Handwerk

Berlin verliert seine Handwerksmeister

Im vergangenen Jahr gab es in Berlin 371 Meisterprüfungen, vor 20 Jahren waren es noch 843. Ein fataler Trend.

Die Gründe für die sinkende Zahl an Meisterprüfungen in Berlin sind nach Angaben der Handwerkskammer vielfältig. Viele Handwerker würden wegen der hohen Kosten und des Zeitaufwands von einer Meisterprüfung Abstand nehmen.

Die Gründe für die sinkende Zahl an Meisterprüfungen in Berlin sind nach Angaben der Handwerkskammer vielfältig. Viele Handwerker würden wegen der hohen Kosten und des Zeitaufwands von einer Meisterprüfung Abstand nehmen.

Foto: dpa

Berlin. Immer weniger Berliner entscheiden sich dafür, eine Meisterprüfung abzulegen. Im vergangenen Jahr gab es 371 Meisterprüfungen, vor 20 Jahren waren es noch 843. Nur jede fünfte Meisterprüfung wird dabei von einer Frau abgelegt. Auch hier sinkt der Anteil seit Jahren. „Immer mehr junge Menschen entscheiden sich dafür, ein Studium aufzunehmen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, Jürgen Wittke. „Wir bilden zu wenig Jugendliche aus.“

Die Gründe für die sinkende Zahl an Meisterprüfungen sind nach Angaben der Handwerkskammer vielfältig. Viele Handwerker würden wegen der hohen Kosten und des Zeitaufwands von einer Meisterprüfung Abstand nehmen. Neben den Prüfungsgebühren müssen Meisterschüler Geld für die Kurse, oft mehrere tausend Euro für das Meisterstück aufbringen und den Verdienstausfall ausgleichen. „Eine Meisterprüfung ist mit großen Einbußen verbunden, finanziell und privat“, sagt Wittke. Wer sich für eine berufsbegleitende Meisterprüfung entscheide, verzichte zwei Jahre lang auf sein Privatleben, wer eine Vollzeit-Meisterprüfung ablege, habe oft unter finanziellen Schwierigkeiten zu leiden.

Die Handwerkskammer fordert daher, Gesellen bei der Meisterprüfung besser zu unterstützen. Zwar gibt es wie für Studenten ein Meister-Bafög, aber während das Studium an sich kostenfrei ist, müssen Meisterschüler zusätzliche Kosten tragen. Zwölf von 16 Bundesländern haben deshalb inzwischen einen Meisterbonus eingeführt, der die Meisterschüler bei den zusätzlichen Kosten entlasten soll. Berlin gehört bislang nicht dazu. Das soll sich ändern.

Kommentar: Berlin sollte Meisterprüflinge fördern wie Studenten

In Nordrhein-Westfalen gibt es 4000 Euro Meisterbonus

„Am besten wäre es natürlich, wenn der Staat die realen Kosten trägt“, sagt Wittke. Aber ein Bonus würde als Zwischenlösung eine große Hilfe darstellen. Der Meisterbonus liegt in Brandenburg derzeit bei 1500 Euro, in Nordrhein-Westfalen beträgt er sogar 4000 Euro. Die Handwerkskammer fordert nun eine ähnliche Regelung für Berlin.

Wünschenswert wären demnach die 4000 Euro, die Nordrhein-Westfalen seinen Meistern nach erfolgreicher Prüfung erstattet, oberstes Ziel der Handwerkskammer sei es aber, wenigstens eine Gleichbehandlung mit Brandenburg zu erreichen. „Das wäre sinnvoll, damit es nicht zu einem Meisterprüfungstourismus kommt“, sagt Wittke. Für den Landeshaushalt bedeute das nur eine geringe Belastung. Selbst wenn Berlin seinen Meisterschülern 4000 Euro zahle, kämen auf den Landeshaushalt bei durchschnittlich 500 Meisterprüfungen pro Jahr nur zwei Millionen Euro dafür zu.

Ein weiterer Grund für die sinkende Zahl an Meisterprüfungen liegt nach Erkenntnissen der Handwerkskammer an der guten konjunkturellen Lage der vergangenen Jahre. Da es zurzeit eine große Nachfrage nach Handwerkern gibt, verzichten viele Handwerker auf den Aufwand einer Meisterprüfung, da sie auch ohne Meistertitel derzeit gut verdienen.

Für zwölf gilt wieder die Meisterpflicht

Mehr Meisterprüfungen erhofft sich die Handwerkskammer nun dadurch, dass die Bundesregierung Anfang Oktober für zwölf Berufe wieder die Meisterpflicht eingeführt hat. Vor 15 Jahren hatte der Bund diese Pflicht für 53 von 94 Handwerksberufen abgeschafft. Mit der Reform wollte die Regierung damals Anreize zur Selbstständigkeit setzen. Doch das zahlte sich nicht aus. „Das hatte fatale Folgen für den Arbeitsmarkt“, sagt Wittke. Das Signal, das dadurch ausgesandt wurde, sei gewesen, dass diese Berufe jeder ausüben könne.

Die Meisterpflicht gilt nun wieder für Fliesenleger, Estrichleger, Behälter- und Apparatebauer, Parkettleger, Terrazzobauer, Rollladenmechatroniker, Raumausstatter, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Glasveredler, Drechsler, Böttcher und Orgelbauer.

Unterstützung erhält die Handwerkskammer mit ihrer Forderung von der Berliner FDP. „Der negative Trend muss gestoppt werden und das Erlangen eines Meisterabschlusses in Berlin erleichtert werden“, heißt es in einem Antrag der FDP. Mit einer finanziellen Entlastung der Meisterschüler könne dem Trend zur Akademisierung in der Berufswelt entgegengewirkt werden. Während vor zehn Jahren noch mehr Menschen eine Ausbildung anfingen als ein Studium, habe sich dieser Trend inzwischen umgekehrt.