Tempohomes

Kaum genutzt: Berlin verkauft Flüchtlingscontainer wieder

Tausende Flüchtlinge wohnen in Berlin noch in Containern. Die meisten Anlagen sollen lange vor Ablauf der Lebenszeit verschwinden.

Das Dorf soll weg:  Die fast 900 Container, die vor nicht einmal zwei Jahren für 20 Millionen Euro auf das Tempelhofer Feld gestellt wurden, werden jetzt abgebaut.

Das Dorf soll weg: Die fast 900 Container, die vor nicht einmal zwei Jahren für 20 Millionen Euro auf das Tempelhofer Feld gestellt wurden, werden jetzt abgebaut.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

900 Container, zum Teil mit Duschen und WCs, andere geeignet zum Wohnen oder Spielen: Berlin versucht gerade, die Hinterlassenschaften seiner Politik der Flüchtlingsunterbringung loszuwerden. Die sogenannten Tempohomes auf dem Tempelhofer Feld werden derzeit nach nicht einmal zwei Jahren Nutzung abgebaut, weil die Koalition getreu dem Volksentscheid das Feld vor Bebauung freihalten will. Aber auch an der Dingolfinger und an der Zossener Straße in Marzahn-Hellersdorf werden laut Senatssozialverwaltung derzeit Containerdörfer abgebaut.

Auf- und Abbau der Tempohomes summieren sich auf fast 140 Millionen Euro

Die Kosten dafür sind hoch. Auf 47 Millionen Euro kalkuliert die mit Abbau und Verwertung der Wohn-Kisten beauftragte landeseigene Immobiliengesellschaft BIM die Kosten, um die 15 Tempohome-Grundstücke wieder freizumachen. Diese Summe addiert sich zu den Baukosten hinzu. 91 Millionen Euro hatte es gekostet, zwischen 2016, als die Flüchtlingskrise akut war, und Anfang 2019 fast 4000 Unterkunftsplätze in Containern zu schaffen. Weil die meisten dieser Containerdörfer nur nach dem Flüchtlingsbaurecht genehmigt wurden und nur drei Jahre stehen dürfen, hat nun der Rückbau begonnen.

Jede Übernachtung ist vergleichsweise teuer

Wegen der kurzen Lebensdauer im Vergleich zu den entstandenen Kosten haben sich Wohn-Plätze in Containern als vergleichsweise teuer erwiesen. In einzelnen Anlagen schlägt jede Nacht, die eine geflüchtete Person in einem Container verbracht hat, mit mehr als 100 Euro zu Buche.

Noch ist völlig unklar, ob und in welchem Umfang die Container auch nach einem Auszug der Flüchtlinge genutzt werden sollen. Derzeit stehen von den 3900 Plätzen in den noch in Betrieb befindlichen Tempohomes 500 leer. Gleichzeitig bringen das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) und die Bezirke zahlreiche Menschen in Hostels unter, wie zuletzt eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Bettina Jarasch ans Licht brachte.

Demnach schicken die Bezirke auch minderjährige Geflüchtete und Familien, deren Asylverfahren abgeschlossen ist, in Unterkünfte ohne eine Vertragsbindung mit der Stadt und folglich weitgehend ohne soziale Betreuung. Die Lage wird verschärft, weil die als Ersatz für die Container geplanten Modular-Bauten an vielen Stadtteilen nicht so schnell realisiert werden wie geplant. Vielerorts stellen sich Bürger gegen diese Bauten.

Keine Klarheit über Nachnutzung

Die FDP-Abgeordnete Sibylle Meister versteht nicht, warum sie viel Geld für den Abbau von Containern ausgeben soll, während anderswo Bedarf herrscht: „Wir brauchen überdachte Plätze“, sagte Meister. Für die Kältehilfe, für Obdachlose oder für Studenten. Die Verhandlungen über solche Nachnutzungen gingen aber offensichtlich nur schleppend voran.

Bereits vor einem Jahr hatte die Morgenpost über Pläne berichtet, die Container weiter zu betreiben. Spruchreif ist jedoch noch nichts. Die Gespräche mit den Bezirken zur möglichen Nachnutzung der Tempohome-Standorte liefen noch, verlautete aus dem LAF. Eine Sprecherin der Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sagte, man prüfe jeden Standort. „Wenn entschieden werden sollte, eine Unterbringung von Geflüchteten zu beenden, bevor die langfristige bezirkliche Nachnutzung ansteht, können andere Bedarfe angemeldet werden“, so die Sprecherin und nannte als Optionen Schulen, studentisches Wohnen, Unterbringung für Azubis, Kältehilfe oder Stadtteilzentren.

Was soll mit überzähligen Containern geschehen?

In einer Liste, die die Sozialverwaltung auf eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Meister veröffentlicht hat, ist aber für jeden Standort eine Nachnutzung aufgeführt. Die Rede ist mal von Sportflächen, Schulen oder Neubauten von Anliegern wie im Falle der Finckensteinallee in Lichterfelde, wo das Bundesarchiv sich erweitern möchte, oder Am Oberhafen in Neukölln, wo die Hafengesellschaft Behala Kräne und Gleisanlagen plant. Weil mit Sicherheit mehr Standorte als das Tempelhofer Feld und die beiden Areale in Marzahn-Hellersdorf frei geräumt werden müssen, sucht die Stadt nach einer Lösung für die Frage, was sie mit den Containern anfangen soll.

Immobiliengesellschaft BIM berichtet von Interesse von Schulen und Polizei

Bei der zuständigen Immobiliengesellschaft BIM konzentriert man sich derzeit darauf, die Kisten aus Tempelhof loszuwerden, weil das Feld Ende des Jahres frei sein soll. Man habe rund 40 Bedarfe von öffentlichen Stellen gesammelt, so eine Sprecherin. Deshalb habe man von der Idee Abstand genommen, Container aus Tempelhof zum Verkauf anzubieten. Unter den Interessenten seien Schulen, die Lagerflächen brauchen oder Platz für Kantinen. Aber auch die Polizei, deren Immobilien vielfach marode sind, habe sich gemeldet.

Gleichwohl ist absehbar, dass nicht alle Container weiterhin benötigt werden und wenn, dann nicht sofort. Also suche die BIM eine Lagerfläche für die Kisten, die im Regelfall eine Lebensdauer von zehn Jahren haben. Ob auch Container verschrottet werden müssen, dazu wollte auf Nachfrage der Morgenpost weder die BIM noch das Flüchtlingsamt oder die Senatssozialverwaltung etwas sagen.

An 15 Orten stehen Containerdörfer

In Berlin sind 15 Grundstücke für Tempo­homes genutzt. Zwei davon waren zum Stichtag 24. Oktober, als der Senat die Anfrage der FDP-Abgeordneten Sibylle Meister beantwortet hatte, geschlossen:

Alte Jakob Straße, Kapazität 155, Erstbezug Februar 2018

Am Oberhafen, 245, Juni 2017

Buchholzer Straße, 497, Oktober 2017

Columbiadamm (Tempelhofer Feld), inzwischen geschlossen, Dezember 2017

Dingolfinger Straße, 245, August 2017

Finckensteinallee, 245, November 2017

Fritz-Wildung-Straße, 160, Juli 2018

Gerlinger Straße, 490, Januar 2017

Hohenschönhauser Straße, 245, August 2018

Karl-Marx-Straße, 155, Dezember 2018

Lissabonallee, 248, November 2017

Oranienburger Straße, 245, Februar 2019

Quittenweg, 256, August 2016

Rohrdamm, 245, Dezember 2018

Siverstorpstraße, 245, Dezember 2016

Wollenberger Straße 256, Dezember 2016

Zossener Straße, inzwischen geschlossen, Oktober 2016