Studie

Start-ups bleiben Job-Motor für Berlin

Start-ups in Berlin wollen 2020 im Durchschnitt 15,2 Arbeitsplätze pro Firma schaffen. Das ist Rekord in Deutschland.

Start-ups in Berlin werden als Arbeitgeber immer wichtiger (Symbolbild).

Start-ups in Berlin werden als Arbeitgeber immer wichtiger (Symbolbild).

Foto: Leonardo Patrizi / Getty Images/iStock

Berlin. Start-ups in Berlin werden als Arbeitgeber immer wichtiger. Im kommenden Jahr wollen die jungen Firmen in der deutschen Hauptstadt im Durchschnitt 15,2 Arbeitsplätze pro Unternehmen neu schaffen. Das sei deutschlandweiter Rekord, hieß es im Deutschen Start-up Monitor 2019, der am Montag in Berlin präsentiert wurde. Demnach planen deutsche Start-ups im bundesweiten Durchschnitt lediglich die Neueinstellung von 7,9 Mitarbeitern. Das seien 1,4 geplante Neueinstellungen mehr als im Vorjahr.


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„Die Bedeutung von Start-ups als Arbeitgeber nimmt weiter zu“, sagte der Mit-Autor des Start-up-Monitors Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen. Bundesweit wollen die jungen Firmen laut Studie im kommenden Jahr insgesamt 13.985 Mitarbeiter neu einstellen. Neben Berlin planen auch die Start-ups in München viele Neueinstellungen. In der bayrischen Landeshauptstadt gaben die Unternehmen an, im Durchschnitt 14,7 neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen. Der Deutsche Start-up Monitor gilt als die umfassendste Bestandsaufnahme der deutschen Gründerszene. An der Befragung in diesem Jahr haben fast 2000 Start-ups teilgenommen.

Start-ups sehen den Standort Berlin überwiegend positiv

Berliner Unternehmen bewerteten der Befragung zufolge das Start-up-Ökosystem in der deutschen Hauptstadt als besonders positiv. Mehr als 70 Prozent der befragten Berliner Start-ups schätzen die Voraussetzungen etwa zur Personalgewinnung, der Vernetzung mit wissenschaftlichen Einrichtungen oder dem Zugang zu Kapital in Deutschlands größter Metropole als gut oder sehr gut ein.

Unzufrieden mit dem Berliner Start-up-Ökosystem waren hingegen nur ein Bruchteil der Befragten: Lediglich 6,8 Prozent der Unternehmer beurteilten die Voraussetzungen für Start-ups in Berlin als schlecht oder sehr schlecht.

Die Erhebung bestätige die herausragende Stellung Berlins als zentrales Start-up-Ökosystem Deutschlands, sagte Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Die Start-up-Szene ist für Berlin ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, deshalb nehme ich die Förderung sehr ernst“, erklärte sie. Von der Bundesregierung forderte Pop in dem Zusammenhang, mehr Tempo bei der Digitalisierung und bessere nationale Rahmenbedingungen für Gründer.

In der etablierten Wirtschaft ist die Stimmung schlecht

Allerdings teilen auch die Jung-Unternehmer Berlins die Sorgen der etablierten Wirtschaft. Vor allem die Verfügbarkeit bezahlbarerer Büroimmobilien werde bei in der deutschen Hauptstadt ansässigen Jung-Unternehmen immer häufiger ein Thema, sagte Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Deutschen Start-up-Verbandes.

Mittelständler und Großunternehmen hatten den Standort Berlin allerdings zuletzt deutlich pessimistischer bewertet. In einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) hatten in der vergangenen Woche sogar 67 Prozent der Firmen in der deutschen Hauptstadt die derzeitigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen der rot-rot-grünen Koalition als größtes Risiko für ihre weitere unternehmerische Entwicklung angesehen. Der sogenannte Geschäftsklimaindex, in den die aktuelle Lage und auch der Ausblick einfließt, war innerhalb eines Jahres von 143 auf aktuell 119 Punkte gesunken. „Die Party ist vorbei“, hatte IHK-Chef Jan Eder erklärt. Die Stimmung in der Berliner Wirtschaft sei so schlecht wie seit 2009 nicht mehr.

Gründer würden Grüne wählen

Deutsche Start-ups schauen hingegen deutlich optimistischer in die Zukunft. 66 Prozent der jungen Firmen blicken sehr positiv in das neue Geschäftsjahr, sagte Verbandsgeschäftsführerin Teubert. Ein Grund dafür sei möglicherweise der starke Fokus auf den deutschen Markt. Fast 85 Prozent der befragten Unternehmen erzielen laut Umfrage ihren Hauptumsatz in Deutschland – und können deswegen losgelöster von internationalen Krisen wie Handelsstreitigkeiten und dem bevorstehenden Brexit agieren.

Deutschlandweit liege Start-up-Unternehmen zudem verstärkt Nachhaltigkeit am Herzen. Die Zahl der sogenannten Sozial-Unternehmen, die zum Teil auch Umweltinnovationen in den Markt einführen, nimmt zu. Das bemerkt auch die Politik. In der Gunst der Gründer liegen die Grünen erstmals vor der FDP: Mehr als 43 Prozent der Jung-Unternehmer gaben an, bei der nächsten Wahl der Öko-Partei ihre Stimme geben zu wollen.

Vielleicht zeigt sich das Wesen eines Unternehmensgründers schon in der Schulzeit. Die meisten Gründer waren laut dem am Montag in Berlin vorgestellten Deutschen Start-up Monitor bereits auf der Schulbank engagiert und leistungsstark. Zugleich waren die befragten Gründer aber auch rebellisch: ­Jeder Fünfte hatte in der Schulzeit Klassenbucheinträge oder erhielt Verweise, gut zwölf Prozent wurden ein- oder mehrmals nicht versetzt. „Start-up-Gründer bewegen sich häufig zwischen Genie und Wahnsinn“, sagte Tobias Kollmann, Mit-Autor des Start-up Monitors.

Hochschulausbildung

Vier von fünf Unternehmensgründern in Deutschland haben einen Hochschulabschluss. Nach wie vor dominieren bei den Firmenlenkern Studienfächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik (MINT). 43 Prozent der Befragten haben Abschlüsse mit diesem Schwerpunkt.

Die Hochschulen, die die meisten Gründer hervorgebracht haben, liegen laut der Erhebung vor allem im süddeutschen Raum. 3,2 Prozent der Jung-Unternehmer gaben an, ihren Abschluss an der Technischen Universität München gemacht zu haben. Die Technische Universität Berlin (TU) folgt erst an vierter Stelle: 2,3 Prozent der Gründer haben ihren Abschluss an dieser Hochschule erworben. Tobias Kollmann regte an, dem Thema Unternehmertum an Universitäten noch mehr Raum zu geben.

Zwar hätten einige Hochschulen einen Entrepreneurship-Lehrstuhl, das Thema müsse jedoch stärker an Fächer wie BWL, Informatik und Wirtschaftsinformatik angebunden werden, so Kollmann. „Unternehmertum sollte als Pflichtfach fest in den Lehr­plänen verankert werden“, forderte der Professor, der an der Universität Duisburg-Essen im Fachgebiet Wirtschaftsinformatik lehrt. Auch in der Schule finde Unternehmertum nicht statt. Kollmann sieht deswegen den „klaren Auftrag, das Thema Gründertum im deutschen Ausbildungssystem zu verankern“. Nur so ließe sich die Saat für mehr Gründungen legen.

Gründerinnen

Weibliche Unternehmensgründer sind nach wie vor selten. In dem diesjährigen Deutschen Start-up Monitor sind lediglich 15,7 Prozent aller Gründer Frauen. Das entspricht einer Steigerung von 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schon seit 2014 sei ein konstanter Anstieg an Start-up-Gründerinnen zu beobachten, jedoch auf niedrigem Niveau.

Green Economy

Start-ups spielen eine Schlüsselrolle, wenn es um die Lösung der großen Herausforderungen mit Blick auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht. Immer mehr Jung-Unternehmen versuchen deshalb, ihre Geschäftsmodelle so zu gestalten, dass sie einerseits wirtschaftlich erfolgreich sind, andererseits aber auch einen ökologischen und gesellschaftlichen Beitrag leisten. Mittlerweile stimmen fast 42 Prozent der befragten Start-up-Gründer zu, dass sich ihre Produkte und Dienstleistungen dem Sozial-Unternehmertum zuordnen lassen.

Kooperationen

Start-ups arbeiten sowohl mit etablierten Unternehmen (67 Prozent) als auch mit anderen Start-ups (57 Prozent) zusammen. Die Gründer kooperieren mit etablierten Firmen vor allem, um neue Vertriebskanäle zu erschließen (53 Prozent) und fehlendes Know-how zu ergänzen (51 Prozent). 42 Prozent erhoffen sich durch die Kooperation eine bessere Erschließung neuer Kundengruppen.

Herausforderungen

Vor allem der Zugang zu externem Kapital fällt vielen Gründern noch schwer. Lediglich 15 Prozent der Start-ups gaben an, durch Risikokapital-Geber finanziert zu sein. Der Großteil der Gründer greift noch immer auf eigene Ersparnisse für den Aufbau eines Unternehmens zurück (81 Prozent). Der Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek (CDU) kündigte am Montag an, dass die Bundesregierung am Aufbau eines Dach-Fonds-Modells arbeite, um die Ausstattung junger Gründer mit Kapital zu verbessern. Dafür sei das Bundeswirtschaftsministerium bereits mit Versicherungen und privaten Investoren im Gespräch. Daneben gaben die meisten Gründer in der Umfrage an, dass die Politik weiter dafür sorgen müsse, bestehende regulatorische und bürokratische Hürden abzubauen.