Prozessauftakt in Berlin

Ärzte wegen Totschlags bei Zwillingsgeburt vor Gericht

Zwei Gynäkologen haben bei einer Zwillingsgeburt in Neukölln einen Zwilling mit einer Injektion getötet. Nun begann ihr Prozess.

Die beiden angeklagten Ärzte (r. und 4.v.r.) mit ihren Anwälten am Dienstag im Landgericht

Die beiden angeklagten Ärzte (r. und 4.v.r.) mit ihren Anwälten am Dienstag im Landgericht

Foto: Olaf Wagner

Berlin. Ein ungewöhnlicher Fall mit tragischem Hintergrund beschäftigt seit Dienstag das Berliner Landgericht. Auf der Anklagebank sitzen zwei Krankenhausärzte, denen die Staatsanwaltschaft Totschlag vorwirft. Sie sollen während einer Zwillingsgeburt einen Zwilling durch eine Injektion bewusst getötet haben. Der Fall ist nicht nur ungewöhnlich, er hat auch eine Besonderheit: Im Vordergrund steht in dem Prozess nicht einmal so sehr die Tötung, sondern vielmehr deren Zeitpunkt.

Am 12. Juli 2010 haben im Vivantes Klinikum Neukölln die beiden angeklagten Gynäkologen, der Chefarzt und die leitende Oberärztin, bei einer 27-Jährigen die Geburt ihrer Zwillinge mittels Kaiserschnitt eingeleitet. Ein Zwilling, ein Mädchen wird dabei zur Welt gebracht, der Zweite, bei dem zuvor eine Hirnschädigung festgestellt wurde, durch eine Kaliumchloridinjektion getötet.

Zunächst sei bei dem zweiten Zwilling, ebenfalls ein Mädchen, durch Abklemmen der Nabelschnur die Blutzufuhr unterbrochen und dann die Injektion vorgenommen worden, beschreibt die Vertreterin der Staatsanwaltschaft das Vorgehen der Angeklagten. Es ist eine beklemmende Schilderung, bei der im Sitzungssaal Totenstille herrscht.

Dazu seien die Ärzte nicht berechtigt gewesen, weil die Geburt bereits eingeleitet war, argumentiert die Staatsanwaltschaft. In der Verhandlung ist von „Menschwerdung“ die Rede, dem Zeitpunkt, in dem aus einem Fötus ein Kind wird. Und aus einem zuvor unter Umständen zulässigen Schwangerschaftsabbruch ein Kapitalverbrechen. Die Materie, über die da im Sitzungssaal gesprochen wird, ist hoch kompliziert, medizinisch und juristisch.

Der Begriff „selektive Tötung“ überlagert die menschliche Tragik

Was die beiden angeklagten Ärzte nach Auffassung der Staatsanwaltschaft zum Zeitpunkt der Geburt nicht mehr durften, wäre während der Schwangerschaft durchaus möglich gewesen. Zwillinge werden, sehr vereinfacht ausgedrückt, im Mutterleib durch ein gemeinsames Blutkreislaufsystem versorgt. Das beinhaltet das Risiko, dass Schäden oder Erkrankungen an einem Fötus auf den gesunden Fötus übertragen werden können. In dem Fall ist eine drastische Maßnahme - wie von den Angeklagten durchgeführt - rechtlich zulässig.

Selektive Tötung nennt sich das. Der sterile Begriff überlagert dabei vollständig die menschliche Tragik, die eine solche Situation auslöst. Etwa für die Eltern, die die Entscheidung treffen müssen, ob sie um der Sicherheit des einen Kindes willen das andere Kind opfern.

In dem angeklagten Fall hätten sich die Eltern seinerzeit für diese Möglichkeit entschieden, erklärt die Oberärztin. Die heute 58-Jährige spricht nach Verlesung der Anklage etwa 30 Minuten lang. Sie schildert den Verlauf der Schwangerschaft, die vielen Untersuchungen, Befunde und Experten-Gutachten, nachdem die Hirnschädigung bei einem Fötus festgestellt wurde. Und die schweren aber notwendigen Gespräche mit den Eltern.

Gynäkologin: „Wir sind davon ausgegangen, dass unser Vorgehen zulässig ist“

Nur in einem Punkt bleibt sie vage, was augenblicklich zu bohrenden Nachfragen des Vorsitzenden der zuständigen 32. Schwurgerichtskammer führt. Ob ihr die rechtlichen Möglichkeiten und die Grenzen ihres ärztlichen Handelns bekannt seien, will der Richter wissen. „Wir sind davon ausgegangen, dass unser Vorgehen zulässig ist“, lautet die Antwort der Gynäkologin.

Sie habe sich genau wie ihr Chef und Mitangeklagter bei der Entscheidung für die Tötung des zweiten Zwillings auf der sicheren Seite gefühlt. Und nein, juristischen Rat habe man nicht eingeholt, ergänzt die 58-Jährige. Für ihn sei das schwer nachvollziehbar, kommentiert der Vorsitzende die Aussagen der Ärztin. Die schildert weiter die damaligen Geschehnisse, etwa wie den Eltern ermöglicht wurde, von dem toten Zwilling Abschied zu nehmen. Doch die Richter kommen immer wieder auf ihre Kernfrage zurück und empfinden die Antworten zunächst als unbefriedigend.

Sechs Verhandlungstage hat die Kammer angesetzt, zahlreiche Zeugen und Gutachter sollen noch gehört werden. Der Prozess wird am 29. Oktober fortgesetzt, das Urteil ist für Ende November vorgesehen.