Zum Geburtstag

Elmar Pieroth - ein Beitrag über ein politisches Leben

Elmar Pieroth wäre heute 85 Jahre alt geworden. Seine Tochter Catherina Pieroth widmet ihm diesen Rückblick auf sein politisches Leben.

Mit Lothar de Maizière (r.) feierten 1990 Heiner  Geißler (l.)und Elmar Pieroth (2.v.r.) dessen Wahlsieg.

Mit Lothar de Maizière (r.) feierten 1990 Heiner Geißler (l.)und Elmar Pieroth (2.v.r.) dessen Wahlsieg.

Foto: Rainer Klostermeier / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Politisch war mein Vater von Anfang an. Und gewohnt, dass „sein“ Geburtstag ­gebührend und öffentlich gefeiert wurde: Jeden 9. November lief er an die Hauptstraße seines Geburtsortes bei Bingen am Rhein und vergewisserte sich, dass geflaggt war. Und es war.

Doch woran erinnerten die Fahnen? War es ein Gedenken an den 9. November 1918, als Reichs­kanzler Max von Baden die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. verkündete und Friedrich Ebert mit den Amtsgeschäften betraut hatte? Wurde vornehmlich Philipp Scheidemann gedacht, der an besagtem Vormittag eigenmächtig die deutsche Republik ausgerufen, oder eher an Karl Liebknecht, der wenige Stunden danach vom Berliner Stadtschloss aus die deutsche Räterepublik proklamiert hatte? Oder standen die Fahnen für den Putschversuch in München im Jahr 1923, als Hitler und Ludendorff versuchten, die Berliner parlamentarische Demokratie auszuhebeln – aber scheiterten?

Als mein Vater fünf Jahre alt wurde, 1939, machten die nationalsozialistischen Machthaber den 9. November zu einem regulären „Feiertag“ und installierten damit das Gedenken an den Beginn des Schreckens.

Bereits drei Jahre zuvor hatten sie in der gleichen Nacht damit begonnen, jüdisches Leben und jüdische Kultur in Deutschland zu entwürdigen, und vor dem Leipziger Gewandhaus das Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy entfernt. 1938 dann die Novemberpogrome: 400 Menschen kamen in dieser Nacht im antisemitischen Terror um, in den Tagen darauf wurden ungefähr 30.000 Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager gesperrt, mussten Zwangsarbeit leisten, hungern, frieren und sterben.

Für diese Zusammenhänge war mein Vater sicherlich noch zu klein. Doch er war neugierig und an den Hintergründen interessiert und begann bald, seinen Wissensdurst heimlich zu stillen: Er hörte BBC. Vielleicht schon 1941, als Thomas Mann im britischen Rundfunk die Deutschen warnte „bevor es zu spät ist, vor den tausend Untaten, die in ein unvorstellbares Verderben führen“ sollten?

Ab 1943 jedenfalls verfolgte mein ­Vater in der BBC die Berichte über Bombenangriffe und die erbitterten Kämpfe an der Ostfront. Er wollte um seinen in Russland kämpfenden Vater wissen. Und er fragte nach, wenn im Dorf jüdische Nachbarinnen und Nachbarn verschwanden. Aus dieser Wissbegier resultierte sein Lieblingsfach: Geschichte. Und möglicherweise war es das, was Thomas Mann das „soziale Gewissen“ nannte, das meinen Vater schließlich dazu brachte, in die Politik zu gehen.

Von keinem Regime gesteuert, kam 1989 eine Zeitenwende

Sein Glaube an die Kraft der Demokratie und an die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung war unerschütterlich. Die Hoffnung auf die Wiedervereinigung gab er nie auf – Grund für ihn, 20 Jahre nach dem Mauerbau dem Ruf von Richard von Weizsäcker zu folgen und nach Berlin zu gehen.

Und dann war es wieder ein 9. November, der zum politischen Schicksalstag werden sollte. Von keinem Regime gesteuert, dafür von den Menschen mit Mut und Augenmaß vorangetrieben, fand 1989 eine Zeitenwende statt. Das Engagement mutiger Menschen in Deutschland, Mittel- und Osteuropa kulminierte in einer Welle größtenteils friedlicher Revolutionen.

Seinen 55. Geburtstag, den Tag des Mauerfalls, verbrachte mein Vater mit dem polnischen Ministerpräsidenten, Tadeusz Mazowieczki, und mit Helmut Kohl in Warschau. Bei all der Freude über das Ende der Teilung und der Rückkehr zur Demokratie fragte er sich schnell nach den Ängsten auf polnischer Seite vor einem möglicherweise bald wieder mächtigen, vereinten Deutschland.

Denn sich und anderen immer wieder Fragen zu stellen und zu mutigem Handeln anzuregen – das zeichnete meinen Vater aus. „Was wäre gewesen, wenn ich zehn Jahre früher geboren worden wäre?“, „Wie fühlen sich die Menschen im Osten mit der wieder gewonnen Demokratie und Freiheit?“

Und ich fragte ihn einmal: „Was wäre aus dir und uns geworden, wenn du an der Saale/Unstrut statt am Rhein aufgewachsen wärst?“

Mein Vater tat nach der Wende, was er immer tat: Er ging auf die Menschen zu und übernahm Verantwortung. Schon 1990 wurde er Stadtrat im Magistrat Tino Schwierzinas in Ost-Berlin. Mit meiner Mutter organisierte er in Marzahn-Hellersdorf zahlreiche „Wohnzimmergespräche“, bei denen die dann schnell so genannten Wessis auf Ossis trafen und das taten, was auch heute mehr denn je gefragt ist: miteinander zu sprechen.

Das Engagement meines Vaters entwickelte sich nach seiner Zeit als Parteipolitiker noch einmal neu: Gemeinsam mit meiner Mutter gründete er den Verein „Most – Die Brücke“ mit dem Ziel, Studierende aus Mittel- und Osteuropa mit Berliner Unternehmen zusammenzuführen.

Er wurde Osteuropa-Beauftragter mit Sitz im Roten Rathaus. Mit dem ihm eigenen Tatendrang wollte er entlang der Zugstrecke Berlin-Moskau mittelständische Wirtschaftsbetriebe ansiedeln und so in Mittel- und Osteuropa Ausbildung, Arbeit und internationalen Austausch fördern.

Aus der Geschichte lernen, Mut entwickeln, das hat mein Vater mit dem ihm eigenen Charme und Optimismus verstanden. Und er hielt es mit Fritz Stern, dessen Maxime es war, jedem eine zweite Chance zu geben.

Denn das ist die Botschaft, die wir aus den diversen Gedenktagen des 9. November für uns heute ziehen können. Seit den Novemberpogromen, seit organisierte Gewalt und Krieg zumindest in Deutschland der Vergangenheit angehören, ist nur ein Leben vergangen.

Heute geht um es um eine zweite Chance für unsere Demokratie. Oder um mit meinem Vater, der heute 85 Jahre alt geworden wäre, zu sprechen: Es geht um Erinnerung und Zukunft, es geht um Engagement, Toleranz und Zusammenhalt. Es geht um uns.