Berliner Museen

Forum Willy Brandt: Große Geschichte im Kleinen entdecken

Das Forum Willy Brandt hat einen neuen Standort. Zur Eröffnung gibt es Dioramen aus dem „Miniatur Wunderland Hamburg“ zu sehen.

"Wir sind das Volk" - Diorama vom Miniatur Wunderland Hamburg.

"Wir sind das Volk" - Diorama vom Miniatur Wunderland Hamburg.

Foto: Miniatur Wunderland Hamburg

Berlin. „Wir haben großes Glück gehabt“, sagt Wolfram Hoppenstedt, der seit 1996 Geschäftsführer der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung ist. Als die Nachricht kam, dass das Elisabeth-Selbert-Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll, war klar, dass damit auch der Ausstellungsraum Unter den Linden nicht mehr genutzt werden kann.

„Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat ein tolles Ersatzquartier für uns gefunden“, so Hoppenstedt. Keine fünf Gehminuten vom Boulevard entfernt liegt das Forum nun vis-à-vis der Komischen Oper. Seit Oktober können Besucher dort das kleine Museum besuchen, das sich dem Leben und Wirken des SPD-Politikers und ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (1913–1992) verschrieben hat.

Auch wenn der neue Standort unweit des alten liegt, mussten einige Kompromisse eingegangen werden. So war die Dauerausstellung auf den rund 150 Quadratmetern, die nunmehr zur Verfügung stehen, nicht unterzubringen. „Uns war es wichtig, auch unser Veranstaltungsprogramm mit Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen am Interimsstandort fortzusetzen“, so Hoppenstedt. Damit der Spagat aus Ausstellungs- und Veranstaltungshaus funktioniert, wurden zunächst nur die wichtigsten Objekte in die Behrenstraße gebracht, darunter die Urkunde, die Brandt bei der Nobelpreisverleihung bekam, und die Metallskulptur des bekannten Künstlers Rainer Fetting, die im Eingangsbereich steht.

Die Stiftung setzt verstärkt auf digitale Vermittlung

„Wir arbeiten daran, den Platz optimal zu nutzen“, so Hoppenstedt. Allein, es dauert noch, ehe weitere Ausstellungsobjekte etwa in den breiten Fensternischen präsentiert werden können. In der Zwischenzeit setzt die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung verstärkt auf die digitale Vermittlung. „Neu ist ein Terminal, an dem Besucher in jeden Lebensabschnitt von Brandt eintauchen können“, schwärmt Hoppenstedt.

Ihn freut vor allem, dass seit der Wiedereröffnung im Oktober bereits viele Besuchergruppen des Bundestags wieder den Weg zum Museum gefunden haben. Auch immer mehr Touristen und Berliner entdecken die Ausstellung. „Gleichwohl ist uns klar, dass wir nicht dieselbe exklusive Lage haben wie zuvor. Sobald der Bauzaun am Grundstück Unter den Linden steht, werden wir die Spaziergänger mit Werbung auf unseren neuen Standort aufmerksam machen.“

Neben einzelnen Exponaten der Dauerausstellung gibt es bis April kommenden Jahres auch eine erste Sonderausstellung zu entdecken. Unter dem Titel „Geteilte Stadt. 1945 – 1990“ präsentiert das Forum sieben Dioramen aus dem Miniatur Wunderland Hamburg, die die große Geschichte im Kleinen erzählen. Anhand einer fiktiven Berliner Grenzkreuzung werden Phasen der Teilung sichtbar gemacht – ebenso wie die Lebenswirklichkeit der Menschen während der fast drei Jahrzehnte andauernden Teilung Deutschlands.

Im Schaukasten, der sich der Nachkriegszeit widmet, stehen noch viele Ruinen. Später, und das wird in einem weiteren Diorama deutlich, kommt es über Nacht zur Grenzziehung und infolgedessen zum Mauerbau. Erstaunlich ist, wie detailliert die Arbeiten sind und wie viele unterschiedliche Perspektiven entdeckt werden können. So gibt es Menschen zu sehen, die sich mittels Bettlaken aus dem Fenster abseilen, um so im letzten Moment in den Westen fliehen zu können, während nur wenige Etagen tiefer die Fluchtlöcher zugemörtelt werden. „Es ist bewundernswert, mit welchem geschichtlichen Anspruch die Macher aus Hamburg an die Sache gegangen sind“, sagt Hoppenstedt. Ihn faszinieren vor allem die Details. So wurde beispielsweise der „Sprung in die Freiheit“ nachgestellt: Am 15. August 1961 rettete sich der 19 Jahre alte Volkspolizist Conrad Schumann durch einen waghalsigen Sprung über Stacheldraht nach West-Berlin.

Besucher kommen ins Gespräch

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, wir stark DDR und BRD sich auseinanderlebten: Besetzte Häuser auf der einen, Plattenbauten auf der anderen Seite, politisch motivierte Demonstrationen im Westen, Stasi-Überwachung und sozialistische Propaganda im Osten. „Spannend ist vor allem, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene die Dioramen sehen. Wir haben beobachtet, dass die Besucher schnell ins Gespräch kommen. Das freut uns sehr. Ebenso wie die Tatsache, dass das Miniatur Wunderland Hamburg sonst keine Exponate verleiht.“ Für Berlin wurde eine Ausnahme gemacht.

Und wie geht es nun weiter? „Eines Tages dürfen wir an den alten Standort zurückkehren, das wurde uns bereits zugesichert. Wir rechnen allerdings damit, dass mindestens sechs Jahre bis zur Fertigstellung des Neubaus vergehen“, sagt Hoppenstedt. In der Zwischenzeit hat es sich die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung zum Ziel gesetzt, eine neue Dauerausstellung zu konzipieren. Die nationale Wanderausstellung gastiert derzeit im Paul-Löbe-Haus, eine internationale Version geht ab 2020 von Moskau aus weltweit auf Tour.

Zudem freut man sich auf die Eröffnung eines weiteren Standorts neben dem Forum in Berlin und dem Willy-Brandt-Haus in Lübeck. „Am Flughafen BER, der nach Willy Brandt benannt ist, steht eine weitere, von uns konzipierte Ausstellung. Das gibt es an keinem anderen Flughafen. Nun hoffen wir, dass der Flughafen baldmöglichst geöffnet wird.“ Vor dem Wiedereinzug Unter den Linden möchte man hoffen.

Forum Willy Brandt Berlin, Behrenstraße 15, Mitte, tägl. 11–17 Uhr, Eintritt frei. Sonderausstellung „Geteilte Stadt. 1945 – 1990“ bis 30. April 2020,