte mit Händen und Füßen im Sommerhaus seiner Eltern "die ganze Welt". Was ihm nicht mehr gefällt, übertüncht er mit neuen Entwürfen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Wenn Moritz aus dem Keller kommt, leuchten an den Händen bunte Farben. An manchen Tagen hinterlässt er Fußstapfen in erstaunlicher Koloration. Sein Lächeln erzählt dann von einer Zufriedenheit, die eigene Weltsicht auf Leinwand gebannt zu haben – in einer Weise, die derjenigen von akademisch ausgebildeten Künstlern durchaus ähnelt.

Dabei lernt Moritz erst noch lesen und schreiben. Aber was sagt das schon über schöpferische Kraft aus? Jetzt hat der Fünfjährige mit frecher Ponyfrisur jedenfalls zu seiner ersten Werkschau geladen. Als eines von mehr als 30 Berliner Kindern nimmt er an einer Sonderausstellung teil in der wohl einzigen professionellen Galerie für Kinderkunst in Berlin.

Auch Kinderkunst ist gesellschaftskritisch

Hier, in der Klax-Galerie, einem Ladenlokal an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg, haben Leiterin Julia Ehnie und ihr Team wochenlang Werke für die neueste Schau mit dem Titel „Zeigt her eure Bilder“ gesichtet.

Was nun seit dem 16. November Aufmerksamkeit findet, ist eine Art Best-Off der Werke von Malern, Zeichnern und Videokünstlern, die noch im Kinderzimmer wohnen. Da finden sich Werke wie das „Müll-Gesicht“, eine Skulptur aus Schrott auf rot-weißem Grund, ein grün-rosa-roter Eiffelturm vor dem Schwarz der Pariser Nacht oder das Porträt namens „Klein“ der fünfjährigen Malaika.

Es zeigt eine grimmige Figur mit Stachelfrisur, Riesenohren und roten Spiralen statt Augen. Malaikas Erklärung steht - wie bei jedem Werk - daneben: „Der Junge namens Velveteen ist richtig sauer, weil er keinen Geburtstagskuchen bekommen hat, obwohl es heute sein Geburtstag ist. Seine Mama hatte keine Zeit, einen zu backen“. Man könnte Sagen: Gesellschaftskritik im Vorschulalter.

Vorkehrungen gegen Konkurrenzdenken

Nach welchen Kriterien wählt man die galeriewürdigen Arbeiten eigentlich aus? Aussortiert wird jedenfalls niemand, verrät Julia Ehnie – „uns ist es sehr wichtig, alle Arbeiten an die Wand zu bringen.“ Dies habe man mitunter durch kleine Tricks geschafft.

So sehen Besucher eine große Serie von Sonneblumen-Gemälden als Diashow auf einem Bildschirm. In analoger Fassung hätte man sie niemals in den Räumen unterbringen können. Anders als auf dem brutalen Kunstmarkt der Erwachsenen muss sich niemand der jungen Aussteller grämen, weil Kuratoren den Daumen senken.

Konkurrenzdenken und Verdrängungswettbewerb gehören also nicht zur Kinderkunst-Branche. Auch inhaltlich setzten Ehnie und ihre Mitarbeiter in der 1993 gegründeten Galerie kaum Grenzen.

„Diese Ausstellungsreihe lebt von dem Reiz, dass wir bewusst gar kein Thema vorgeben“, erklärt die Leiterin. „Jedes Bild ist ein Unikat, liefert eine Überraschung und eine Geschichte.“

Sie ist in kindlichen Worten neben jedem Ausstellungsstück dokumentiert, zumal die Klax-Kinderkunstgalerie laut Julia Ehnie darin auch ihren Auftrag sieht: „Wir wollen Einblicke geben in die Gedanken und Gefühle der Berliner Kinder.

Und so findet man verblüffende arbeiten. Man nehme das mehr als zwei Meter hohe Gemälde von Moritz’ Schwester Alina namens „Papa läuft“. Im Konvolut aus Farben und aufgeklebten Objekten verortet das Mädchen ihren Vater dort, wo der unbedarfte Betrachter nur einen roten Schimmer sieht.

Tatsächlich hat Papa Stefan Asang, Filmemacher und Bereitsteller des Kinderateliers im Keller seines Hauses, zu dieser Zeit oft und gern gejoggt. „Der Untergrund des Bildes war mal ein Vorhang. Ich bin auf dem Bild ein bisschen herumgelaufen. Und dann entstand das“, erzählt Alina - sie zeigt auf den roten Fleck. Ihren Vater. Trotz des kreativen Familienumfelds möchte sie aber wohl lieber einen bürgerlichen Beruf wählen und eines Tages Anwältin werden. Aber dass schließt ja die Malerei im familieneigenen Kunstkeller nicht aus.

Wer Kreativität will, muss Chaos zulassen

Man müsse sich bewusst machen, dass es für Kinder eine Art Überwindung darstellt, ein Bild abzugeben, betont Galerie-Leiterin Ehnie. Es gelangt dann immerhin in einen Fundus von Arbeiten, die als Drucke produziert werden und die man als Wandschmuck für Büros, Praxen oder Privaträume gegen eine Verleihgebühr anmieten kann.

Mit diesem Geschäft versucht sich die Kinderkunstgalerie zu finanzieren. Und die Originalwerke? Die geben die Kuratoren nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Familien heraus. Wie bei den großen Künstlern bekommen dann natürlich auch die kleinen ihren Anteil aus dem Verkaufserlös.

Ein gutes Bild braucht Willkür

Aber kommerzielle Interessen liegen den Eltern der Aussteller eher fern. „Natürlich lieben es Eltern, die Bilder ihrer Kinder zu zeigen“, sagt Stefan Asang. Das Faszinierende seien die vielen Deutungsmöglichkeiten bei der Betrachtung solcher Gemälde. „Manche Bilder hängen vor dem Bett. Und man findet immer noch neue Kleckse, die Tiere oder sonst etwas sein könnten.“

Als Filmemacher sei es ideal, ausgediente Leinwände Kindern zum Bemalen zu vermachen. Alinas Riesenbild war einmal ein Vorhang, der nach dem Umzug in der neuen Wohnung nicht mehr passte. Was er anderen Eltern rät, um die Kreativität ihrer Kinder zu fördern? „Keine Grenzen setzen“, warnt er vor der Überbehütung beim Malen. „Und Veränderungen zulassen“. Moritz habe zum Beispiel in seinen Gemälden nachträglich die Jahreszeiten geändert. Die Titel wechseln sowieso.

Genau wie Moritz’ Vater Stefan Asang ist auch Julia Ehnie jemand, die kindliche Willkür gern zulässt. Ihren Schreibtisch mitten in der Galerie haben jetzt sehr verschiedenartige Arbeiten umzingelt. Hinter ihr hängt der Junge namens Velveteen, neben ihr der schrillbunte Eiffelturm und direkt auf dem Tresen grüßt das „Müll-Gesicht“. Ehnie hat es einfach akzeptiert. Ohne Chaos keine Kunst.

Klax Kinderkunst-Galerie, Schönhauser Allee 58A, 10437 Berlin, Di und Mi 14 bis 18 Uhr, Do bis Sa 10 bis 18 Uhr