Gesundheit

Senioren-Sport im Trend: Für Fitness ist es nie zu spät

Immer mehr der über 60-Jährigen trainieren in Berlin in Fitnessstudios und Sportvereinen. Erfolge können dabei schnell erzielt werden.

Im Activsports-Fitnessstudio in Lichtenberg trainieren Senioren in speziellen Aerobic-Kursen.

Im Activsports-Fitnessstudio in Lichtenberg trainieren Senioren in speziellen Aerobic-Kursen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Heiße Rhythmen ertönen aus den Lautsprechern. Auf dem Podest schwingt Carsten Wiedemann seine Hüften, hebt die Arme, lässt die Schultern kreisen. Die Bewegungen sind nicht exzessiv, aber mit Nachdruck. Seine Anhänger vor ihm, acht Frauen, zwei Männer, tun es ihm gleich, mit derselben behutsamen Intensität, hier in einem Fitnessstudio in Lichtenberg. Sie sind 65 Jahre alt, einige fast 80 – und machen Aerobic, Senioren-Aerobic.

Damit sind sie bei weitem nicht die einzigen sportlich Aktiven in betagtem Alter. Laut dem Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen in Deutschland liegt der Anteil der über 60-Jährigen in Fitnessstudios inzwischen bei mehr als 12 Prozent, also knapp 1,4 Millionen Mitgliedern – und damit ein Viertel höher als noch vor sechs Jahren. Tendenz steigend.

Die Gesellschaft wird zunehmend älter, die ältere Generation hat neue Bedürfnisse, so der Verband. Auch der Landessportbund Berlin meldet ein steigendes Interesse von Älteren an ihren Vereinen. Knapp 870.000 Mitglieder über 61 Jahre zählen sie aktuell. Jedes Jahr werden es mehr.

Senioren-Aerobic soll Muskeln aktivieren

Fitnesstrainer Wiedemann springt von seinem Podest im Lichtenberger Studio, die Gruppe teilt sich wie automatisch in zwei Teile. Foxtrott steht für die verbleibende Zeit des insgesamt 20-minütigen Programms auf dem Plan. Die Teilnehmer, einige davon in Baumwollhosen, andere in knalligen Fitness-Outfits, bewegen sich in wiegenden Schritten aufeinander zu, klatschen, entfernen sich wieder voneinander. Dann noch eine leichte Drehung, fertig.

Ein zufriedenes Lächeln macht sich breit. Sie wirken nicht vollkommen erschöpft, sondern mehr so, als hätten sie ihren Kreislauf nochmal in Schwung gebracht, nach dem Wirbelsäulen-Training, das sie heute schon absolviert haben.

„Erschöpft sind die schon durch ihr Alter“, sagt Trainier Wiedemann später. Sie bräuchten eher etwas, wo sie sich koordinieren und aktivieren müssten und Bewegungen machten, die sie im Alltag nicht erlebten. „Richtig kindliche Gefühle“ erzeuge das, so der 54-Jährige während er mit dem Bein pendelt, den Arm nach rechts und links schwingt.

Lange seien Senioren nur spazieren gegangen, mit den Standard-Laufschritten, um sich fit zu halten. „Heute wollen sie mehr“, sagt er. Das Kreisen, Pendeln, Schwingen stimuliert hingegen auch das Kleinhirn, das motorische Zentrum im Gehirn, das entscheidend für die Koordination und damit die geistige Fitness ist.

Puls der Senioren wird beim Training immer überwacht

Damit sich keiner der Teilnehmer beim Training überlastet, achtet er darauf, dass ihr Puls nicht über 140 Schläge pro Minute ansteigt. „Das Klatschen stoppt unterbewusst die Bewegung ab, sodass sie es nicht übertreiben.“ Manche tragen zur eigenen Kontrolle eine Smartwatch, eine „intelligente Uhr“, am Handgelenk, die bei zu hohem Puls einen Warnton ausstößt.

Studien haben gezeigt: 20 Minuten leichte Aerobic sind effektiver, um Muskeln und Bewegungsapparat am Laufen zu halten als eine sogenannte manuelle Behandlung beim Physiotherapeuten. Statt einzelne Muskeln passiv massieren und bewegen zu lassen, kommen sie hier im Gesamtpaket mit Knochen und Bindegewebe zum Einsatz. Körperliche Fitness stärkt zudem das Immunsystem und schützt vor Krankheiten wie Diabetes und Osteoporose. Und nicht zuletzt: Die ausgeschütteten Glückshormone wirken schmerzlindernd.

Muskelkraft kann sich durch Sport verdoppeln

Einen der wichtigsten Garanten, um vor dem Pflegeheim davonzulaufen, nennt Professor Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule in Köln, die regelmäßige Sporteinheit. „Man ist nie zu alt, um damit zu beginnen“, sagt der Sportmediziner. Auch wer sein Leben lang unsportlich gewesen sei, könne mit 60 noch anfangen und schnell sichtbare Erfolge erzielen.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass auch bisher Untrainierte durch Sport und Bewegung ihre Muskelkraft in gut einem Jahr verdoppeln können – selbst mit über 60. „Es ist keine automatische Entwicklung, dass mit dem Alter die Leistungsfähigkeit immer mehr sinkt. Das hängt nur mit der Nutzung zusammen. Nur was genutzt wird, entwickelt sich“, erklärt Froböse.

„Die Leute wollen länger fit bleiben“

Hier in Lichtenberg haben sie den Trend des fitten Alterns früh erkannt und sich auf das wachsende Publikum eingestellt. Als sie vor 20 Jahren ihre Räume eröffneten, seien vor allem die gekommen, die ihren Bizeps stählen, ihren Waschbrettbauch formen wollten, die „Pumper“, erzählt Studioleiterin Martina Schellner.

Was sie glaube, woher der Trend kommt? „Die Leute wollen länger fit bleiben und mehr erleben. Die verreisen ja auch noch viel.“ Gerade die Frauen stünden heute nicht mehr am Herd und umsorgten ihren Mann. Heute seien sie ein „gesundheitsorientiertes“ Studio, so Schellner. Soll heißen: Jede Menge Kurse für Senioren und Rehapatienten stehen auf dem Programm, gerade vormittags.

Dazu gehören die Rückenschule, das altersgerechte Krafttraining, besagtes Senioren-Aerobic. „Die kann man sich zum Teil auch vom Arzt verschreiben und von der Krankenkasse erstattet bekommen“, erklärt sie. Dazu ein speziell geschultes Personal, darunter mehrere Rehatrainer, und einen individuell angepassten Übungsplan für jeden Teilnehmer.

Teilnehmer sind wie eine Clique in der Schule

Nach ihrer Aerobic-Einheit stehen sie noch zusammen, wie früher die Clique auf dem Schulhof. Da ist Evelyn, 75, die alle nur Eve nennen. Beinahe jugendliches Auftreten, rotbemalte Lippen, geschminkte Augen. Als junge Frau wollte sie Tänzerin werden, lernte an der Palucca-Schule in Dresden. Rückblickend ist sie froh, dass daraus nichts geworden ist. Die Leidenschaft fürs Tanzen ist ihr bis heute geblieben. „Nur zum Zumba darf ich nicht mehr“, sagt sie. Das habe ihr der Arzt wegen der Hüfte verboten.

Daneben steht Rudi, 78, der, „mit den vielen Herz-OPs“, scherzen die anderen in der Runde und klopfen ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Ja, tatsächlich“, sagt er. Seit er jedoch regelmäßig Sport treibe, fühle er sich aber besser denn je. Das führe er sich immer vor Augen, wenn ich mal wieder der innere Schweinehund meldet.

Und dann ist da noch Michael, 72. Seit 18 Jahren ist er hier Mitglied im Studio. Im Sommer kommt er zweimal pro Woche, im Winter viermal. Man sieht ihm seine Disziplin an. Gerade Haltung, schlanker, athletischer Körperbau. Selbst den Schneidersitz beim Yoga schafft er nach eigenen Angaben noch. „Es geht nicht um Schönheit, sondern um Aktivsein“, sagt er. Na gut, ein bisschen Eitelkeit gehöre auch dazu, fügt er lachend hinzu.

Training bringt auch sozialen Austausch mit sich

Lachen, das machen die drei generell viel während sie so im Kreis stehen. Man nimmt ihnen ab, dass es um mehr als nur ein paar kreisende Armbewegungen, zwei Schritte recht, zwei links geht. Es ist auch sozialer Austausch, eine Struktur. „Wie zur Arbeit gehen“, nennt es Michael. „Also im positiven Sinne.“

Man habe seinen festen Schrank im Umkleideraum, treffe Kollegen, die man meist schon lange kenne, plaudere über Familie und Politik. Mit einem Sportkumpel fahre er inzwischen in den Urlaub. Dann verabschieden sich die drei, das Handtuch lässig über die Schulter geworfen. „Jetzt geht’s in die Sauna“, sagen sie noch. Dann schwingt hinter ihnen die Flügeltür zu.