Stromnetz

Berliner müssen sich auf steigende Stromkosten einstellen

Investitionen und die wachsende Stadt machen nach Angaben der Stromnetzagentur einen Anstieg um acht Euro pro Jahr nötig.

Strommast in der Abenddämmerung

Strommast in der Abenddämmerung

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Berliner müssen sich auch im kommenden Jahr auf steigende Stromkosten einstellen. Nach Angaben von Stromnetz Berlin steigen die Preise 2020 im Durchschnitt um acht Euro pro Jahr. Weil das Leitungsnetz verstärkt und ausgebaut wird, steigt das sogenannte Netzentgelt, das jeder Haushalt für den Transport seines Stroms bezahlt. Ein Durchschnittshaushalt mit 2200 Kilowattstunden Jahresverbrauch zahle dafür nächstes Jahr voraussichtlich 176,65 Euro, wie die Gesellschaft am Dienstag mitteilte.

Neues Umspannwerk am Alexanderplatz geplant

Der Grund sind einerseits die steigenden Investitionen in das Stromnetz, andererseits die wachsende Stadt. die Netzgesellschaft muss neue Umspannwerke errichten, um den steigenden Strombedarf in der Stadt bewältigen zu können. So plant die Netzagentur ein neues Umspannwerk am Alexanderplatz, um für die dort entstehenden Hochhäuser ausreichend Strom zur Verfügung stellen zu können.

Das neue Werk soll auf dem Gelände des ehemaligen Umspannwerkes Alexanderplatz in der Voltairestraße gebaut werden. „Die Investitionen sind dringend notwendig“, sagte der Geschäftsführer der Netzagentur Thomas Schäfer. Die Agentur ist eine Tochter des Stromversorgers Vattenfall. Jeweils bis zum 15. Oktober jeden Jahres muss die Agentur ihre Prognose für das kommende Jahr abgeben.

Die Berliner bekommen neue Stromzähler

Auch an anderen Stellen plant die Netzgesellschaft Neubauten, so auf dem BVG-Betriebshof an der Indira-Gandhi-Straße, auf dem künftig die wachsende E-Bus-Flotte der BVG aufgeladen werden soll. Außerdem erhalten die Berliner in den kommenden Jahren neue und intelligente Stromzähler - die insgesamt 2,3 Millionen Zähler in Berlin werden in den kommenden 16 Jahren ausgetauscht. Die Netzagentur investiert nach eigenen Angaben eine Milliarde Euro in das Berliner Stromnetz.

Ein weiterer Grund für die steigenden Investitionen - und damit den steigenden Strompreis - stellt die wachsende Stadt dar. Wenn immer mehr Menschen in die Stadt ziehen, sind mehr Stromanschlüsse notwendig, rechtfertigte Schäfer den neuerlich steigenden Strompreis in der Stadt.

Netzentgelte machen ein Viertel des Strompreises aus

Im bundesweiten Durchschnitt macht das Netzentgelt etwa ein Viertel der Stromrechnung aus, ein weiteres Viertel zahlen die Kunden für den Strom selbst, der Rest sind Steuern, Abgaben und Umlagen. Trotz der angekündigten Erhöhung liegt das Berliner Netzentgelt deutlich unter dem Bundesschnitt. Insgesamt schwankt er je Versorgungsgebiet zwischen 3,58 und 12,23 Cent pro Kilowattstunde. In Berlin beträgt er den Angaben von Stromnetz zufolge künftig 5,85 Cent.

Unabhängig von den Investitionen in das Berliner Stromnetz, streitet sich die Netzagentur mit dem Land Berlin über die Stromkonzession. Im März entschied die Vergabekammer, dass das Berliner Netz nicht mehr von Vattenfall betrieben werden soll, sondern von der landeseigenen Berlin Energie, die eigens dafür gegründet wurde. Das will Vattenfall nicht hinnehmen und ist gegen die Entscheidung vorgegangen. Am Donnerstag verhandelt das Landgericht über den Widerspruch gegen die Entscheidung.

Der Streit zwischen Vattenfall und Berlin schwelt seit Jahren

Schäfer kritisierte am Dienstag, dass das Land ein Angebot zur künftigen Zusammenarbeit ignoriere. „Das hat sich bis jetzt noch niemand angeschaut“, sagte Schäfer. Vattenfall hatte vorgeschlagen, künftig gemeinsam mit dem Land das Stromnetz zu betreiben. Demnach wird angeboten, schrittweise die Anteile des Netzes an Berlin zu übertragen, bis das Land eine Mehrheit und damit die Betriebsführerschaft hätte. Im Senat besteht zumindest die Bereitschaft, über die Offerte zu reden, offiziell gab es dazu jedoch bislang kein Signal an Stromnetz.

Der Streit über das Stromnetz schwelt seit 2011. Das Land möchte aber wieder mehr Einfluss auf die Umsetzung der Energiewende in Berlin gewinnen. Überdies hat man Interesse an den Netzentgelten, die der Stromnetz Berlin jedes Jahr einen zweistelligen Millionengewinn sichern, der an Vattenfall fließt. Deshalb hatte der Senat beschlossen, mit einem eigenen Bewerber anzutreten und die Rekommunalisierung des Stromnetzes zu betreiben. Die Konzession lief offiziell bereits 2014 aus.

Vattenfall hat ein Friedensangebot gemacht

Sollte das Landgericht am Donnerstag ebenfalls zu dem Ergebnis kommen, dass die Vergabe des Stromnetzes an Berlin Energie rechtens war, hat Vattenfall weitere juristische Optionen. Vor diesem Hintergrund haben die Vattenfall-Manager eine Art Friedensangebot unterbreitet. Denn die Zeiten, in denen der schwedische Konzern wegen seiner Förderung und Nutzung des Energieträgers Kohle und seiner deutschen Atomkraftwerke vor allem in der rot-rot-grünen Koalition schlecht angesehen war, haben sich geändert. Inzwischen hat Vattenfall seine Braunkohleförderung verkauft und verspricht, in einer Generation komplett ohne fossile Brennstoffe auskommen zu wollen.