Stadtderby

Die Fans von Hertha BSC und 1. FC Union waren mal Freunde

Union und Hertha treffen erstmals in der Bundesliga aufeinander. Die Fan-Szene ist aufgeheizt. Die Klub-Archivare wundert das etwas.

Derby-Fieber in Berlin

In der Fußball-Bundesliga kommt es am Samstag zum ersten Mal zum Spiel Union Berlin gegen Hertha BSC.

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Berlin. 48 Stunden vor dem großen Spiel liegt der Platz friedlich und ruhig da. Ein paar Amseln picken auf dem Rasen, das „Eisern-Union“-Schild glänzt in der Herbstsonne, und in einer Ecke des Stadions legen Handwerker noch letzte Hand an.

Die Alte Försterei will sich zum Berlin-Derby am Sonnabendabend von seiner schönsten Seite zeigen. Nach einer aufregenden Woche mit zwei dramatischen Pokalspielen steigt die Vorfreude auf das Spiel Union gegen Hertha.

Gleich nebenan sitzt Gerald Karpa in seinem Büro, legt ein Heft auf den Tisch und schlägt es auf - denn er weiß es selbst nicht so genau. Also blättert er in der Vereinschronik des FC Union nach und wird schließlich fündig: Am 20. Dezember 1914 war es so weit.

Damals fand das erste Derby zwischen Hertha BSC und Union statt, das damals noch Union Oberschöneweide hieß. 1000 Zuschauer verfolgten das Spiel in der VBB Verbandsliga. Es endete 4:0 für Hertha. Die Torschützen sind nicht überliefert.

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Hertha und Union im Derby: Aufnäher dokumentierten in den 80er-Jahren Fan-Freundschaft

Wie viele Derbys in den Jahrzehnten danach folgten, hat bislang niemand nachgezählt. Auch Gerald Karpa nicht. Er ist Klubchronist von Union Berlin und geht seit 1979 in die Alte Försterei. Klar ist aber, dass beide Traditionsvereine an diesem Sonnabend zum ersten Mal in der Bundesliga aufeinandertreffen. Ein neuer Höhepunkt für die Fußballstadt, denn es ist das erste Gesamt-Berliner Derby in Deutschlands höchster Spielklasse.

Für Karpa geht die Aufregung um das Spiel fast schon zu weit. „Es ist ja ein Hochsicherheitsspiel, ohne Alkohol, mit einem großen Sicherheitsaufgebot der Polizei“, sagt der 55-Jährige. „Ich fürchte, sie wird zurecht da sein.“ In den vergangenen Jahren hat sich die Rivalität zwischen den beiden Vereinen hochgeschaukelt. Das versteht der Klubchronist nicht so recht. „Union und Hertha waren ja lange keine unmittelbaren Konkurrenten“, sagt Karpa. „Die Rivalität ist auf eine gewisse Art künstlich.“

Im Gegenteil: Zu Mauerzeiten hegten die Fans beider Mannschaften große Sympathien füreinander. „Wir halten zusammen wie der Wind und das Meer – die blau-weiße Hertha und der FC Union“, sangen die Anhänger beider Teams voller Stolz. In den 80er-Jahren bastelte Hertha-Kult-Fan Pepe Mager sogar eigene Aufnäher, die die Freundschaft beider Teams dokumentierten.

Der eigentliche Feind von Union ist der BFC Dynamo

Für die älteren Union-Fans steht nach wie vor das Derby gegen den Ost-Berliner Rivalen BFC Dynamo im Vordergrund - auch wenn sich beide Vereine seit Jahren nicht mehr auf Augenhöhe begegnen. Dynamo kickt in der Regionalliga, Union seit vielen Jahren im bezahlten Fußball.

In der Klubhistorie haben sich dennoch die legendären Siege gegen den als Stasi-Klub verschrienen BFC in die DNA eingebrannt: zum Beispiel der 8:0-Kantersieg vor 14.000 Zuschauern in der Oberliga im Jahr 2005 oder ein Jahr später das vorerst letzte Aufeinandertreffen in der gleichen Liga. Union lag 2:0 vorn, als Dynamo-Fans das Spielfeld stürmten und die Partie abgebrochen wurde.

Um die legendäre Feindschaft beider Vereine ranken sich eine Reihe von Legenden. „Das geht teilweise in Richtung Märchen“, sagt Klubchronist Karpa. So sei weit verbreitet, dass Union im Gegensatz zum Stasi-Verein Dynamo von den Gewerkschaften gegründet wurde. „Das ist falsch“, sagt Karpa.

So tippen Berliner Promis das Berlin-Derby

Alte Försterei war kein Ort des Widerstands

Auch wenn es vielen Anhängern nicht gefalle, sei Union genauso eine SED-Geburt wie der BFC. Anders war es in der DDR gar nicht möglich, wo vor allem auch der Sport zum politischen Kampf missbraucht wurde. Und: „Alle Vorsitzenden waren SED-Mitglieder“, sagt Karpa.

Auch die jüngere Erzählung, die Alte Försterei sei ein Hort des Widerstands gewesen, entspricht nach Karpas Recherchen nicht der Wahrheit. „Wo war ich denn damals?“, fragt er. Von Widerstand gegen das DDR-Regime habe er im Stadion nichts gespürt. „Wir waren Jugendliche“, erinnert er sich, „und auf Partyzug unterwegs.“ Wo habe man in der DDR sich denn sonst hinstellen, 90 Minuten trinken und grölen können? Gegen Dynamo wurde es dann auch handgreiflich. „Die Schläger kommen ja nicht gegen Meuselwitz.“

Das neue Derby habe nun seinen eigenen Reiz. Die jungen Fans investieren mit dem Anspruchsdenken der Ultrafans und den aufwändig geplanten Choreografien viel mehr Zeit in das Fanwesen, deswegen sei das Derby gegen Hertha nun ähnlich emotional aufgeheizt. „Ich freu mich schon“, sagt Karpa.

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Hertha und TeBe duellierten sich 1910 zum ersten Mal

30 Kilometer von Karpa entfernt sitzt Frank Schurmann in seinem Büro und hegt ähnliche Gefühle. „Ich bin schon aufgeregt“, sagt Schurmann. Er ist Karpas Pendant bei Hertha und pflegt die Klubgeschichte der Alten Dame.

Bei der internen Mitarbeiterverlosung hatte Schurmann in dieser Woche Glück. Er wird einer der 2400 Hertha-Fans sein, die ihr Team an der Alten Försterei anfeuern. Das Spiel hat für ihn das Zeug für ein neues Derby-Kapitel in Berlin. „Das ist größer als früher“, sagt der 55-Jährige.

Mit „früher“ ist vor allem die Zeit gemeint, als Hertha sich mit dem Charlottenburger Nachbarn Tennis Borussia um die Vorherrschaft im (West-)Berliner Fußball duellierte. Die Geschichte dieses Derbys reicht noch weiter zurück als das Duell zwischen Hertha und Union. Am 18. September 1910 trafen die beiden Vereine den Geschichtsbüchern nach erstmals aufeinander. Auch diese Premiere gewannen die Blau-Weißen. Diesmal 6:2.

Hertha war damals noch in Wedding beheimatet, TeBe in Niederschönhausen. Die Brisanz des Duells wuchs, als beide nach Charlottenburg wechselten, Hertha spielte zunächst auf dem Platz des Berliner SC an der Hubertusallee, später dann im Olympiastadion. Das benachbarte Mommsenstadion wurde zur Heimat der Lila-Weißen von TeBe.

Neben der direkten Nähe spielte auch das Image der beiden Vereine eine Rolle. Hertha galt als Arbeiter-Verein, TeBe als Club der Bessergestellten. Zwei Jahre lang spielte TeBe in den 70er-Jahren in der ersten Liga, wo es vier Derbys gegen Hertha gab. Bis heute erinnern sich die Fans aber vor allem an den 4:2-Sieg der Borussen im Achtelfinale des DFB-Pokals 1998. 4:2 siegten die Lila-Weißen. Der damalige Hertha-Manager Dieter Hoeneß war vom Doppel-Torschützen Ilja Aracic derart begeistert, dass er ihn umgehend für die Hertha engagierte.

Neue Stufe der Polarisierung befürchtet

Aber das alles ist fast vergessen. „Das ist jetzt größer als früher“, sagt Hertha-Archivar Frank Schurmann also. Die früheren Derbys seien zwar von räumlicher Nähe geprägt, aber die Fanbasis sei insgesamt viel kleiner gewesen. Die Dimensionen heute dagegen sind viel größer. Hertha hat 36.000 Mitglieder, Union mit 30.000 fast genau so viel. Kein Vergleich zu früher. Zumal die mediale Präsenz sich vervielfacht hat.

„Beide Vereine haben zudem ihre Nischen besetzt“, sagt Schurmann. Hertha will als Hauptstadtklub angesehen werden, Union versucht gerade, mit dem Wandel vom Ostklub zum Kiezklub das Fanpotenzial zu erweitern.

„Das Derby Hertha-Union ist von der Bedeutung deshalb viel höher einzuschätzen“, sagt Schurmann. Wie sein Kollege von Union befürchtet er deshalb an diesem Sonnabend eine neue Stufe der Polarisierung der beiden Fanlager.

Bald so renommiert wie das Revierderby

Die Anhänger wollen sich in der nunmehr 30-jährigen Gesamt-Berliner Geschichte ihren Platz sichern. In den Fanforen laufen die Gemüter heiß, die Hertha-Fans verließen am Mittwoch nach dem Elfmeterkrimi gegen Dresden das Stadion bereits mit den mittlerweile üblichen „Scheiß-Union“-Rufen. „Es fehlt so etwas wie gegenseitiger Respekt“, sagen Karpa und Schurmann übereinstimmend über das Selbstverständnis der jüngeren Fans.

Wenn auch das neue Derby zwischen den beiden Bundesligisten noch nicht die Tradition der alten Ost- und West-Berliner Derbys hat, so sind sich doch beide Seiten sicher, dass das Duell das Zeug hat, zu den großen Partien wie dem Revierderby zwischen Schalke und Dortmund aufschließen zu können. „Auf jeden Fall“, sagt der Unioner Karpa. „Zumal ich davon ausgehe, dass wir die Klasse halten – und Hertha auch.“