Tegel-Süd

Nachbarschaft erstellt Kochbuch mit Gerichten aus aller Welt

Anwohner in Tegel-Süd treffen sich monatlich, um gemeinsam Gerichte zuzubereiten. Daraus ist nun ein Kochbuch entstanden.

Stolz präsentieren die Nachbarn aus Tegel-Süd das Kochbuch, das sie gemeinsam entwickelt haben.

Stolz präsentieren die Nachbarn aus Tegel-Süd das Kochbuch, das sie gemeinsam entwickelt haben.

Foto: Jörg Krauthöfer

In einem großen Suppentopf köchelt eine Mischung aus Lamm, Reis, Zwiebeln und Okraschoten. Ahmad Al Hamoi schaut nach dem Rechten. Dafür muss sich der Mann aus Syrien auf die Zehenspitzen stellen. Er rührt zweimal um, nickt und setzt den Deckel wieder auf den Topf. „Das braucht noch ein bisschen“, sagt er.

Er genießt es für andere Menschen zu kochen und mit ihnen gemeinsam zu essen. Besonders mag er es, wenn er etwas aus seiner alten Heimat zeigen kann. Damit ist er nicht alleine, auch Alice Reinwarth, Sandra Gerken oder Nicole Brück schätzen es, ihre Lieblingsgerichte für andere zu kochen. Einmal im Montag trifft sich eine Gruppe aus Anwohnern und geflüchteten Menschen in der Kiezstube Tegel-Süd, um gemeinsam ihre Speisen zuzubereiten. Daraus ist jetzt ein Kochbuch entstanden.

Als Ahmad Al Hamoi angefangen hat, das traditionelle Rezept aus Syrien zu kochen, stand er alleine in der Küche. „Dann kann ich ganz in Ruhe alles schneiden“, sagt er und gesteht, dass er es nicht mag, wenn andere ihren sprichwörtlichen Senf dazugeben. Denn normalerweise sieht es das Projekt der Kiezstube vor, gemeinsam die Speisen zuzubereiten. Bei Ahmad Al Hamoi sollen seiner Meinung nach alle einfach nur vorbeikommen, essen und eine schöne Zeit haben. Und das hat die Gruppe.

Gerichte werden mit Bildern und einfacher Sprache erklärt

Nach und nach betreten Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer die Kiezstube der Gewobag am Bottroper Weg. Sie begrüßen sich ausgiebig, reden viel, lachen. Einige von ihnen haben etwas mitgebracht, obwohl sie gar nicht mit dem Kochen an der Reihe sind. Dann zückt Katja Labidi das

Kochbuch. Sie ist vom Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und begleitet das Projekt in den Räumen, die die Gewobag zur Verfügung stellt. So ganz glauben können es die Hobbyköche nicht, dass sie mit ihrem Rezept in einem Buch stehen.

Und nicht nur das: Jeder Koch stellt sich kurz selbst vor, die Gerichte werden Schritt für Schritt anhand von Beschreibungen und Bildern erklärt. Das Kochbuch ist nicht nur sehr farbenfroh, sondern auch sehr persönlich, mit dem Titel „Der Kiez kocht“ ist der Inhalt in drei Worten beschrieben. Mehr als 100 Seiten sind zusammengekommen.

„Das war viel Arbeit“, gesteht Katja Labidi, die sich mit einigen fließend auf arabisch unterhält und für den Anfang übersetzt. Neben dem Hauptberuf hätten sie, Gewobag-Mitarbeiterin Silke Jensen und Freunde ehrenamtlich Texte geschrieben, Fotos gemacht und das Layout entwickelt. „Von der Idee zum fertigen Produkt waren es eineinhalb Jahre“, sagt Labidi. Eine einfache Sprache mit vielen Bildern sollte verwendet werden, damit nahezu jeder die Gerichte nachkochen kann. Das Buch gibt es in der Kiezstube

„Schau, hier bin ich“, sagt Alice Reinwarth hörbar stolz, nachdem sie wild im Buch geblättert hat. Die 33-Jährige kommt aus Kenia und ist mit ihrem Gericht „Ugali“ abgebildet, ihre Leibspeise aus Hartweizengrieß mit Geflügel und Spinat. „Das habe ich von meiner Mama gelernt“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie seit vier Jahren in Tegel. Die Zutaten mischt sie nach Gefühl, gewogen wird bei ihr nicht. „Auch eine Herausforderung“, sagt Katja Labidi, „beim Probekochen für das Buch mussten wir ein wenig rumprobieren und die Mengen festlegen.“

Durch die Kiezstube wurden aus Nachbarn Freunde

Seit dem Sommer 2017 unterstützt die Wohnungsgesellschaft Gewobag das Projekt „Miteinander im Kiez“ mit den Räumen, aber auch finanziell, um die Zutaten für die Gerichte zu kaufen und das Buch herzustellen – das gibt es in der Kiezstube am Emstaler Platz gegen eine Spende von zehn Euro, die dem Projekt zugute kommt.

Ziel ist es, in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg, Kontakte zwischen Nachbarn zu ermöglichen, die Mieterschaft zu vernetzen und neue Mieter willkommen zu heißen. Bewusst wurde die Gemeinschaftsunterkunft an der Bernauer Straße mit einbezogen. Gerade in Tegel-Süd wichtig, gilt der Bereich bei vielen als Brennpunkt. Dreh- und Angelpunkt des Projektes ist die Kiezstube.

Start des regelmäßigen Kochens war ein gemeinsames Plätzchen backen. Die Aktion kam bei allen so gut an, dass seit Dezember 2017 einmal im Monat gekocht oder gebacken wird. Seitdem wurde eine kunterbunte Mischung aus Spezialitäten verschiedenster Teile der Welt zubereitet.

Daraus ist der Wunsch entstanden, diese Vielfalt des Kiezes zu dokumentieren. Aus Kochnachmittagen wurden Kochtage, an denen mehrere Gerichte gekocht und abgelichtet wurden. Im Anschluss haben alle an einer großen Tafel gesessen und gegessen – dafür wurde die Nachbarschaft eingeladen. Bis zu 60 Personen kamen zusammen.

„Das war wirklich toll“, erinnert sich Nicole Brück. Viel hat sie seit Beginn des Projektes über andere Länder gelernt. Und mittlerweile sind durch das Projekt aus Nachbarn Freunde geworden.