Unternehmensgründer

Paris überholt Berlin als Gründer-Metropole

Lange haben Gründer in der deutschen Hauptstadt mehr Geld eingesammelt als in Paris – nun liegen die Franzosen vorne.

Berlin gilt weltweit als Hotspot für Start-ups. Nun aber hat die Konkurrenz aus Frankreich die deutsche Hauptstadt überholt.

Berlin gilt weltweit als Hotspot für Start-ups. Nun aber hat die Konkurrenz aus Frankreich die deutsche Hauptstadt überholt.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin. Paris hat laut einer Studie Berlin als Gründer-Metropole überholt. Im ersten Halbjahr 2019 warben Start-ups aus der französischen Hauptstadt rund 2,2 Milliarden Euro von Investoren ein. Damit zogen sie bei den Wachstumsfirmen an Berlin vorbei, die 2,0 Milliarden Euro einsammelten, wie eine aktuelle Analyse der Beratungsgesellschaft EY zeigt.

Bei der Zahl der Finanzierungsrunden hatte Paris mit 230 die Nase noch deutlicher vor Berlin (129). Unangefochten an der Europas Spitze blieb aber London.

Im Jahr 2018 hatte sich Berlin mit 2,6 Milliarden Euro Investments in Start-ups noch knapp vor Paris (2,5 Milliarden Euro) behauptet. Die französische Hauptstadt hatte da aber schon rasant aufgeholt. 2017 hatte sie noch deutlich hinter Berlin gelegen.

CDU nennt Analyse „bedrückend“

Die Opposition in Berlin nannte die Ergebnisse „bedrückend“. Der rot-rot-grüne Kulturkampf des Senats gegen Investoren zeige Wirkung, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU in Berlin, Christian Gräff, am Montag mit Blick auf die Ergebnisse.

„Nach dem Aus für den Google-Campus und den Querschüssen des Grünen-Findlings-Stadtrates Schmidt gegen Amazon hatten wir gefordert, solche Zukunftsinvestitionen zur Chefsache zu machen. In Paris passiert das, wie wir sehen, erfolgreich. Berlins Regierender Bürgermeister ignoriert das“, erklärte Gräff.

Zudem habe Berlin eine Wirtschaftssenatorin „ohne Ambitionen“. „Statt mit zukunftsweisenden Projekten fällt ihr Name, wenn sie den Nachtbus zum Flughafen verpasst und deshalb eine Arbeitssitzung des Senats platzen muss“, kritisierte Gräff.

Zentralregierungen helfen London und Paris

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) entgegnete, dass die Zahlen vor allem zeigten, wie attraktiv die deutsche Hauptstadt für Investoren sei. „Bis zum Jahresende ist davon auszugehen, dass die Gesamtsumme der Investitionen in Berliner Start-ups wieder deutlich über dem Vorjahr liegen wird. London und Paris erfahren jedoch eine starke Unterstützung ihrer Zentralregierungen. Hier ist der Bund gefordert, sich mehr zu engagieren, um den Start-up-Standort Deutschland weiter zu stärken“, sagte Pop.

Tatsächlich zeige die starke Unterstützung für Start-ups in Frankreich Wirkung, erklärte EY-Partner Peter Lennartz. Die Regierung verfolge das klare Ziel, Frankreich zum führenden Start-up-Standort Europas zu machen, indem bürokratische Hürden für Jungunternehmer abgebaut würden und der Staat Investoren und Gründer zusammenbringe.

So hatte Präsident Emmanuel Macron 2017 erklärt, Frankreich mit staatlicher Hilfe zur „Start-up-Nation“ machen zu wollen. Er warb auch bei großen französischen Unternehmen um Investments in heimische Start-ups.

Auch in Deutschland stehen Gründer stärker im Fokus

In Deutschland sind Gründer zwar stärker in den Fokus der Politik geraten, kommen aber oft nur schwer an üppige Geldspritzen. Die Förderbank KfW schätzt die Finanzierungslücke in der frühen Wachstumsphase auf bis zu 600 Millionen Euro pro Jahr.

Die Bundesregierung will die Gründerkultur mit staatlich unterstützten Wagniskapitalfonds vorantreiben. Sie hatte mit der KfW auch eine Plattform für Start-ups ins Leben gerufen, um Gründer und Investoren zu vernetzen, Beratung zu verbessern und Finanzierungen zu erleichtern.

Für erfolgreiche Start-ups seien Kapital und Talente die beiden wichtigsten Faktoren, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups, Florian Nöll, mit Blick auf die EY-Analyse. Derzeit befänden sich in Deutschland Vorschläge in der Diskussion, so Nöll.

Beispielhaft nannte er ein sogenanntes Dachfondsmodell, um mehr Geld institutioneller Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds für den deutschen Wagniskapitalmarkt zu mobilisieren. „Wir müssen uns mit Mut und Optimismus aufmachen, unseren Start-ups Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, die sie zum Wachsen benötigen. Dabei haben wir keine Zeit zu verlieren. Paris zeigt, wie es geht. Berlin muss liefern“, forderte er.

Start-up-Verband: Berlin könnte bald wieder vor Paris liegen

Insgesamt erhielten europäische Start-ups in der ersten Jahreshälfte die Rekordsumme von 16,9 Milliarden Euro, 62 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Es sei enorm viel Kapital im Markt, das angelegt werden müsse.

„Investoren konzentrieren sich auf reifere Geschäftsmodelle und Unternehmen, die bewiesen haben, dass sie ihre Ziele erreichen können“, sagte Lennartz. Die Aussicht auf einen erfolgreichen Ausstieg per Börsengang oder Weiterverkauf erhöhe die Bereitschaft, auf der Zielgeraden nochmal hohe Summen zu investieren.

Im zweiten Halbjahr habe der Boom angehalten. Gerade in Deutschland gab es ein starkes drittes Quartal - Hoffnung also für Berlin. Und auch Verbandschef Nöll gibt sich optimistisch.

Er sei zuversichtlich, dass es in der zweiten Jahreshälfte noch mehr größere Finanzierungsrunden in Berlin geben werde. „Wenn hier zwei, drei große dabei sein werden, kann sich Berlin und Deutschland auch wieder schnell vor Paris setzen“, so Nöll weiter.