Invasive Arten

Start-up serviert Krabben und Sumpfkrebse aus dem Tiergarten

Invasive Arten breiten sich in Berlin aus. Sie zu essen, ist Trend. Sind Wollhandkrabben, Sumpfkrebse oder Waschbären Delikatessen?

Die Chinesische Wollhandkrabbe wird gekocht – und dann gegessen.

Die Chinesische Wollhandkrabbe wird gekocht – und dann gegessen.

Foto: David Heerde

Berlin. Für einen Fressfeind schmeckt die Chinesische Wollhandkrabbe überraschend vertraut. Das weiße Fleisch, das man aus Panzer, Beinen und Scheren pulen muss, erinnert stark an Krebsfleisch. Und auch optisch hat die Art aus Asien einiges mit ihren europäischen Artgenossen gemein. In China ist die Wollhandkrabbe auch schon längst eine Delikatesse – in Deutschland aber noch weitestgehend unbekannt. Und das, obwohl die Chinesische Wollhandkrabbe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa gelangte.

Inzwischen hat sie sich über Flüsse in nahezu ganz Nord- und Ostdeutschland ausgebreitet, von Elbe über Weser in Ems und Rhein, von Hamburg über Sachsen-Anhalt nach Brandenburg. Bis zu zwölf Kilometer weit können Wollhandkrabben mit ihren stark wollig-behaarten Beinen, denen sie ihren Namen verdanken, über Flussgründe und Festland wandern. Viele Tonnen fischen Fischer jedes Jahr mittlerweile aus Flüssen.

Wenn der Fressfeind selbst plötzlich lecker ist

Die Chinesische Wollhandkrabbe zählt zu den invasiven Arten. So werden von der EU Tier- und Pflanzenarten benannt, die mit ihrer Ausbreitung Lebensräume einheimischer Arten gefährden und damit der biologischen Vielfalt schaden.

Auch die Wollhandkrabbe ist in Europa nicht heimisch, breitet sich aber dort rasant aus. Das Berliner Start-up Holycrab aber will Tiere, die im deutschen Ökosystem nichts zu suchen haben, auf die Speisekarte bringen. „Wir Menschen müssen wieder zu Fressfeinden werden“, sagt Juliane Bublitz, eine der drei Geschäftsführer von Holycrab. Ethisch vertretbarer Genuss, sozusagen. Denn neben Flusstieren stehen auch Nutrias, Waschbären oder Nilgänse auf dem Speiseplan.

An einem Mittwochabend in einem Kochstudio Unter den Linden soll den neun Gästen, die Holycrab hier bewirtet, aber erst einmal die Chinesische Wollhandkrabbe schmackhaft gemacht werden. Koch Andreas Michelus ist ebenfalls Mitgeschäftsführer bei Holycrab und bezeichnet sich selbst als „Fressfeind Nummer eins“.

Er will mit seinem Start-up einen Trend lostreten, denn, so ist er sich sicher: „Wir haben so viele Delikatessen direkt bei uns vor der Haustüre. Nur viele wissen das einfach nicht.“Michelus freut sich darüber, dass weltweit immer mehr Menschen auf Umweltschutz achten. „Nachhaltigkeit ist vielen wichtig heutzutage“, sagt er.

„Beim Einkaufen achtet man jetzt mehr darauf, dass man auf Plastik und Verpackungen verzichtet. Und dieses Umdenken findet mehr und mehr auch bei Nahrungsmitteln statt.“ Er selbst, sagt er, würde beispielsweise auf seine heiß geliebten Avocados verzichten. Schlechte Klimabilanz. „Das gönne ich mir jetzt ganz bewusst als Delikatesse noch ein Mal im Monat“, erklärt der Koch.

Gäste haben keine Angst vor Wollhandkrabben

In silbernen Stahlbehältern werden die Chinesischen Wollhandkrabben eine halbe Stunde lang gekocht. Dann sind die Krebse appetitlich rot – und in der Havel gibt es einige Dutzend weniger. Die Gäste kennen an diesem Abend keine Berührungsängste mit den exotischen Tieren. „Wir wollen die Wollhandkrabben vernichten“, sagt Angelika, ein Gast, und lacht.

„Durch das Fangen und Essen wird man dieser Krabben aber nicht mehr Herr“, sagt David Bierbach. Er ist ebenfalls Gast, forscht aber auch an der Humboldt-Universität zu invasiven Arten. Er sagt, dass von rund 100 Tierarten, die nach Deutschland eingeschleppt werden, sich etwa eine als invasive Art hier etablieren kann. „Wenn man eine invasive Art entdeckt hat, ist es meist schon zu spät: Los bekommt man die dann eigentlich nicht mehr“, sagt Bierbach.

Dass das Rausfischen und Auftischen doch Erfolg haben kann, zeigen hingegen die Roten Amerikanischen Sumpfkrebse. Auch sie gehören zu den invasiven Arten – und werden seit gut einem Jahr als Delikatessen aus dem Britzer Garten in Neukölln oder dem Tiergarten gefangen und verkauft. Und siehe da: Die Reusen werden immer leerer.

22.000 Sumpfkrebse gingen bis Ende September ins Netz

Ab Saisonbeginn im April bis Ende September sind rund 22.000 Exemplare ins Netz gegangen, sagt Derk Ehlert von der Senatsumweltverwaltung. Das ist etwas mehr als die Hälfte der Vorjahresmenge, die bei 38.000 lag. Umweltexperte Ehlert wertet dies als Erfolg, schränkt aber auch ein, dass der Bestand immer noch groß sei. Deshalb soll die Bekämpfung auch im Jahr 2020 weitergehen. „Als Esser wird man zum Naturschützer“, sagt Juliane Bublitz. Und unterstützt die heimischen Fischer.

Denn invasive Arten richten darüber hinaus auch in der Industrie ordentlich Schaden an: zerschnittene Netze, untergrabene Deiche, getöteter Fang. Und durch die steigende Wasserqualität in Flüssen feiern Wollhandkrabben, Amerikanische Flusskrebse und Co. ihre Ausbreitung in deutschen Gewässern. Kurios: In China nimmt aus dem gegenteiligen Grund die Zahl eher ab.

Zuerst sind Esser immer etwas skeptisch. Für die Gäste in dem Kochstudio steht an diesem Abend der Artenschutz zugegebenermaßen aber nur an zweiter Stelle. Viele hat die Neugier hergetrieben – auf den exotischen Geschmack. Aufgetischt wird die sogenannte „Hauptstadt-Bouillabaisse“ mit Wollhandkrabbe und frischem Fisch aus regionalem Wildfang, sowie die Krabbe als Ganzes mit verschiedenen Beilagen.

Juliane Bublitz freut sich über ihre aufgeschlossenen Gäste an diesem Abend. Denn sie weiß aus Erfahrung: Zuerst sind die Esser meist noch etwas skeptisch. „Nicht, weil eine Krabbe aus der Havel so exotisch oder besonders ist. Sondern weil Menschen es nicht mehr gewohnt sind, Tiere zu essen, die sie noch lebend gesehen haben vor dem Kochen.“ Die Start-up-Geschäftsführerin ist aber dennoch überzeugt von ihrem Konzept: „Ich glaube, dass die Krabbe in Berlin durchaus das Potenzial hat, als Delikatesse auf der Speisekarte zu landen."