Spaziergang

Carola Zarth: Eine Frau für die Wirtschaft

| Lesedauer: 13 Minuten
Jochim Stoltenberg
Carola Zarth, Präsidentin der Berliner Handwerkskammer

Carola Zarth, Präsidentin der Berliner Handwerkskammer

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Spaziergang mit Carola Zarth, Präsidentin der Handwerkskammer Berlin.

Es ist gut, doch öfter auf die Frauen zu hören. Der Tag, an dem wir uns für unseren Spaziergang verabredet hatten, war ein verregneter. Dann der Anruf, ob wir den Termin angesichts des wahrlich nicht einladenden Wetters nicht besser verschieben wollten, vielleicht auf das Wochenende? Für das seien Spätsommertage vorausgesagt. Ein paar Sekunden nachgedacht (wie steht’s um die eigene Wochenplanung?), und wir waren uns einig. Und siehe da: Die Sonne scheint, es ist noch einmal angenehm warm. Rund um dem Lietzensee, unserem Treffpunkt, strahlt ein Blätterwald in den schönsten bunten Herbstfarben. Gut, auf die Frauen zu hören.

Das trifft auf Carola Zarth in besonderer Weise zu. Sie ist seit Mai dieses Jahres Präsidentin der Handwerkskammer Berlin. Die erste Frau in der Geschichte der Kammer. Sie vertritt damit die Interessen von rund 30.000 Handwerksbetrieben in der Stadt mit ihren 200.000 Beschäftigten. Die nächste Männerdomäne erobert? „Nö, das ist halt so. Mein Vorgänger Stephan Schwarz hat mich gefördert und dann als seine Nachfolgerin vorgeschlagen. Ich bin seit 1991 ehrenamtlich in der Kammer engagiert, viele Jahre als Mitglied der Vollversammlung, in den vergangenen fünf Jahren als Vorstandsmitglied.“

Nun besetzen also zwei Frauen die beiden wichtigsten Spitzenämter in der Berliner Wirtschaft. Auch die IHK, die Berliner Industrie- und Handelskammer, wird ja schon länger von Beatrice Kramm geführt. Wie einst das Männer-Duo Eric Schweitzer/Stephan Schwarz haben jetzt zwei Frauen das Sagen. Angesprochen auf diese Frauen-Power zitiert Carola Zarth lächelnd und natürlich zustimmend ihre Kollegin Kramm: „Das können wir genauso gut wie die Jungs...“ Um dann zu ergänzen: „Das ist doch ein sehr gutes Signal für ein modernes Berlin.“

Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie

Die geborene Charlottenburgerin ist Geschäftsführerin und Inhaberin der Auto-Elektrik G. Holtz & CO. FG an der Charlottenburger Dovestraße. Ein Familienbetrieb rund ums Auto mit der Spezialität Elektronik, 1930 vom Großvater gegründet. Auf ihn geht auch die bis heute enge Verbindung zum Bosch-Konzern und dessen Service zurück. „Mein Opa hat dem ollen Robert noch die Hand gedrückt.“ Hin und wieder berlinert Carola Zarth ein wenig. Aber es klingt angenehm und auch ein bisschen authentisch nach gut einem halben Jahrhundert Lebensjahren in der Stadt.

Natürlich liebt sie die Stadt mit all ihren Attraktionen, Brüchen, mit ihrer unverändert starken Anziehungskraft, ihren Kiezen. Sie will ihrem Geburtsort etwas zurückgeben. So hat sie es schon von ihrem Vater gelernt. Deshalb Ehrenamt und Engagement. „Nach meinen Hobbys gefragt, antworte ich gern: andere gehen joggen, ich gehe Ehrenamt...“

Auch hier am Lietzensee zwischen Kaiserdamm und Kantstraße ist sie engagiert; als „stilles Mitglied“ in gleich zwei Bürgerinitiativen. „Im Verein Bürger für den Lietzenseepark, der das Grünflächenamt des Bezirks unterstützt und sich um Pflege und Sauberkeit des Parks kümmert. Und ich unterstütze die Initiative Parkwächterhäuschen. Das wird renoviert und zu einem kulturellen Treffpunkt im Park mit Café ausgebaut.“ Während wir unter dem sonnig bunten Blätterwald, der mit dem gelben Mantel Carola Zarths um die Wette zu strahlen scheint, am Ufer des Sees spazieren, können wir bürgerliches Engagement in der Praxis beobachten. Da rupfen zwei Frauen langes Gestrüpp aus der Uferböschung, zwei Männer sicheln zu hoch gewachsenes Gras, in einem Blumenbeet jätet ein anderer Unkraut.

Sie und viele andere sorgen dafür, dass der Lietzensee samt Park ein Schmuckstück mitten in der Großstadt bleibt. Dazu gehört auch die große Liegewiese. Auf der tollen an diesem Vormittag Familienväter mit ihren Kindern herum, eine Gruppe junger Amerikanerinnen übt sich im Basketballspiel, auf den Bänken rundherum wird sich gesonnt und gelesen. Es hat etwas von einer bürgerlichen Idylle.

Zurück in den harten Alltag. Wie ist Frau Zarth im Kfz-Handwerk gelandet? „Eigentlich wollte ich Religionslehrerin werden. Aber dann hab ich mit 14 Jahren ein Sommerferienpraktikum in der Werkstatt meines Vaters gemacht. Und da war es aus mit der Religion...“ Es folgt ein ziemlich herzhaftes Lachen. Das tut sie oft während unserer Gesprächs. Gute Laune, die von Zufriedenheit mit sich und dem Erreichten kündet. Sie hat ja auch allen Grund dazu. Statt Theologie hat sie eine Lehre als Groß- und Außenhandelskauffrau, später beim Geschäftspartner Bosch noch eine Zusatzausbildung zur Kraftfahrzeug-Betriebswirtin gemacht. Seit 30 Jahren ist sie Chefin des Familienbetriebs Holtz.

Schon mal einen Monteuranzug angezogen? „Noch nie. Ich bin mehr kundenorientiert, habe gern mit Menschen zu tun. Die reine Technikerin bin ich nicht. Aber meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind geduldig, erklären mir alles. Und über die Jahre wird man ja auch schlauer.“ Zu den angestellten Mitarbeitern gehört auch ihr Mann. „Er ist Kfz-Elektriker-Meister. Durch ihn habe ich also auch familiäre Unterstützung.“

Die Autobranche steht ja vor einem schwerwiegenden Umbruch, Stichwort E-Auto. Wie sieht Carola Zarth die Zukunft? „Wir waren der Zeit ja voraus, indem wir uns schon vor Jahren als Alternative zum herkömmlichen Kfz-Handwerk auf den Service für Elektromotorroller spezialisiert haben. Die erleben ja gerade hier in der Innenstadt einen Boom.“ Und das E-Auto? „Das ist nicht mein Hype. Ich hoffe sehr, dass die Autohersteller im Bereich der Wasserstofftechnik vorankommen. Beim E-Auto stellt sich mir die Frage nach dem Abbau der Rohstoffe, die wir für die Batterien brauchen. Und später auch für deren Entsorgung. Ich verstehe nicht, dass sich darüber kaum jemand Gedanken macht. Nur Elektro kann angesichts der Ressourcen, die wir für diese Technik brauchen, nicht die Lösung sein.“

Was wäre ein Park – zumal in Berlin – ohne eine Restauration zur Einkehr. Wir finden auf der Terrasse des „Bootshaus Stella“ am östlichen Ufer Platz und lenken das Gespräch bei Latte Macchiato und Espresso auf die aktuellen Themen der Stadt, um die sich die Präsidentin des Berliner Handwerks kümmern muss. Besonders dringlich ist derzeit der Fachkräftemangel.

„Ich rede lieber vom Fachkräftebedarf. Mangel hört sich immer so negativ an. Dass es an Fachkräften fehlt, ist hausgemacht, das Ergebnis jahrzehntelanger einseitiger Bildungspolitik. Lange ist den jungen Menschen gesagt worden, ohne Abitur, ohne Studium gehe nichts im Berufsleben. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn nicht nur das Handwerk Personalprobleme hat. Wir müssen wieder zu einer Gleichwertigkeit kommen. Die Ausbildung zum Gesellen oder Meister muss gesellschaftlich gleichgestellt und anerkannt werden wie ein Studium.“

Für Carola Zarth ein zentrales Anliegen. „Berufliche Bildung und Ausbildung müssen eine genauso hohe Wertigkeit haben wie eine akademische Ausbildung. Es bringt am Ende doch nichts, wenn eines Tages der Handwerker mit den Rollator kommen muss, weil wir keine Fachkräfte mehr haben.“

Zur Unterstreichung ihrer Forderung kann sie sogar den Bundespräsidenten zitieren. Der habe bei der Eröffnung der bundesweiten „Woche der beruflichen Bildung“ im vergangenen Jahr in der Berliner Handwerkskammer sinngemäß dies gesagt: Bildungsgerechtigkeit gebe es nicht erst, wenn ein Arbeiterkind studieren könne, sondern wenn ein Akademikerkind auch eine praktische berufliche Ausbildung machen dürfe.

Das ist die eine Seite. Eine andere, dass es vielen Schulabgängern heute an der Qualifikation zur Ausbildung in qualifizierten Lehrberufen fehlt. „Das ist leider richtig. Bei einer Schulabbrecherquote von etwa zehn Prozent ist das Handwerk weit davon entfernt, jedem eine Ausbildung zu eröffnen. Wir können nicht geradebiegen, was die Schule versäumt hat. Angesichts der Digitalisierung auch im Handwerk und damit verbundenen, steigenden Anforderungen wird ein vernünftiger Schulabschluss immer wichtiger. Ich bedaure sehr, dass während der Schulzeit oft kein realistischer Blick auf die Arbeitswelt und damit auf das künftige Arbeitsleben der jungen Menschen vermittelt wird.“

Das Patenschaftsprogramm soll Abhilfe schaffen

Diesen Missstand versucht die Handwerkskammer mit begrenzten Mitteln zu mildern. Seit sechs Jahren ist sie mit dem Programm „Berliner Schulpaten“ in mittlerweile 30 Grundschulen unterwegs. Dort stellen Unternehmen ihre Berufe vor oder laden Schulklassen in Betriebe ein; etwa zu einem Bäcker, um zu zeigen, wie Brot gebacken wird. Bio-Bäcker, das erwähnt die Präsidentin so ganz nebenbei, sind bei jungen Leuten als Ausbildungsbetriebe wieder sehr gefragt. Sie liegen halt im Trend.

Dass das Interesse an Information über die Vielzahl der Berufe und die Arbeitswelt groß ist, belegt die lange Warteliste für das Patenprogramm. Aber vielleicht, so die Hoffnung der Handwerkspräsidentin, können auch die Quereinsteiger-Lehrer helfen, den Schülern die spätere Berufswelt schon ein bisschen näherzubringen. Manche von ihnen sollen ja praktische Berufserfahrung haben.

Mit dem Stichwort „Quereinsteiger“ sind wir endgültig bei der Politik gelandet. Die beiden Frauen als Chefinnen der wichtigsten Wirtschaftskammern sind zweifellos ein Machtfaktor in der Stadt. Gleichzeitig sind die drängenden Probleme der Stadt von der Wohnungsnot bis zum innerstädtischen Verkehr riesig und ungelöst. Erhebt das Frauen-Duo da seine kritische Stimme laut genug? Und wen ja, wird es vom Senat erhört?

„Wir können sehr deutlich mit den Senatorinnen und Senatoren über Dinge reden, die nicht in Ordnung sind. Wir finden da auch durchaus offene Ohren. Ich zumindest kann mich nicht beklagen, bin in gutem Austausch sowohl mit der Wirtschaftssenatorin, der Arbeitssenatorin und auch dem Regierenden Bürgermeister. Aber was letztendlich umgesetzt wird, ist Sache der Politik. Mit der Verkehrssenatorin etwa haben wir vernünftige Regelungen vereinbart, damit auch künftig Handwerker mit ihren nicht immer umweltfreundlichsten Transportern in die Innenstadt fahren können. Man muss die Politik bisweilen eben auch auf die Lebenswirklichkeiten hinweisen.“

Und der Mietendeckel? Der ist für die Präsidentin nicht ganz leicht zu lüften. Es gebe bereits alarmierende Meldungen aus dem Bau- und Ausbaugewerbe, dass sicher geglaubte Aufträge gekündigt werden. Das sei die eine Seite. Und die andere? „In den Gremien der Handwerkskammer ist die Arbeitnehmerseite mit einem Drittel vertreten. Das sind also Mieter wie auch viele Inhaber kleiner Handwerksbetriebe. Die Mietenspirale trifft beide. Als Kammer müssen wir folglich sowohl die Interessen unserer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als auch die unserer Betriebe berücksichtigen. Dennoch ist meine Meinung klar: Die einzig realistische Lösung hat fünf Buchstaben: bauen.“

Sie sei noch eine Lernende im neuen Amt, sagt Carola Zarth. Das ist, so der Eindruck am Ende eines sonnigen Herbstspaziergangs, bescheiden ausgedrückt.

Zur Person:

Familie: Carola Zarth ist am 18. Oktober 1965 in Berlin geboren. Sie lebt in Charlottenburg, ist verheiratet und hat eine 23-jährige Tochter.

Laufbahn: Nach einer Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau eine Zusatzausbildung bei der Robert Bosch GmbH, Abschluss Kraftfahrzeug-Betriebswirtin. Seit 1989 selbstständig, den elterlichen Betrieb Auto-Elektrik Holtz GmbH & Co KG an der Charlottenburger Dovestraße hat sie 1993 übernommen, ihr Großvater hat ihn 1930 gegründet.

Ehrenamt: Unter anderem gründete sie 1991 den Landesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk, dessen Vorsitzende sie bis 2007 war. Heute ist sie Ehrenvorsitzende. In der Berliner Handwerkskammer ist sie seit 2004 Mitglied der Vollversammlung. Nach zehn Jahren wurde sie zum Vorstandsmitglied gewählt. Seit Mai 2019 ist sie Präsidentin der Kammer als Nachfolgerin von Stephan Schwarz. In zwei Bürgerinitiativen kümmert sie sich um den Erhalt des Lietzenseeparks.

Handwerkskammer: Sie ist Dienstleister und Interessenvertreter für das Berliner Handwerk mit 30.000 Betrieben, 190.00 Beschäftigten und 10.000 Auszubildenden