Evangelische Kirche

Bischof Stäblein: „Es gibt die Sehnsucht nach Halt“

Der neue evangelische Bischof Christian Stäblein über die Bedeutung der Kirche, sinkende Mitgliederzahlen und AfD-Anhänger.

Christian Stäblein ist Doktor der Theologie und war seit 2015 Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Christian Stäblein ist Doktor der Theologie und war seit 2015 Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Foto: Reto Klar

Berlin. Der Theologe Christian Stäblein (52) wird an diesem Sonnabend in sein Amt als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eingeführt. Es ist auf zehn Jahre begrenzt. Stäblein folgt auf Bischof Markus Dröge (65), der in den Ruhestand geht. Ein Gespräch über die Bedeutung der Kirche, ihre Aufgaben in der sich veränderten Welt und ganz persönliche Wünsche.

Berliner Morgenpost: Herr Stäblein, Sie haben nach Ihrer Wahl zum Bischof gesagt: „Der Bischof ist ein Hingucker.“ Was meinen Sie damit?

Christian Stäblein: Ich habe damit eigentlich nur das Wort „Bischof“ übersetzt. Bischof kommt vom griechischen Episcopus – und das heißt: der Herumgucker, gedacht auch als der Aufseher. Ich habe das einmal neu übersetzt, denn einer, der herumguckt, schaut auch genau hin und will mit den Menschen zusammenkommen und sehen, wo es schwierig ist, wo der Schuh drückt. Ich meinte das nicht auf meine Person bezogen (lacht).

Sie sind seit vielen Jahren in der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg tätig gewesen als Propst. Was haben Sie sich denn vorgenommen? Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Der Prozess des Wandels der Kirche, bei dem Menschen sagen „Ich muss da nicht mehr Mitglied sein“, ist ja schon eine ganze Zeit lang im Gange. Dieser Umbruch, die erforderlichen Strukturveränderungen stellen die Kirche vor immer neue Herausforderungen. Die Frage ist, wie kann kirchliches Leben attraktiv sein, dabei immer auch über sich hinausweisen.

Es gab ja schon Reformen in der Kirchenstruktur. Was wollen Sie noch verändern?

Ich sehe meine Aufgabe als Bischof darin, gemeinsam mit den Menschen auf die Veränderungen zu reagieren. Ich trete mein Amt nicht mit einer fertigen Drei- oder Mehr-Punkte-Liste an. Wir haben ja schon sehr aufbruchstarke Regionen – ob nun beispielsweise in der Prignitz oder im Kirchenkreis Oderland-Spree. Meine Vision ist, dass wir neben den klassischen Orten, also den Kirchen oder den sozialen Diensten, schauen, ob es noch andere Orte gibt, wo sich Kirche entwickeln kann. Ein gutes Beispiel ist der Reformations-Campus in Moabit, wo eine Gruppe junger Christen eigenverantwortlich miteinander lebt und arbeitet, es neue Gesprächsangebote und Formen der Begegnung gibt. Dort ist eine Kita integriert. Oder der Kirchenkreis Wittstock-Ruppin hat starke Räume der Begegnung geschaffen, gemeinsam wirken die Menschen hier in die Region. Ich bin überzeugt, dass der Kirchenkreis kräftig mit zum Erfolg der Landesgartenschau beigetragen hat – ein halbes Jahr lang gab es ein geistliches Begleitprogramm, immer einen Raum der Stille, Andachten, auch ein kulturelles Programm.

Die Kirchen, auch die katholische, haben in den vergangenen Jahren viele Zehntausende Mitglieder verloren. Glauben Sie, dass man diesen Prozess stoppen kann?

Ich hoffe das. Ich setze stets darauf, dass Prozesse auch umkehrbar sein können. Die Prozesse, die zum Rückgang von Mitgliederzahlen führen, etwa der der Säkularisierung, das sind Entwicklungen über Jahrhunderte. Sie haben ja auch viel Gutes, Freiheitliches in sich. Sie bedeuten allerdings etwas für die großen Kirchen. Das muss man anerkennen, denn ich möchte nicht, dass die Last und die Herausforderung auf Einzelne oder die einzelne Ortsgemeinde abgewälzt werden und der Eindruck erweckt wird, sie müsse nun die Entwicklung stoppen. Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir als Kirche attraktiv für die Menschen bleiben und werden können.

Die Bindungswirkung lässt ja nicht nur bei Kirchen nach, ähnliches erleben die Parteien. Früher sind die Kinder mit den Eltern sonntags in die Kirche gegangen, haben die Gemeinschaft also von klein auf erlebt. Wie wollen Sie die jungen Menschen denn überhaupt wieder erreichen?

In der kirchlichen Tradition und in der religiösen Praxis finden enorme Umwälzungen statt. Das geht nicht ganz ohne Krisenerfahrung. Was aber meines Erachtens nicht in der Krise ist, ist die Offenheit von Menschen für Sinn- und Orientierungsfragen. Das, was wir mit dem Glauben verbinden, kann viel mehr ansprechen, als wir manchmal meinen. Es gibt die Sehnsucht nach Spiritualität, nach dem, was einem Halt gibt. Das gilt gerade jetzt, wo Menschen auch das Auseinanderbrechen vieler Gewissheiten, viel Verunsicherung erleben. Das Vertrauenkönnen in Gott, der sich in diesem Menschen Jesus zeigt, das hat eine starke anziehende Kraft. Diese Kraft kommt ja nicht aus uns selbst. Gott spricht uns an.

Muss man die Finanzierung der Kirchen ändern? Sie kennen das: Junge Menschen fangen an, Geld zu verdienen, und sehen auf einmal, wie viel Kirchensteuer sie zahlen müssen – und treten aus.

Die Kirchensteuer ist ein gutes Modell, auch ein hohes Gut für die Gesellschaft. Die Kirchen sind immer ein verlässlicher Partner der Gesellschaft gewesen, sozial und kulturell aktiv. Aber ich denke, dass wir in den Finanzierungsmodellen mehr Flexibilisierung brauchen – etwa Förderungen oder Patenschaften. Wir brauchen auch ein Nachdenken über die Möglichkeit, ob Mitgliedschaft auch mal bei Einzelnen in angespannten finanziellen Zeiten ruhen kann. Darüber müssen wir gemeinsam diskutieren.

Ein Schwerpunkt Ihres Vorgängers war die Integration von Migranten. Was setzen Sie für Schwerpunkte?

Bei der Integration der Migrantinnen und Migranten haben die Kirchen und viele andere einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, von dem wir alle noch profitieren werden. Alt-Bundespräsident Christian Wulff hat in diesen Tagen gesagt, dass wir uns das Jahr 2045 merken sollten, denn dann schauen wir auf 30 Jahre „5. September 2015“, den Beginn der Flüchtlingskrise, zurück – und werden das feiern als eine gelungene Form von Integration. Davon bin auch ich überzeugt. Die Integration wird ein Schwerpunkt auch der kirchlichen Arbeit bleiben.

Und der Klimawandel ist neu hinzugekommen?

Der Klimawandel ist auch eine der Ursachen für die Flüchtlingsströme. Wenn sich das Klima so weiterentwickelt, werden manche Regionen, in denen heute Menschen leben, in den nächsten 30 bis 40 Jahren unbewohnbar werden. Wenn wir die Ursachen nicht bekämpfen, wird sich die Migration eher verstärken, das sagen alle Untersuchungen.

Sie haben selbst vier Kinder, die „Fridays for Future“-Bewegung wird von jungen Menschen getragen. Da ist aber auch viel Angst vor dem Weltuntergang dabei. Muss die Kirche da nicht andere Antworten geben?

Ich habe in den letzten Jahrzehnten öfter die Klage gehört, die Jugend sei so unpolitisch. Jetzt ist sie politisch und mischt sich ein. Ich bin sehr froh über die starke Stimme der Jugend. Aufrütteln ist wichtig in dieser Zeit. Wo wäre die „Fridays for Future“-Bewegung ohne die laute Stimme von Greta Thunberg? Instrumentalisierte Angst dagegen ist kein guter Ratgeber. Wir stehen als Kirche immer für Zuversicht und Hoffnung, nicht für die Instrumentalisierung von Weltuntergangs-Szenarien. Darum engagieren sich auch viele christliche Jugendliche. Und nicht nur sie.

Zu einem anderen Thema: Rechte Gewalt, Antisemitismus nimmt in Berlin, auch in Brandenburg zu. Was setzen Sie als Kirche dem entgegen?

Beide Kirchen stehen seit vielen Jahren ganz klar gegen jede Form von Gewalt. Wir sind Partner in den Bündnissen gegen rechte Gewalt und Antisemitismus. Wir setzen hier ein deutliches Stopp-Zeichen. Als Kirche des Wortes müssen wir uns dabei besonders um die Kommunikation bemühen, wie mit Sprache umgegangen wird. Die Art, wie beispielsweise in den sozialen Medien kommuniziert wird, bereitet den Boden für Hass und Gewalt im Alltag. Wir brauchen Regeln für die Kommunikation im Internet. Zum Glück ist da auch die Politik aktiv geworden. Und wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen – und Menschen zusammenbringen. Worte können helfen, damit auf allen Seiten abgerüstet werden kann.

Nach Studien sind rund 15 bis 20 Prozent der Kirchenmitglieder AfD-Anhänger. Was machen Sie mit den AfD-Mitgliedern oder -Anhängern?

Es gibt diese Umfragen, aber wir haben ebenso wenig einen Überblick wie bei CDU- oder Grünen-Wählern. Ganz klar ist: Wir zeigen Haltung gegen menschenfeindliche, rechtspopulistische oder rechtsextremistische Äußerungen. Wenn es und wo es hingegen um Sorgen oder Zukunftsängste der Menschen geht, sind wir und wollen wir im Gespräch sein.

Sie treten nun das Amt als Bischof an. Was wünschen Sie sich denn?

Ich wünsche mir, dass die Muttersprache der Kirche, die Seelsorge, wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen tritt. Und dass ich mit meinem Sohn mal wieder zum Fußball, zu Union gehen kann.

Christian Stäblein - zur Person

Mit Christian Stäblein wird ein Mann Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), der mitten im Leben stehen will. Von sich selbst spricht der 52-Jährige als Fußballfan, Theatergänger und Kontrabassspieler. Stäblein ist Mitglied der dritten Tischtennismannschaft im Berliner VfL Tegel – firmiert allerdings, so sagt er, vor allem als Ersatzspieler.

Geboren wurde er in Bad Pyrmont in Niedersachsen, wuchs in Hannover auf. Seine Mutter war eine der ersten Pfarrerinnen der hannoverschen Landeskirche. Studiert hat er zunächst Jura, dann evangelischen Theologie, Judaistik, Philosophie sowie Geschichte in Göttingen, Berlin und Jerusalem.

Im Jahr 2000 wurde er zum Pfarrer ordiniert, promovierte zwei Jahre später mit einer Dissertation zum Thema „Predigen nach dem Holocaust“. Ab 2008 war er Studiendirektor des Predigerseminars im Kloster Loccum, 2015 wurde er Propst der Landeskirche in Berlin, zuständig für theologische Grundsatzfragen. Am April dieses Jahres ließ er sich dann vom Parlament der EKBO zum Landesbischof wählen. Christian Stäblein ist verheiratet und hat vier Kinder.