Lehrermangel

Bezirke fordern Verbeamtung von Berliner Lehrern

Die Stadträte warnen vor einer wachsenden Schieflage in Berlin und wenden sich an die Delegierten des SPD-Parteitag,

Die Verbeamtung soll  helfen, den Lehrermangel in Berlinzu beseitigen.

Die Verbeamtung soll helfen, den Lehrermangel in Berlinzu beseitigen.

Foto: imago/photothek

Berlin. Kurz vor dem Landesparteitag der SPD nimmt die Diskussion um den Lehrermangel an Berliner Schulen und den Umgang mit dem Problem an Fahrt auf. In einem Brief an die Delegierten des Parteitages werben neun Stadträte und Bezirksbürgermeister der SPD für einen Antrag zur Verbeamtung von Lehrern in Berlin, der am Sonnabend auf der Tagesordnung steht.

„An fast jeder Schule verlassen gut ausgebildete und engagierte Lehrkräfte die Kollegien, um im Berliner Umland verbeamtet zu werden“, heißt es in dem Schreiben. Zwar werde die Verbeamtung den Lehrkräftemangel nicht allein lösen, aber sie sei ein richtiger und notwendiger Schritt.

Berlinweit waren von 2734 zum Schuljahr 2019/20 eingestellten Lehrkräften 1085 klassische Pädagogen – das entspricht 40 Prozent. Hinzu kamen 711 Quer- und 938 Seiteneinsteiger. Die Zahlen der Senatsbildungsverwaltung zeigen: Vor allem in Marzahn-Hellersdorf, Mitte, Neukölln und Spandau bilden Quer- und Seiteneinsteiger die deutliche Mehrheit.

So sind in Mitte für das aktuelle Schuljahr 84 Quer- und 166 Seiteneinsteiger eingestellt worden, die damit fast drei Viertel unter den Neueinstellungen ausmachen. Die von der Senatsbildungsverwaltung verantwortete Einsatzplanung der Lehrkräfte sei „nicht nur eine formale Aufgabe, sondern auch die Voraussetzung, Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen“, sagt Mittes Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU). Dies sei aus seiner Sicht aber nicht gegeben.

Klassisch ausgebildete Lehrer gehen eher in gutbürgerliche Bezirke

Tatsächlich sind nicht alle Bezirke gleichermaßen von fehlenden Lehrern betroffen. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurden lediglich 30 Quer- und zwölf Seiteneinsteiger eingestellt – ein Anteil von 39 Prozent. Neuköllns Schulstadträtin Karin Korte (SPD) spricht deshalb von einer „weiteren Schieflage“, die zwischen den Bezirken entstehe, weil sich trotz der Brennpunktzulage die klassisch ausgebildeten Lehrer eher für die gutbürgerlichen Bezirke entscheiden würden. Senat und Abgeordnetenhaus hatten Ende 2018 beschlossen, Lehrern an Brennpunktschulen rückwirkend zum Schuljahresbeginn monatlich 300 Euro Zulage zu zahlen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sprach dabei von einem Anerkennungs- und keinem Steuerungsinstrument.

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Ähnlich wie auch Mittes Schulstadtrat fordert Korte, dass Schulen in schwierigen Lagen die besten Lehrer bekommen müssten. „Deshalb halte ich die Einrichtung eines zentralen Verteilerschlüssels sowohl für Lehrkräfte mit voller Lehramtsbefähigung, als auch für Quereinsteiger in Berlin für sinnvoll.“

Schwierig ist die Situation auch in Spandau, wo zu diesem Schuljahr 311 Lehrkräfte eingestellt wurden, darunter 162 Seiten- und 56 Quereinsteiger. Dieser hohe Anteil bringe die Schulen im Bezirk langsam in eine Schieflage, sagte Bezirksbürgermeister und Schulstadtrat Helmut Kleebank (SPD) kürzlich im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Kleebank gehört zu denen, die seit Längerem die Verbeamtung von Lehrern fordern. „Das ist etwas, wo das Land unbedingt ranmuss“, so Kleebank. Zudem ist er ebenfalls der Ansicht, dass es eine stärkere Steuerung der Lehrkräfte durch die Senatsverwaltung geben müsse.

Kritik vom Landeselternausschuss

Kritik an der Situation äußert auch Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Dieser hatte schon im Februar einen Beschluss gefasst, wonach Quer- und Seiteneinsteiger berlinweit durch eine Quotierung gerecht verteilt werden sollen. „Wir müssen dafür sorgen, dass Schulen, die schon einen hohen Anteil an Quereinsteigern haben, nicht immer stärker belastet werden“, sagt Heise.

In Berlin soll eine bessere Verteilung der Quer- und Seiteneinsteiger eigentlich dadurch erreicht werden, dass inzwischen jede Berliner Schule mindestens einen Quereinsteiger ausbilden soll. „Aber wir sehen, dass das nicht so einfach funktioniert“, so Heise.

Quereinsteiger könnten in den Oberschulen laut Heise mit ihrer Praxis-Erfahrung durchaus eine Bereicherung sein. Vor allem in der Schulanfangsphase jedoch bräuchten Lehrer, so betont er, eine volle pädagogische Ausbildung. Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen sei „keine Aufgabe für Quereinsteiger“.

Teilweise über 50 Prozent Quereinsteiger an Grundschulen

Allerdings zeigt sich, zumindest für Spandau, dass an den Grundschulen die Lage besonders angespannt ist. Von 190 eingestellten Lehrkräften an den Grundschulen im Bezirk sind 28 Laufbahnbewerber, also klassisch ausgebildete Lehrer – das entspricht einem Anteil von 15 Prozent, wie der Senat auf Anfrage der CDU-Fraktion mitteilte. „Es herrscht ein eklatantes Missverhältnis zwischen Fachpersonal und Personal ohne entsprechende Ausbildung“, kritisiert Patrick Wolf, bildungspolitischer Sprecher der Spandauer CDU-Fraktion.

Auf Twitter kritisiert ein Grundschulleiter aus dem Bezirk die Situation. Über 50 Prozent ursprünglich nicht für das Lehramt ausgebildete Lehrkräfte an einer Grundschule seien einfach zu viel, schreibt er. Es dürfe nicht sein, dass man ausbilde, die guten Lehrer dann aber gehen lasse. Für einen fairen Wettbewerb mit dem Nachbarland Brandenburg, dem eine Stadtrandschule besonders ausgesetzt sei, fordert er deshalb auch, dass Lehrer verbeamtet werden.

Wie die Entscheidung auf dem Landesparteitag der SPD zur Verbeamtung ausfällt, ist derweil offen. Doch selbst wenn die Delegierten den Antrag beschließen, heißt das nicht, dass die Lehrer-Verbeamtung in Berlin tatsächlich kommt. Denn die Koalitionspartner Linke und Grüne sind nach wie vor dagegen.

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