Wirtschaft

Berlins Digitalwirtschaft modernisiert die Industrie

Lange war Berlins Digitalbranche vom Online-Handel dominiert. Jetzt kommen Software-Häuser und Industrie-Dienstleister auf.

Die neue Welt der Industrie ist digitalisiert und automatisiert. Berliner Digitalfirmen sind als Dienstleister für die Fertigungsunternehmen gefragt.

Die neue Welt der Industrie ist digitalisiert und automatisiert. Berliner Digitalfirmen sind als Dienstleister für die Fertigungsunternehmen gefragt.

Foto: Klaus Ohlenschläger / picture alliance / Klaus Ohlenschläger

Sieben Jahre hat Thomas Staufenbiel für Airbus Raketen gebaut und dabei geholfen, 100 Tonnen Material ins All zu schießen. „Aber die irdischen Probleme treiben mich auch um“, sagt Staufenbiel von der Gestalt Robotics GmbH, die er vor drei Jahren gemeinsam mit Wissenschaftlern der TU und aus Adlershof gegründet hat. Das Unternehmen hilft Industrieunternehmen, ihre Produktion mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, Bildverarbeitung und selbst lernenden Maschinen weiter zu automatisieren.

Mehr Digitalfirmen widmen sich der Fertigung

Gestalt Robotics steht für einen Trend in der Berliner Start Up-Szene. Lange dominierten Neugründungen, die sich dem Online-Handel oder der Entwicklung von Apps für Endkunden widmeten. Inzwischen entstehen in der Digitalwirtschaft mehr und mehr Firmen, die sich mit Industrie, Fertigung und Lösungen für andere Unternehmen befassen. Zu dieser Gruppe gehörte jedes sechste Start-Up, das 2018 in der Stadt an den Start ging.

Dieses Ergebnis liefert eine Studie der landeseigenen Investitionsbank (IBB) und der Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB), die jetzt in den Räumen von Gestalt Robotics in einer historischen Fabriketage am Kreuzberger Spreeufer vorgestellt wurde.

„Der Markt braucht das“

Der Bedarf für eingesessene Fertigungsunternehmen, ihre Prozesse zu digitalisieren und damit noch effizienter zu machen, sei enorm, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. das bestätigte Unternehmer Staufenbiel, dessen Gestalt Robotics den Umsatz jedes Jahr verdreifacht und inzwischen mit 16 Mitarbeitern die Millionen-Euro-Grenze geknackt hat.

Sie liefern passgenaue Lösungen für Kunden, vernetzen die bestehenden Roboter miteinander, schreiben entsprechende Software und sorgen dafür, dass sich die verschiedenen Systeme verstehen. Zu den Kunden gehören die Rasiererhersteller von Gillette, aber auch Siemens und Berlin Chemie. „Der Markt braucht das und Berlin braucht das“, sagte Staufenbiel.

IBB und UVB sehen Chancen für Berlin

Aus Sicht von IBB und UVB hat die Verknüpfung on Digitalwirtschaft und Fertigung das Zeug, den Industriestandort Berlin auf ein neues Qualitätsniveau zu heben. Der Schrumpfprozess in Berlins Industrie ist mittlerweile gestoppt, die Zahl der Mitarbeiter stieg seit 2015 um 5,4 Prozent auf fast 112.000. Allein 2018 wurden in diesem Sektor 165 Unternehmen gegründet.

Insgesamt entwickelt sich die Digitalwirtschaft in der Stadt „außerordentlich dynamisch“, sagte IBB-Chef Jürgen Allerkamp. im vergangenen Jahr entstanden in Berlin 591 Digitalunternehmen, das ist mehr als jede zehnte Gründung in dieser Branche in Deutschland. Die Hälfte davon betreibt kein Endkundengeschäft, sondern arbeitet für andere Unternehmen.

In mehr als 10.000 Digitalunternehmen arbeiten in der Stadt knapp 100.000 Menschen, das sind 12 Prozent mehr als im Vorjahr. In den vergangenen zehn Jahren sind fast 60.000 neue Jobs bei Software-Firmen, Online-Händlern. IT-Dienstleistern und anderen Digitalunternehmen entstanden. Das Beschäftigungswachstum war in Berlin weitaus größer als in anderen Städten wie Köln, Hamburg oder Frankfurt.

Beschäftigte verdienen 4750 Euro im Monat

Die Branche ist in Berlin erheblich wichtiger als in anderen Regionen Deutschlands. Mit acht Prozent aller Beschäftigten sind in Berlin fast doppelt so viele Menschen in der Digitalwirtschaft tätig als im deutschen Durchschnitt. Die einträglichen neuen Geschäftsmodelle und er Mangel an Softwareentwicklern lässt auch die Löhne steigen. 4750 Euro verdienen die Beschäftigten in der Digitalwirtschaft laut Studie brutto im Monat und liegen damit deutlich über dem Berliner Durchschnittseinkommen von 3400 Euro.

Einige Schwächen des Standortes offenbarte die Studie von IBB und UVB aber doch. So arbeiten in Frankfurt und Köln in Relation zu allen Beschäftigten immer noch mehr Menschen in der Digitalwirtschaft als in Berlin. „Da ist noch Luft nach oben“, kommentierte IBB-Chef Allerkamp. Und auch die Hersteller von Hardware und Infrastruktur, zu denen auch die Produzenten von Endgeräten für die Konsumenten zählen, sind in Berlin auf dem Rückzug.

Dieser Teil der Digitalwirtschaft registrierte ein in den vergangenen zehn Jahren ein Minus von 40 Prozent in der Stadt. Einen Abwärtstrend, der mit der Abwanderung der Produktion in Billiglohn-Länder zusammenhängt, gab es auch in Deutschland insgesamt. Aber der fiel mit minus 20 Prozent erheblich weniger drastisch aus als in Berlin.

Hauptthema des Campus von Siemens in Spandau

Für die neuen Formen der Industrie sehen die Vertreter von IBB und UVB aber gute Chancen in Berlin. Die Herstellung von kleinen Serien, die Technik des Drei-D-Drucks, die mittlerweile sogar Ersatzteile für den ICE der Bahn drucken kann, und die Vernetzung der Produktionsprozesse ließen sich in der Stadt realisieren.

Solche Techniken zu entwickeln und zu erproben, werde etwa ein wesentliches Thema auf dem neuen Siemens-Campus in Spandau sein, sagte der Robotics-Unternehmer Staufenbiel. Die Dienste seiner Firma sind inzwischen so gefragt, dass er und seine Mitgründer überlegen, vielleicht doch Risikokapitalgeber mit an Bord zu nehmen.

Das Interesse an solchen Beteiligungen sei größer geworden, hieß es am Donnerstag. So seien Technik-getriebene schwäbische Mittelständler inzwischen auch in Berlin unterwegs, um ihr Geld langfristig in innovativen, industrienahen Digitalfirmen anzulegen.