Klimaschutz

Aktivisten: Senatorin hat sich über den Tisch ziehen lassen

Die Klimaaktivisten kritisieren die Machbarkeitssttudie. Ihre Bedenken und Forderungen seien im Ergebnis nicht berücksichtigt worden.

Das Kraftwerk Reuter West wird noch mit Steinkohle betrieben. 2030 soll damit Schluss sein.

Das Kraftwerk Reuter West wird noch mit Steinkohle betrieben. 2030 soll damit Schluss sein.

Foto: Buddy Bartelsen

Umweltschutzverbände und Klimaaktivisten sind nicht zufrieden mit der Politik der Umwelt- und Klimaschutzsenatorin Regine Günther (Grüne). Ihr Vorwurf: Die frühere Klimaschutz-Aktivistin habe sich bei den Vorarbeiten für den Kohleausstieg in Berlin vom Energiekonzern Vattenfall „über den Tisch ziehen lassen“.

Die Klimaziele seien so nicht zu erreichen. Man habe „weitere Erwartungen an Frau Günther, die noch nicht umgesetzt sind“, sagte Eric Häublein vom Bündnis Kohleausstieg Berlin bei einem Pressegespräch am Mittwoch.

Günthers Senatsverwaltung und der Energiekonzern hatten kürzlich eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, wie bei der Produktion der Berliner Fernwärme der Brennstoff Kohle bis 2030 ersetzt werden kann. Die Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass es zwar möglich ist, bis 2030 keine Steinkohle mehr zu verbrennen, um die 1,3 Millionen Haushalte an Vattenfalls Netz mit Fernwärme zu versorgen. Stattdessen müsste aber in erheblichem Umfang der fossile Brennstoff Erdgas eingesetzt und die Verbrennung von Müll ausgeweitet werden.

Die Klimaschützer waren zwar in einem Beirat an der Erstellung der Studie beteiligt. Ihre Bedenken und Forderungen seien im Ergebnis jedoch nicht berücksichtigt worden. So seien die Berechnungsmethoden für die jeweils erzeugten Kohlendioxid-Emissionen zweifelhaft, hieß es.

Vor allem aber folge die Studie zu sehr den Bedürfnissen des Vattenfall-Konzerns und nicht unbedingt der für den Klimaschutz unbedingt nötigen Wärmewende, kritisierten die Umweltschützer. „Es ging darum, wie Vattenfall die Transformation schafft“, sagte Julia Epp vom Umweltverband BUND. Wichtiger sei jedoch eine Diskussion über die Situation in ganz Berlin.

Dezentrale Wärmeerzeugung sei nicht untersucht worden

„Dezentrale Möglichkeiten der Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen wurden nicht berücksichtigt“, sagte Kerstin Dörenbruch von Greenpeace. So gehe die Studie in der zentral über große Kraftwerke erzeugten Vattenfall-Wärme von einer sogenannten Vorlauftemperatur von 110 Grad Celsius aus. Diese sei aber nicht nötig, wenn die versorgten Wohnungen energetisch gut saniert seien.

Dann reichten auch 60 bis 80 Grad. Auch dezentrale Potenziale zur Nutzung von Abwärme zum Beispiel aus Bäckereien oder Rechenzentren seien nicht untersucht worden. Diese kleinteilige Analyse sei zwar mühsam und aufwendig, sagte die Greenpeace-Sprecherin, und weiter: „Aber Kleinvieh macht auch Mist.“

Das Bündnis präsentierte eine Studie, wie der Senat den Einsatz erneuerbarer Energien in der Fernwärme voranbringen könnte. Möglich sei es etwa, für Leitungen mit Wärme, die mit hohem Kohlendioxid-Ausstoß produziert wurde, eine höhere Nutzungsgebühr zu verlangen, sagte Eric Häublein vom Bündnis Kohleausstieg.

Hamburg beispielsweise habe ein solches Modell bereits eingeführt. Für CO2-intensive Kraftwerke den Netzzugang zu beschränken sei zwar wahrscheinlich rechtlich möglich, aber praktisch mangels schnell verfügbarer Alternativen kaum umsetzbar. Am aussichtsreichsten sei es, im Landesrecht Grenzwerte für zulässige Kohlendioxid-Mengen im Wärmenetz zu formulieren.