Unternehmertafel

Tempo 40 für ganz Berlin? Die Unternehmertafel diskutiert

Bei der 59. Unternehmertafel standen die Themen Klimaschutz und Verkehr in Berlin im Mittelpunkt.

Diskutierten bei der 59. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin über die Themen Klimaschutz und Verkehr (von hinten links nach vorne links): Jürgen Allerkamp (Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin), Christian Amsinck (Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg), Jens Holtkamp (Sprecher der Investitionsbank Berlin), Lars Meyer (Geschäftsführer Re-Wind), Frank Pawlitschek (Gründer von Ubitricity), Dominik Bath (Wirtschaftsredakteur Berliner Morgenpost), Jan Schiller (Geschäftsführer Media Checkpoint Berlin), Lawrence Leuschner (Gründer und Geschäftsführer des E-Scooter-Verleihers Tier Mobility), Ulrich Eichhorn (Vorsitzender der Geschäftsführung des Entwicklungsdienstleisters IAV), Christine Richter (Chefredakteurin Berliner Morgenpost) und Regine Günther (Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz).

Diskutierten bei der 59. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin über die Themen Klimaschutz und Verkehr (von hinten links nach vorne links): Jürgen Allerkamp (Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin), Christian Amsinck (Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg), Jens Holtkamp (Sprecher der Investitionsbank Berlin), Lars Meyer (Geschäftsführer Re-Wind), Frank Pawlitschek (Gründer von Ubitricity), Dominik Bath (Wirtschaftsredakteur Berliner Morgenpost), Jan Schiller (Geschäftsführer Media Checkpoint Berlin), Lawrence Leuschner (Gründer und Geschäftsführer des E-Scooter-Verleihers Tier Mobility), Ulrich Eichhorn (Vorsitzender der Geschäftsführung des Entwicklungsdienstleisters IAV), Christine Richter (Chefredakteurin Berliner Morgenpost) und Regine Günther (Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz).

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. In Sachen Klimaschutz müsse die deutsche Hauptstadt nicht mehr aufwachen. „Alle wissen bereits, dass mehr passieren muss“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Investitionsbank Berlin (IBB), Jürgen Allerkamp, zur Eröffnung der 59. Unternehmertafel. Die Frage sei nur, wie Berlin das ausgerufene Ziel, bis 2050 die Kohlenstoffdioxidemissionen um mindestens 85 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, erreichen könne. In jedem Fall müsse man die Bevölkerung mitnehmen, sagte Allerkamp im Berlin Capital Club. „Wenn wir etwas ändern wollen, ist das nur mit breiter gesellschaftlicher Akzeptanz möglich“, erklärte er zu Beginn des Gesprächs, das von Morgenpost-Chefredakteurin Christine Richter und IBB-Sprecher Jens Holtkamp moderiert wurde.

Umwelt-, Verkehrs- und Klimaschutzsenatorin Regine Günther (Grüne) machte in ihrem Anfangsstatement deutlich, dass Berlin allerdings nicht mehr jahrzehntelang Zeit für den Wandel habe. Alle großen Städte hätten sich zu mehr Klimaschutz positioniert und Maßnahmen auf den Weg gebracht, sagte sie. Berlin könne Antworten für ein bedeutendes Zukunftsfeld liefern und sich so einen Wettbewerbsvorteil sichern. „Als Hauptstadt eines westlichen Industrielandes haben wir die ökonomischen Möglichkeiten, den Schaden für das Klima zu begrenzen und gleichzeitig Alternativen zu entwickeln, die auch mit Wohlstand verbunden sind“, betonte die Senatorin.

Als schlechtes Zeichen beschrieb Günther das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Klimapaket. Damit sage die Große Koalition den Demonstranten auf der Straße, wir hören euch nicht, so die Politikerin. Bundesländer wie Berlin könnten aber vor allem im Bereich Verkehr losgelöst von den Vorgaben des Bundes etwas unternehmen, sagte Günther.

Individualverkehr

Verkehrssenatorin Günther erklärte, sie werde das Verkehrssystem in Berlin so umbauen, dass weniger Individualverkehr nötig sei, die Menschen aber trotzdem mobiler seien. Vor allem den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) baue die Koalition dafür in den kommenden Jahrzehnten deutlich aus.

In Berlin gibt es derzeit gut 1,2 Millionen Autos in der Stadt, zuletzt war die Zahl der Zulassungen sogar auf einen Höchststand gestiegen. Um die Fahrzeuge in der Stadt zu reduzieren, seien einerseits Anreize nötig. „Aber zu sagen, Verbote gehen nicht, halte ich nicht für möglich“, sagte Günther.

Lawrence Leuschner, der Gründer des E-Scooter-Anbieters Tier Mobility, regte an, dass man auch über drastischere Maßnahmen nachdenken müsse. Als Vorschlag nannte er eine Sperrstunde für Autos in der Innenstadt.

Ulrich Eichhorn, früherer Leiter des Konzernbereichs Forschung und Entwicklung beim Volkswagen-Konzern und jetziger Vorstandschef des Berliner Entwicklungsdienstleisters IAV, sagte, die Autoindustrie habe durch technische Möglichkeiten den Schadstoffausstoß der Fahrzeuge bereits deutlich reduziert. Der Wolfsburger Autokonzern ist an IAV beteiligt.

Mit Blick auf mögliche Fahrverbote regte er an, in Berlin stattdessen über eine sinnvollere Verkehrsflusssteuerung nachzudenken. „Mit einem Durchschnittstempo von 40 Kilometern pro Stunde könnte der Kohlenstoffdioxidausstoß bis nächstes Jahr um 10 bis 15 Prozent reduziert werden“, so Eichhorn. Durchschnittlich Tempo 40 in Berlin durch bessere Verkehrssteuerung und dadurch weniger Stop-and-Go? Senatorin Günther will sich diesen Vorschlag demnächst genauer erklären lassen.

Elektromobilität

An dem Punkt ließ Günther keinen Zweifel zu: Der Verbrennungsmotor müsse aussortiert werden, sagte sie. Mit Blick auf die Alternativen, die von der Autoindustrie derzeit angeboten würden, mache sie sich allerdings große Sorgen, so Günther. „Die Herausforderung ist über Jahre verschlafen worden“, kritisierte die Politikerin.

IAV-Vorstand Eichhorn erklärte, dass der Anteil verkaufter E-Autos am gesamten Fahrzeugabsatz des Volkswagen-Konzerns bereits im Jahre 2025 rund 25 Prozent betragen werde. Das seien dann rund drei Millionen E-Autos. „Die Autoindustrie ist in vollem Marsch zur Elektromobilität“, so Eichhorn. 2050 will der Konzern bereits sechs Millionen Elektrofahrzeuge absetzen. Insgesamt werde Volkswagen in den nächsten Jahren rund 70 verschiedene E-Auto-Modelle auf die Straße bringen. Mit Blick auf mögliche Fahrverbote sagte Eichhorn: „Es ist die Technologie, die uns weiterbringt, nicht der Verzicht.“

Nachholbedarf sehen allerdings alle Teilnehmer der Unternehmertafel noch bei der Ladeinfrastruktur in der Stadt. Man habe Lehrgeld bezahlt, sagte Ubitricity-Gründer Frank Pawlitschek, desen Firma Ladelösungen für die Batterie-Autos entwickelt. Unter anderem hat das Berliner Start-up auch ein intelligentes Ladekabel auf den Markt gebracht, das die Abrechnung des geladenen Stroms einfacher macht. Ubitricity werde in den nächsten zwei Jahren mehr als 1000 Ladepunkte in Berlin errichten, kündigte Pawlitschek, der auch Präsident des Berlin-Brandenburg Energy Networks (BEN) ist, an.

Neue Mobilität

Berlin sei extrem innovativ im Bereich Mobilität, sagte Lawrence Leuschner. „Es gibt keine Stadt, die so viele Sharing-Angebote hat wie Berlin“, so der Gründer des E-Scooter-Verleihers Tier Mobility, der seinen Sitz in Berlin hat. Auch die Vorteile der Digitalisierung würden in der Stadt bereits genutzt. Als Beispiel nannte er die App „Jelbi“. Das Smartphone-Programm der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bündelt verschiedene Verkehrsangebote und macht es Benutzern so leichter ohne Auto an ihr Ziel zu kommen.

Deutschland und Europa müssten aber aufpassen, dass der technische Fortschritt dabei nicht woanders stattfinde, so Leuschner. Mit Blick auf den Wandel in anderen Bereichen warnte er: „Wir haben den Handel an Amazon verloren, den Informationsbereich an Facebook und Twitter und wenn man sich nicht aufmacht, wird man die Mobilität an Tesla verlieren.“ Sein Unternehmen Tier zeige, dass die Menschen die neue Mobilität durchaus annehmen: In den ersten zwölf Monaten hätten Nutzer auf Tier-Scootern gut zehn Millionen Fahrten unternommen.

Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) betonte, dass Mobilität vor allem Teilhabe bedeute. Morgenpost-Chefredakteurin Christine Richter warf ein, dass die Verkehrsanbindung vor allem in den Außenbezirken ein Thema sei. IAV-Chef Eichhorn kritisierte mit Blick auf den Rufbus der BVG, der Berlkönig, dass Berlin andere Anbieter ausgesperrt habe. Volkswagen, sagte Eichhorn, hätte etwa seinen Dienst „Moia“ auch gerne nach Berlin gebracht. Nun fährt der Ridesharing-Service in Hamburg und Hannover durch die Gegend – mit großem Erfolg, wie Eichhorn betonte.

Stadtumbau

„Wir müssen die Stadt komplett neu denken“, sagte Tier-Mobility-Gründer Leuschner. In den vergangenen Jahrzehnten sei der Verkehr in der Stadt nahezu ausschließlich auf Autos ausgerichtet gewesen. Heute habe man erkannt, dass die Fahrzeuge zu viel Platz einnehmen und zudem die meiste Zeit nur in der Gegend herumstehen würden.

Günther sagte, sie werde die Stadt fahrradfreundlicher gestalten. In dem Zusammenhang würden auch zentrale Plätze in Berlin umgestaltet. Der Gendarmenmarkt etwa sei einer der schönsten Orte Berlins. Davon könne es noch mehr geben.

Wirtschaftsverkehr

Wie denn ein einfacher Handwerksbetrieb künftig noch zu einer Baustelle komme, wollte IBB-Sprecher Jens Holtkamp von der Gesprächsrunde wissen. Senatorin Günther betonte, dass der nächste Teil des Berliner Mobilitätsgesetztes, den ihre Senatsverwaltung im November vorlegen will, auch Eckpunkte dazu liefern werde. Großes Potenzial für die Belieferung in der Stadt sehe sie aber für das elektrisch angetriebene Lastenfahrrad. Die Cargo-Bikes dürften laut Straßenverkehrsordnung demnächst offiziell in zweiter Reihe halten und bekämen so auch einen regulatorischen Vorteil, sagte Günther. Perspektivisch könnten 30 Prozent des innerstädtisches Lieferverkehrs von Lastenrädern übernommen werden, glaubt Günther.

UVB-Hauptgeschäftsführer Amsinck merkte an, dass die Industrie in Berlin weiterhin in Lastwagen ihre Produkte transportieren müsse. „Große Gasturbinen von Siemens, Motorräder von BMW oder Motoren von Daimler kommen nicht für ein Lastenrad infrage“, sagte Amsinck.

Energieversorgung

Was die Wirtschaft auch brauche, sei eine sichere Energieversorgung, sagte Amsinck mit Blick auf die nur schleppend laufende Energiewende. Als Beispiel nannte er die Lausitz in Brandenburg. Durch die geplante Stilllegung der Braunkohleverstromung kämpfe die Region nach dem Fall der Mauer mit der zweiten großen Wende innerhalb von drei Jahrzehnten, so der Verbandschef.

Lars Meyer, der mit seiner Firma Re-Wind alte Windenergieanlagen aufkauft, modernisiert und weiter betreibt, sieht Deutschland mit Blick auf die Energiewende an einem gefährlichen Punkt. Der Ausbau der Erneuerbaren sei ins Stocken geraten, sagte er. Derzeit würden nicht genügend Windparks gebaut, auch, weil die Genehmigungsverfahren lang dauerten und häufig Anwohner protestierten. „Keiner will einen Windpark vor seiner Haustür. Wir haben ein Akzeptanzproblem“, erklärte Meyer. Allerdings sei es immer mehr Verbrauchern wichtig, zu wissen, woher ihr Strom komme. Der Re-Wind-Chef hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Er verkauft den in seinen Windparks erzeugten Strom auch an Elektroauto-Halter. Die Kunden hätten großes Interesse daran, Energie zu erwerben, die wirklich sauber sei, so Meyer.

Ubitricity-Gründer Pawlitschek betonte, künftig könnten auch E-Autos als Stromspeicher genutzt werden und so – bei Bedarf – zur Stabilisierung des Netzes beitragen.