Berliner Portal

Momox kauft täglich 150.000 Artikel an

| Lesedauer: 5 Minuten
Dominik Bath
Schuhe, Hose und Sakko aus zweiter Hand: Momox-Geschäftsführer Heiner Kroke.

Schuhe, Hose und Sakko aus zweiter Hand: Momox-Geschäftsführer Heiner Kroke.

Foto: Sergej Glanze

Das Berliner Portal Momox zählt zu den größten Gebrauchtwarenhändlern. Jetzt will Momox im Kleidungssegment wachsen.

Berlin. Selbstverständlich muss der Chef in jedem Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen. Aber Heiner Kroke hinterlässt den Eindruck, als habe er diesen Anspruch gewissermaßen übererfüllt. Kroke ist Geschäftsführer des Berliner Gebrauchtwarenhändlers Momox. An diesem Tag sitzt auf einem Stuhl und blickt an sich herunter: Schuhe, Hose und Sakko habe er bei Momox erstanden.

Ziemlich sicher war das deutlich billiger, als die Sachen neu zu kaufen. Auch seine Familie nutze recht häufig Momox, sagt Kroke. „Wir verkaufen regelmäßig Bücher, die wir gelesen haben“, erzählt er. Dennoch: Der beste Kunde seines Unternehmens ist der Chef wohl nicht.

Denn Momox ist in Deutschland einer der Marktführer beim Handel mit gebrauchten Waren. Bundesweit beschäftigt das Unternehmen rund 1700 Mitarbeiter, in Berlin sind am Hauptsitz in Friedrichshain 150 Beschäftigte für Momox tätig. Etwa 150.000 Artikel kauft die Firma täglich an, darunter Bücher, CDs, DVDs und Kleidung. Zehn Millionen Gegenstände hat das Unternehmen im Durchschnitt auf Lager. Der Verkauf läuft über eigene Online-Shops und über die Plattformen Amazon und Ebay. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz auf 200 Millionen Euro gewachsen. Für 2019 peile Momox einen weiteren Umsatzsprung um 30 Prozent an, sagt Kroke.

Algorithmus berechnet den Ankaufspreis

Im Durchschnitt kaufe Momox jedem Kunden 20 Waren pro Transaktion ab. Das funktioniert so: Über die Momox-Homepage kann der Nutzer bei Büchern, CDs und DVDs zum Beispiel die ISBN-Nummer eingeben. Danach laufen im Hintergrund zahlreiche Prozesse ab: Innerhalb von Sekunden vergleicht der Momox-Algorithmus zum Beispiel, wie viel der Artikel neu kostet, wie viele Angebote desselben Gegenstandes derzeit auf anderen Plattformen zu finden sind und wie viel für die gebrauchte Ware in letzter Zeit erlöst werden konnte.

Danach spuckt die Plattform einen Ankaufspreis aus, der deutlich geringer ist, als der Kunde durch den eigenständigen Verkauf des Produktes über die gängigen Handelsplattformen erzielen könnte. „Unser Argument ist nicht der Maximalpreis, sondern die Zeit, die der Kunde spart, wenn er an uns verkauft“, sagt Momox-Chef Kroke.

Der Ankaufprozess an sich ist vergleichsweise aufwendig. Nach Eingang der Waren muss Momox jedes Produkt einzeln kontrollieren, erfassen und auch fotografieren. Danach erst erhält der Kunde das Geld. Allerdings nicht immer: In etwa fünf Prozent der Fälle kaufe Momox wegen des schlechten Zustands die Waren dann doch nicht an. Bei Kleidung seien es sogar zwischen zehn und 15 Prozent der Stücke, die das Unternehmen nicht annehme, so Kroke. Das Zurückschicken gehe dann aber zulasten des Kunden.

Geben die Momox-Mitarbeiter jedoch grünes Licht bei den Produkten, werden anschließend Artikelbeschreibungen verfasst. Danach werden die Produkte entweder über die eigenen Shops oder die Plattformen Amazon und Ebay wieder zum Kauf angeboten. Letzlich liege die Marge für Momox selbst nur bei etwa vier Prozent.

Das liegt mitunter auch an den Verkaufsgebühren, die Amazon und Ebay für den Händler erheben. Je nach Warengruppe muss das Berliner Unternehmen bis zu 30 Prozent des Verkaufserlöses an die US-Konzerne abgeben. Momox arbeitet deswegen daran, die Kunden verstärkt auf die eigenen Plattformen zu lotsen. Momox-Chef Heiner Kroke sagt, dass sein Unternehmen vor allem aus eigener Kraft wachsen will. Helfen könnte aber auch Geld des neuen Mehrheitsgesellschafters Verdane Capital X, der erst Ende Oktober seine Anteile an den Berlinern erhöht hatte.

Als Wachstumssegment hat Kroke nun vor allem den Handel mit gebrauchter Kleidung ins Visier genommen. Derzeit macht dieses Geschäft lediglich zehn Prozent des Momox-Umsatzes aus. Im noch jungen Unternehmenssegment sieht sich Momox zudem mächtigen Konkurrenten gegenüber. Amazon hat erste Schritte in dem Bereich übernommen, auch Ebay kauft selbst gebrauchte Kleidungsstücke an. Der größte Konkurrent ist aber ausgerechnet ein Berliner Unternehmen: Zalando hatte erst im vergangenen Sommer das Angebot „Wardrobe“ und damit gewissermaßen einen digitalen Kleiderkreisel gestartet.

E-Commerce ist noch immer unterentwickelt

Kroke allerdings nimmt die Wettbewerber gelassen zur Kenntnis. Verglichen mit dem deutschlandweiten Handelsumsatz sei der E-Commerce noch immer unterentwickelt, sagt er. Ein wachsendes Angebot schärfe bei den Kunden zudem das Bewusstsein. „Ich mache mir keine Sorgen. Unsere Stärken liegen bei der Preisfindung, dem Service, den wir unseren Kunden bieten, und den Logistik-Prozessen“, erklärt Kroke. Die bereits gesammelte Erfahrung soll Momox nun beflügeln.

Unterstützen könnte das Geschäft der Berliner auch die derzeitig Debatte um stärkeren Klimaschutz und mehr nachhaltiges Handeln. Kroke rechnet vor: In den letzten zwölf Monaten habe Momox fast 30 Millionen Buch- und Medienartikel und drei Millionen Kleidungsstücke verkauft. Durch die Neu-Produktion der Waren wären 70.000 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlenstoffdioxid entstanden, so Kroke.

Momox sei bereits ein nachhaltiges Unternehmen, könne aber an vielen Stellen auch noch besser werden, sagt der Chef. Bei den Verpackungen etwa sei der Anteil von recycelbarem Plastik bereits auf 40 Prozent gestiegen.