Bildung

Verbeamtung: Berlin laufen jetzt auch die Schulleiter davon

Pädagogen verlassen die Hauptstadt gen Brandenburg, weil die Umstände dort besser sind. In Berlin gibt es Kritik an der Verbeamtung.

Unterricht in einer Klasse: An Brennpunktschulen arbeiten meist Quereinsteiger.

Unterricht in einer Klasse: An Brennpunktschulen arbeiten meist Quereinsteiger.

Foto: imago stock&people

Der Interessenverband der Berliner Schulleitungen (ibs) fordert, dass in Berlin zeitnah die Verbeamtung von Lehrern umgesetzt wird. Die Zeit dränge.

So seien allein in Neukölln drei stellvertretende Schulleiter von Gymnasien – die Namen der Schulen sind der Berliner Morgenpost bekannt – kurz davor, die Hauptstadt zu verlassen, um im benachbarten Bundesland den Beamtenstatus zu erwerben.

„Alle drei sind auf dem Sprung nach Brandenburg“, sagt Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, Schulleiter am Ernst-Abbe-Gymnasium an der Sonnenallee. Zwei der betroffenen Gymnasien sind Brennpunktschulen. „Das sind tolle Kollegen, die sich bewusst für diese Schulen entschieden haben“, so Kötterheinrich-Wedekind.

Aber die Vorteile des Beamtenstatus seien einfach zu verlockend, und der Weg nach Brandenburg sei nicht weit. Die Brandenburger Lehrerzimmer in Oranienburg, in Potsdam und in Falkensee seien doch inzwischen voller Berliner.

„Es wird weiterhin ideologisch über das Thema geredet“

Zwar haben sich die Delegierten der SPD auf dem Landesparteitag Ende Oktober knapp für eine Verbeamtung in Berlin ausgesprochen, genauso wie die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) – doch konkrete Wirkung zeigt dieser Beschluss nicht.

„Es ärgert mich sehr, dass in Teilen der Berliner SPD und den anderen Regierungsparteien über das Thema Verbeamtung so ideologisch geredet wird“, sagt nun Kötterheinrich-Wedekind. Er glaubt an eine „bindende Magnetwirkung“ durch dieses Mittel.

Eine zweite Hoffnung ist die bessere Verteilung von „echten“ Lehrern auf Brennpunktschulen. „Grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer - ich weiß nicht, wann ich die letzten hier bei uns begrüßen durfte“, sagt die ibs-Vorsitzende Astrid Busse.

Sie ist Schulleiterin an der Grundschule in der Köllnischen Heide. Eine sehr engagierte Schule mit Brennpunktstatus. Inzwischen bilde man im Referendariat nur noch Quereinsteiger aus, oft „sehr motivierte Leute“. Doch mehr als zehn Prozent an Quereinsteigern vertrage ein Kollegium nicht, die Betreuung sei sehr zeitintensiv. Es drohten allerdings Schulen, die im Kollegium bald zu 50 Prozent oder mehr aus Quereinsteigern bestehen werden. „Das kann nicht gehen.“

SPD will mehr angestellte Lehrer an Brennpunktschulen

Das sieht auch Maja Lasić, bildungspolitische Sprecherin der SPD, so. Sie hat sich sehr für den Beschluss zur Verbeamtung eingesetzt. Aber klar sei auch, dass dieser Schritt nicht mehr in dieser Legislaturperiode kommen werde. „Regieren tut man nie alleine“, sagt sie. Die SPD habe sich bewegt, nun hänge alles von den beiden Koalitionspartnern ab.

2021 werde wieder in Berlin gewählt, dann müsse man sehen, wie danach die Machtverhältnisse sind. „Bis dahin müssen wir stärker steuern“, meint sie. Also versuchen, auch angestellte Lehrer an Brennpunktschulen zu delegieren. Verbunden mit dem Risiko, sie dann vielleicht zu verlieren.

Eine klare Absage kommt von den Linken. Erstmal werde es keine Verbeamtung von Lehrern geben, „da sind wir uns mit den Grünen einig“, meint Regina Kittler, Bildungsexpertin der Linken. Es gebe auch andere Mittel.

Linke halten Verbeamtung für überschätzt

So hält sie das Casting-Verfahren von Lehrkräften, wie es die Senatsverwaltung für Bildung eingeführt hat, für Unsinn. Besser wäre eine „zentrale Steuerung“. Auch arbeiteten 9.000 der rund 32.000 Berliner Lehrer in Teilzeit. „Würde jeder von denen zwei Stunden mehr übernehmen, hätten wir schon 700 weitere Lehrerstellen besetzt“, rechnet sie vor.

Der Lehrmangel sei bundesweit ein großes Problem, auch in allen anderen Ländern, in denen ja verbeamtet werde. Deshalb hält Marianne Burkert-Eulitz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, das Instrument für völlig überschätzt. Auch Beamte könne man nicht nicht einfach an eine Brennpunktschule setzen. „Die melden sich dann krank.“

Gewerkschaft spricht von „Augenwischerei“

Die CDU-Opposition hat für Ende November das Thema „Verbeamtung“ auf die Tagesordnung des Bildungsausschusses im Abgeordnetenhaus gesetzt. Dann wird wieder diskutiert. Einen „zahnlosen Tiger“ nennt Paul Fresdorf (FDP), den SPD-Beschluss auf deren Landesparteitag. Das seien lediglich „Lippenbekenntnisse“, so Fresdorf weiter.

„Verbeamtung ist Augenwischerei“, urteilt der Berliner Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung Tom Erdmann. Er räumt aber ein, dass der Druck groß und deshalb das Stimmungsbildung innerhalb der eigenen Gewerkschaft nicht eindeutig sei.

Zwei Drittel der Mitglieder seien dagegen, ein Drittel dafür. Klar sei aber auch - vor 2023 käme die Verbeamtung in Berlin garantiert nicht. Bis dahin sei ein großer Teil der angestellten Berliner Lehrer zu alt, um noch verbeamtet zu werden.