Gesundheit

So soll der Ärztemangel in Berlin bekämpft werden

Engpässe gibt es in Berlin in der Frauen- und Augenheilkunde. Aber vor allem die Hausärzte brauchen dringend Nachwuchs.

Ein Arzt mit Stethoskop (Archivbild).

Ein Arzt mit Stethoskop (Archivbild).

Foto: Patrick Seeger / dpa

Berlin. Die Hauptstadt soll mehr niedergelassene Mediziner bekommen. „Eine erste Hochrechnung geht von 47 neuen Arztsitzen aus“, sagt Dörthe Arnold, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Bei Arztsitzen wird nicht unterschieden, ob Mediziner in Voll- oder Teilzeit arbeiten. Geplant sind 24 Niederlassungen für Hausärzte, 17 für Frauenärzte sowie Niederlassungen für Augen-, Kinder- und Hautärzte. In welchem Zeitraum das geschehen wird, ist noch unklar.

Möglich mache das die überarbeitete Bedarfsplanungsrichtlinie, die jetzt umgesetzt werde, so Arnold weiter. Die wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt, in dem neben der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Spitzenverband der Krankenkassen vertreten sind.

„Grundsätzlich kann gesagt werden, dass auch in Berlin der Ärztemangel angekommen ist“, sagt KV-Sprecherin Arnold. So sei die Einwohnerzahl in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen, die der Ärzte stagniere aber oder gehe in einigen Bezirken sogar zurück. Das gelte besonders für Hausärzte.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, sind seit Ende 2018 wieder Neu-Niederlassungen möglich. Mehr als 40 seien ausgeschrieben worden. „Diese konnten bereits alle besetzt werden“, sagt Arnold. Aktuell laufe die Ausschreibung für 25 weitere Niederlassungen – unabhängig von den prognostizierten 47 neuen Ärzten. „Auch die Gynäkologen und die Augenärzte stehen möglicherweise vor einer Teilentsperrung.“ Denn auch in diesen Fachgruppen sei die Versorgung rückläufig. Das gelte auch für Dermatologen. Hier ist aber laut Arnold bislang noch nicht im Gespräch, weitere Niederlassungen auszuschreiben.

Das Problem der Hausarztversorgung ist aber auch ein demografisches. So gab es zum Stichtag 1. Januar 2019 insgesamt 2621 niedergelassene und angestellte Hausärzte in Berlin. Ein Drittel davon sei 60 Jahre und älter, so Arnold weiter. „Etwas mehr als 800 Hausärzte werden in den nächsten fünf Jahren das Rentenalter erreichen.“ Dennoch arbeiteten viele weiter, weil sie keinen Nachfolger fänden und junge Ärzte nicht schnell genug nachrückten.

Jungmediziner eröffnen ungern eine eigene Praxis

Denn bestehende stützende Maßnahmen wie die Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin erzielen aktuell noch nicht die gewünschte Wirkung, sagt Arnold. Außerdem würden junge Mediziner eher ein Angestelltenverhältnis bevorzugen, als eine eigene Praxis zu eröffnen. „Angestellte arbeiten erfahrungsgemäß insgesamt weniger als selbstständige Niedergelassene.“

Engpässe seien bereits länger auch bei Kinderärzten zu verzeichnen, sagt Lena Högemann, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung. „Hier hat es Berlin geschafft, gemeinsam mit den Krankenkassen und der KV darauf hinzuwirken, dass zusätzlich zehn Arztsitze geschaffen wurden.“ In fünf verhältnismäßig schlecht versorgten Bezirken habe es acht neue Kinder- und Jugendärzte gegeben – drei in Neukölln, zwei in Reinickendorf und jeweils einer in Spandau, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick. Den beiden letztgenannten Bezirken sei auch jeweils ein zusätzlicher Kinder- und Jugendpsychiater zugesprochen worden.

Mit den 47 von der KV prognostizierten neuen Niederlassungen sei Berlin zwar rein rechnerisch bedarfsgerecht ausgestattet, so Högemann weiter. „Einige Stadtteile Berlins sind deutlich überversorgt, während andere unterversorgt sind.“ Das gelte vor allem für Gebiete am Stadtrand. Eine Unterversorgung gebe es zwar nicht. Die Realität der Menschen vor Ort sei aber oft eine andere.

Eigentlich gibt es in der Hauptstadt genug niedergelassene Mediziner. Insgesamt 9825 sind es laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin mit Stand vom 1. Januar 2019 – davon 2621 Hausärzte, 4568 Fachärzte und 2636 Psychotherapeuten. „Bezogen auf das Versorgungsgebiet Berlin kann derzeit in keiner Fachgruppe von einer Unterversorgung gesprochen werden“, sagt KV-Sprecherin Dörthe Arnold. In den meisten Bereichen registriere man derzeit einen ausreichenden Versorgungsgrad zwischen 110 und 140 Prozent.

Das gilt allerdings nur, wenn man Berlin als Ganzes betrachtet. Auf die Bezirke runtergebrochen, wird in manchen Fachbereichen eine krasse Ungleichverteilung deutlich. „Leider folgt die Versorgung in Berlin dem Geld und nicht dem Bedarf“, sagt Lena Högemann, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung. Und tatsächlich dürfte es kein Problem sein, einen Psychotherapeuten in Charlottenburg-Wilmersdorf oder einen Orthopäden in Steglitz-Zehlendorf zu finden.

In Neukölln einen Termin beim Hautarzt zu bekommen, ist jedoch deutlich schwerer. Und wer in Marzahn-Hellersdorf einen Kinder- und Jugendpsychologen braucht, hat wohl überhaupt keine Chance.

Bundesweit ist einheitlich festgelegt, wie viele Ärzte eines Fachbereichs es für eine bestimmte Einwohnerzahl geben sollte. Verglichen mit der tatsächlichen Zahl ergibt sich der Versorgungsgrad. Liegt er bei weniger als 100 Prozent, gibt es also weniger Ärzte, als es eigentlich geben sollte, spricht man von einer drohenden Unterversorgung. Die gibt es in Berlin, das als ein Planungs- und Zulassungsgebiet betrachtet wird, tatsächlich nicht.

Marzahn-Hellersdorf am schlechtesten versorgt

Die Realität in einigen Bezirken ist aber eine andere. So kann in Treptow-Köpenick bei vier, in Lichtenberg und Reinickendorf bei jeweils fünf und in Marzahn-Hellersdorf bei sieben Fachbereichen von einer drohenden Unterversorgung gesprochen werden. Dort gibt es außerdem die berlinweit einzige tatsächliche Unterversorgung, die bei einem Versorgungsgrad von weniger als 50 Prozent vorliegt (Hausärzte: 75 Prozent). So ist der Versorgungsgrad mit Kinder- und Jugendpsychiatern im Bezirk bei gerade einmal 36,2 Prozent (ein Arzt). Zum Vergleich: In Charlottenburg-Wilmersdorf sind es 475 Prozent (13 Ärzte).

Auch Neukölln ist einer Unterversorgung in acht Bereichen verhältnismäßig schlecht aufgestellt. Für Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) steht daher fest, dass Berlin nicht länger als ein Planungsgebiet betrachtet werden darf. „Wir müssen einen anderen Versorgungsschlüssel finden.“ Dieser dürfe sich nicht an Bezirken, sondern müsse sich an kleineren, stadträumlichen Einheiten orientieren. Dabei gelte es auch, den Anteil von Transferleistungsempfängern und Alleinerziehenden einzubeziehen. „Das wird der Ärzteschaft wahrscheinlich nicht so passen“, so Liecke weiter.

Denn sie müssten sich dann unter Umständen in Brennpunkten niederlassen und seien nicht mehr bei Privatpatienten am Kurfürstendamm. Entsprechend sei eine Weiterentwicklung des sogenannten Letter of Intent (LOI) sinnvoll. Diese Absichtserklärung wurde 2013 zwischen der Senatsgesundheitsverwaltung, der KV Berlin und den Krankenkassen geschlossen. Erklärtes Ziel dabei war die Angleichung der Versorgung. Ärzte dürfen und sollen seitdem von gut in eher weniger gut versorgte Bezirke umziehen können, aber nicht mehr umgekehrt.

360 Mediziner in schlechter versorgte Bezirke umgezogen

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte im Mai im Abgeordnetenhaus gesagt, dass knapp 360 Ärzte in einen schlechter versorgten Bezirk umgezogen seien: „Die Situation ist aber nach wie vor so, dass es starke Unterschiede gibt“, räumt ihre Sprecherin Högemann ein. Grundsätzlich habe sich der LOI bewährt, stoße aber an einige Grenzen, sagt Burkhard Ruppert, stellvertretender Vorsitzender der KV Berlin.

Aktuell wolle man den Bedarf der Patienten an Terminen ermitteln, so Ruppert weiter. „Erfahrungszahlen aus unserer Terminservicestelle aus dem Juli 2019 haben ergeben, dass von circa 1000 von Hausärzten gemeldeten offenen Terminen lediglich neun vermittelt wurden.“ Bei den Kinder- und Jugendärzten seien es 16 von 300 gewesen. Seit September habe man die Kapazitäten bei den Terminservicestellen deutlich erhöht. Inwieweit sich das auf die Nachfrage auswirke, bleibe abzuwarten.