Bildung in Berlin

Senatorin Scheeres: „800 Lehrer werden Berlin verlassen“

Auf dem SPD-Landesparteitag will Bildungssenatorin Sandra Scheeres die Verbeamtung von Lehrkräften durchsetzen. Reagiert sie zu spät?

Bildungssenatorin Sandra Scheeres befürchtet, ohne Verbeamtung keine Lehrkräfte mehr zu bekommen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres befürchtet, ohne Verbeamtung keine Lehrkräfte mehr zu bekommen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Die SPD ringt bei ihrem Landesparteitag am Sonnabend um einen Kurswechsel. Der Streit geht darüber, ob auch in Berlin Lehrkräfte wieder als Beamte eingestellt werden sollen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat ihre Meinung geändert und wirbt für Verbeamtung.

Berliner Morgenpost: Frau Scheeres, wie viele Lehrer haben Berlin schon verlassen, weil sie nicht verbeamtet werden?

Sandra Scheeres: Im Jahr 2011 gab es 50 Kündigungen pro Jahr. Im letzten Jahr waren es 650. Dieses Jahr werden wir mehr als 800 Kündigungen und Aufhebungsverträge haben. Ein Teil dieser Leute geht aus persönlichen Gründen. Aber wir bekommen aus den Schulen mit, dass viele unserer Lehrkräfte nach Brandenburg oder in andere Bundesländer gehen, wo sie verbeamtet werden.

Es gab ja schon länger Warnungen, dass es so kommen würde. Sie haben trotzdem einen anderen Kurs gesteuert. Sind Sie also Schuld am Lehrermangel?

Nein. Inzwischen hat sich der Lehrermangel in ganz Deutschland verschärft. Es gibt viele Bundesländer, die ihre Stellen nicht besetzt bekommen. Wir wissen, dass auch in den nächsten Jahren deutschlandweit Tausende Lehrkräfte fehlen werden. Ich war viele Jahre gegen die Verbeamtung. Deshalb verstehe ich auch die Gegner sehr gut. Aber ich habe meine Meinung verändert, weil es neue Entwicklungen gibt. Wir sind inzwischen das einzige Bundesland, das nicht verbeamtet, Brandenburg ist vor drei Jahren umgeschwenkt, Sachsen im letzten Jahr. 2004 sah es so aus, dass weitere Länder mitziehen und auch nicht mehr verbeamten werden. Das Gegenteil ist passiert. Zudem wächst Berlin und damit auch die Schülerzahlen.

Müssen Sie sich nicht vorwerfen, dass Sie das zu spät korrigieren?

Nein, denn diese Veränderung zeichnen sich in dieser Deutlichkeit erst seit gut zwei Jahren ab. Bis vor Kurzem haben die Statistiken der Kultusministerkonferenz einen Lehrerüberschuss vorhergesagt. In Berlin haben wir als erste Maßnahme sogleich die Studienkapazitäten für das Lehramt erhöht.

Bisher wurde uns immer erzählt, angestellte Lehrer seien auf lange Sicht billiger als Beamte. Jetzt wird uns das genaue Gegenteil vorgerechnet. Wie glaubwürdig ist das?

Das genaue Gegenteil behauptet keiner. Wichtig ist, dass Pensionsrücklagen für die Beamten gebildet werden. Nach einer eingehenden Prüfung wissen wir jetzt, dass man eine finanzielle Gleichstellung von Angestellten und Beamten nicht hinbekommt. Über das gesamte Berufsleben und den Ruhestand betrachtet, haben Angestellte einen Nettoverlust von bis zu 120.000 Euro. Seit Berlin wieder in der Tarifgemeinschaft der Länder ist, kann man den Angestellten auch keine hohen Zulagen mehr bezahlen, um das auszugleichen.

Ein Beamter geht mit 70 Prozent der letzten Bezüge in Pension, das dürften so 3500 Euro monatlich sein. Von einer solchen Rente können Angestellte nur träumen. Muss man nicht mal dieses Missverhältnis angehen?

Das ist ein berechtigtes Anliegen, kann aber nur auf Bundesebene erreicht werden. Bekanntlich fordert die SPD schon lange die Bürgerversicherung für alle. Diese Forderung teile ich seit vielen Jahren. Als Bildungssenatorin bin ich aber in erster Linie für die Berliner Schulen verantwortlich. Da hat es oberste Priorität für mich, die Fachkräfte hier zu halten, neue Lehrkräfte anzuwerben und dadurch die Qualität der Schulen zu sichern.

Sehen Sie denn Vorteile der Verbeamtung über die Konkurrenzfähigkeit hinaus?

Wenn wir verbeamten, können wir noch stärker steuern, welche Lehrer bei der Einstellung an welche Schule kommen.

Was wollen Sie mit den angestellten Lehrkräften machen? Die fühlen sich doch schwer benachteiligt.

Es würden ja auch die meisten der Lehrkräfte verbeamtet werden, die bereits seit Jahren bei uns arbeiten. Auf dem Parteitag gibt es Anträge, die eine Möglichkeit aufzeigen, was man den Lehrern anbietet, die nicht verbeamtet werden können. Da geht es auch um eine Absenkung der Unterrichtsverpflichtung für angestellte Lehrer.

Sie sind Senatorin. Was meinen Sie denn?

Ich möchte, dass die Verbeamtung so vielen Lehrkräften wie möglich offensteht. Unser Ziel ist es auch, dass die Zahlen von Quereinsteigern und den ausgebildeten Fachlehrern im richtigen Verhältnis stehen.

Im Moment ist das nicht so. Sie stellen mehr Quer- und Seiteneinsteiger ein als ausgebildete Lehrkräfte.

Wenn wir mehr als 50 Prozent nicht voll ausgebildete Lehrkräfte einstellen müssen, dann ist das schwierig, obwohl wir ein bundesweit vorbildliches Qualifizierungssystem für Quereinsteiger aufgebaut haben. Auch wenn Quereinsteiger durchaus positive Impulse in den Schulalltag bringen.

Wie lange wird das noch so weitergehen?

Das kann man nicht abschätzen. Sicher ist, dass es mittelfristig nicht einfacher wird. Alle Bundesländer stellen Lehrer ein. Und wir haben derzeit eine Abwanderung in den Speckgürtel. Unsere Lehrkräfte gehen ja meistens nicht irgendwo aufs platte Land. Und auch von den Lehrkräften, die wir in Berlin teuer ausbilden, verlassen 30 Prozent die Stadt nach dem Studium, weitere fast 30 Prozent gehen nach dem Referendariat. Junge Menschen denken auch an ihre Zukunftsperspektive. Und andere Bundesländer bilden längst nicht so viel aus.

Die Verteilung der Quereinsteiger ist ja sehr ungleich. Die ausgebildeten Lehrkräfte suchen sich Schulen in Zehlendorf und Charlottenburg, und die nicht ausgebildeten landen an den Schulen in sozialen Brennpunkten. Was können Sie dagegen machen?

Wir haben unsere Einstellungsverfahren verändert und konzentrieren uns auf die Stadtteile, die Schwierigkeiten haben. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und werden die Lehrkräfte stärker bezirksübergreifend verteilen. Ich erhoffe mir dabei Unterstützung von den Gewerkschaften.

Denken Sie dabei an Quoten oder eine Zwangsverteilung?

Ich denke eher daran, dass Schulen, die kaum Quereinsteiger haben, erst mal nicht mehr mit ausgebildeten Kräften bedient werden. So verändern wir die Verhältnisse schrittweise.

Haben Sie eine Prognose, wie der Parteitag entscheiden wird?

Im März haben wir eine konstruktive Diskussion geführt und sind herausgegangen mit dem Auftrag, zu prüfen, ob man eine Gleichstellung von Beamten und Angestellten hinbekommt. Das geht aber nicht. Deswegen haben wir jetzt eine neue Diskussionsgrundlage. Gespannt bin ich, wie es ausgeht.

Wie erklären Sie denn, dass die Prognosen im Bildungsbereich oft so daneben liegen?

Zum einen wachsen die Städte wieder. Noch 2011 hatten wir in Berlin sinkende Schülerzahlen und haben Konzepte für die schrumpfende Stadt erstellt. Dann kamen seit 2015 20.000 Flüchtlingskinder in Berlin dazu. Aber Sie haben recht: Bei der letzten Kultusministerkonferenz mussten wir die Prognose zurückgeben, weil zwei Länder veraltete Bevölkerungsprognosen vorgelegt hatten.

Ihre Koalitionspartner von Linken und Grünen haben sich immer gegen die Verbeamtung gestellt. Haben Sie Signale, dass sich das ändert?

Bisher nicht. Aber das muss zunächst jede Partei für sich entscheiden.

190 Lehrer sprechen sich für Verbeamtung aus

In der Debatte über die Verbeamtung von Lehrern melden sich nun auch zahlreiche Lehrkräfte zu Wort. In einem offenen Brief an die Delegierten des SPD-Landesparteitags sprechen sich 190 Lehrer von verschiedenen Schulen dafür aus, die Verbeamtung wiedereinzuführen, damit „Berlin bei einem zunehmenden Lehrkräftemangel wieder wettbewerbsfähig wird“.

In einem weiteren Brief haben sich 22 Lehrer und Lehrerinnen des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Prenzlauer Berg an den Spandauer Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD) gewandt, der die Verbeamtung fordert. „Die ungleiche Bezahlung, die ungleichen gesundheitlichen und altersbedingten Absicherungen sind ein stetig wiederkehrendes Thema bei uns im Kollegium“, heißt es.