Runderneuert

Modernisierte S-Bahn-Züge: Das ist alles neu

Die Berliner S-Bahn hat am Dienstag den ersten Zug der runderneuerten Baureihe 481 vorgestellt und in den Betrieb geschickt.

Die Berliner S-Bahn hat den ersten Zug der runderneuerten Baureihe 481 vorgestellt und in den Betrieb geschickt. Weitere sollen folgen.

Die Berliner S-Bahn hat den ersten Zug der runderneuerten Baureihe 481 vorgestellt und in den Betrieb geschickt. Weitere sollen folgen.

Foto: dpa

Berlin. Die gute Nachricht gleich vorneweg: Die S-Bahn rollte am Dienstagnachmittag nicht nur störungsfrei aus der Werkhalle in Schöneweide, sie fuhr von dort aus auch pünktlich ab. Um 14.15 Uhr war es soweit: Der Zug mit der Nummer 481 381 konnte mit seiner Premierenfahrt nach Tempelhof in sein zweites Leben starten.

Der Doppelwagen ist der erste von zunächst 309 Fahrzeugen der Baureihe 481, die im Rahmen eines sogenannten Langlebigkeitsprogramms für einen weiteren Einsatz fit gemacht werden sollen. Sie sollen mindestens zehn, vielleicht sogar noch weitere 15 Jahre in der Hauptstadtregion unterwegs sein.

Berliner S-Bahn-Züge bekommen eine „Runderneuerung“

Zwar gehören die insgesamt 500 zwischen 1997 und 2004 gebauten Züge zur jüngsten der aktuell drei Fahrzeuggenerationen der Berliner S-Bahn, doch auch an ihnen sind die vergangenen Einsatzjahre nicht spurlos vorbeigegangen. Es nagt nicht nur der Rost an vielen Stellen, auch ist die Technik vielfach am Ende der Nutzungsdauer.

Eine von S-Bahnchef Peter Buchner als „Runderneuerung“ bezeichnete Ertüchtigung des Zuges war dringend geboten. Bereits seit 2015 laufen die Vorbereitungen für das Programm, nun konnte der erste modernisierte Zug die Hauptwerkstatt in Schöneweide verlassen.

Die Neuerungen der modernisierten S-Bahnen im Überblick:

  • Mehr als 6000 laufende Meter Wagenkasten-Langträger werden auf Korrosion untersucht und bei Befund saniert.
  • Gut 7000 neue, schwarze Türflügel werden an den Einstiegen verbaut.
  • 5000 Videokameras werden zur Überwachung des Fahrgastraums installiert.
  • Mehr als 27.000 neue Sitzgestelle und blaue Polster werden verbaut.
  • Knapp 29.000 Quadratmeter Fußbodenplatten und 32.000 Quadratmeter Belag werden neu verlegt.
  • Horizontale Haltestangen werden nachgerüstet.
  • 12.000 Türöffnungstaster werden eingebaut.
  • Um die elektronischen Komponenten der Züge zuverlässiger zu machen, werden Fahrschalter und elektrische Schaltmittel ausgetauscht, um altersbedingte Störungen zu verhindern.

Wagen bekommen andere Polster und neue Lackierung

Selbst für Wenigfahrer unter den S-Bahnnutzern sind die neuen alten Züge relativ einfach erkennbar: Denn ihr Design entspricht weitgehend dem der Neubaureihe 483/484, deren Prototypen aktuell noch in der Erprobung sind und die ab Januar 2021 regulär durch Berlin fahren sollen.

Wichtigste Gestaltungsmerkmale sind eine geänderte Lackierung, die zwar weiter in den Traditionsfarben Karminrot und Ocker erfolgt, doch künftig sichtbar heller ausfällt. Zudem fallen – zum Ärger eingefleischter S-Bahnfans - die markanten schwarzen Querstreifen unterhalb von Dach und Fensterband weg. Dafür sind wiederum die Türen komplett schwarz lackiert. Dies soll laut S-Bahnchef Buchner die Erkennbarkeit der Einstiege für blinde und sehschwache Fahrgäste erhöhen.

Polster in den S-Bahnen sind nun blau-dunkelblau kariert

Markanteste Änderung im Wageninneren: Die Sitze, die gleichfalls komplett erneuert werden, haben nun blau-dunkelblau karierte Polster, wie sie seit vielen Jahren in Regionalzügen der Deutschen Bahn (DB), aber auch in den Zügen der Hamburger oder Frankfurter S-Bahn eingesetzt werden. Begründet wird der Wechsel vor allem mit dem Kostenvorteil, der sich durch den zentralen Einkauf bei der DB ergibt. Die bislang in der S-Bahn-Baureihe 481 verwandten mintgrünen Polster seien Sonderanfertigungen und dementsprechend teurer.

Susanne Henckel, Chefin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), war zwar erst über die neuen Polster nicht glücklich. Doch ist sie mit dem Gesamtergebnis zufrieden. „Ich finde, die S-Bahn ist immer noch typisch Berlin – und eine solche Identität finde ich wichtig“, sagte sie nach der Premierenfahrt. Entscheidend war für sie, dass sich die technische Zuverlässigkeit und der Komfort für Fahrgäste verbessern.

Genau dies soll mit dem jetzt begonnenen Langlebigkeitsprogramm erreicht werden, versprach S-Bahnchef Buchner. In 22 Arbeitsschritten wird jeder Wagen einzeln komplett auseinander genommen und entkernt, anschließend genau auf Korrosion untersucht und saniert. Schließlich erfolgt ein Neuaufbau, bei dem auch ein Großteil der Technik ersetzt wird.

Eine Klimaanlage gibt es für die S-Bahnen nicht

Allerdings: Eine echte Modernisierung ist dies meist nicht. Vielfach bleiben die Systeme auf dem Level der 90er-Jahre. „Etwas anderes hätte nicht nur den Kostenrahmen gesprengt, sondern auch eine neue Zulassung der Fahrzeuge erforderlich gemacht“, sagte Projektleiter Maik Nachtigall. Aus diesem Grund sei auch darauf verzichtet worden, in die Wagen nachträglich eine Klimaanlage einzubauen, wie sie die neuen Fahrzeuge der S-Bahn haben werden.

Auch die Fahrgastinformation bleibt minimalistisch wie bisher. Anzeigen, die die Fahrgäste über Verspätungen und Umsteigemöglichkeiten informieren, wird es weiterhin nicht geben. Auch der Plan, das frühere 1.-Klasse-Abteil in ein Fahrradabteil umzuwandeln, wurde schließlich zugunsten des Erhalts der 90 Sitzplätze pro Doppelwagen aufgegeben.

Jeder Zug ist künftig mit Videoüberwachung ausgestattet

Einzig echte Neuerung im Wageninneren ist die Videoüberwachung, mit der künftig jeder Zug ausgestattet wird. Zehn Kameras mit Rundum-Blick werden pro Doppelwagen eingebaut. Sorgen um ihre Intimsphäre müssten sich die Reisenden aber nicht machen, versuchte Nachtigall mögliche Befürchtungen zu entkräften.

Die Kamerabilder bekäme kein S-Bahn-Mitarbeiter zu sehen, sie würden automatisch aufgezeichnet und auf einer Festplatte im Zug gespeichert. Lediglich bei einer Ermittlungsanfrage der Bundespolizei würde man die Festplatte ausbauen und Aufnahmen aus dem Wageninneren zur Strafverfolgung weitergeben, so der S-Bahn-Projektleiter.

Modernisierung dauert 55 Tage pro Zug

Die Länder Berlin und Brandenburg investieren in das Langlebigkeitsprogramm für die Baureihe 481 rund 250 Millionen Euro, rund 90 Prozent des Geldes kommt dabei aus dem Senatsetat. Entsprechend hoch sind die Erwartungen der Politiker. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) forderte von der S-Bahn, dass sie den Fahrgästen ein attraktives und stabiles Angebot macht. Brandenburgs Verkehrsstaatssekretärin Ines Jesse sagte, dass sie sich von der technischen Erneuerung einen reibungslosen S-Bahn-Verkehr erhoffe.

Laut S-Bahnchef Buchner wird die große Herausforderung nun sein, die auf immerhin 55 Tage pro Zug angesetzte Modernisierung so auszuführen, dass es im Alltagsbetrieb nicht zu Angebotslücken kommt. Es sollen höchstens 21 Doppelwagen gleichzeitig in der Werkstatt stehen.

In diesem Jahr sollen noch sieben Fahrzeuge das Werk in Schöneweide verlassen. In der Folge sollen dann 100 Züge pro Jahr runderneuert werden. Die S-Bahn hofft, dass die Länder auch noch Geld für die übrigen 191 Doppelwagen bereitstellen. Dazu dürfte es für sie angesichts weiter wachsender Fahrgastzahlen kaum eine Alternative geben.