Senioren

60.000 Rentner in Berlin gehen arbeiten: Das sind die Gründe

Die Zahl der arbeitenden Ruheständler hat sich in den vergangenen 20 Jahren verfünffacht. Ihre Motive sind unterschiedlich.

DEUTSCHLAND, BONN, 28.10.2005,  Berufstätiger Senior an einer Werkbank. Symbol: Angehobenes Rentenalter, Rente erst ab 67, Zuverdienst im Alter, etc. [ Rechtehinweis: picture alliance/Ulrich Baumgarten ]

DEUTSCHLAND, BONN, 28.10.2005, Berufstätiger Senior an einer Werkbank. Symbol: Angehobenes Rentenalter, Rente erst ab 67, Zuverdienst im Alter, etc. [ Rechtehinweis: picture alliance/Ulrich Baumgarten ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Ulrich Baumgarten / picture alliance / Ulrich Baumga

Berlin. In der deutschen Hauptstadt sind immer mehr mehr Menschen im Rentenalter berufstätig. Das geht aus einer neuen Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) für die Berliner Morgenpost hervor. Demnach habe es im vergangenen Jahr rund 60.000 arbeitende Rentner in Berlin gegeben. Davon gingen etwa 12.000 Personen sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten nach, 25.000 hatten einen Minijob und 22.000 Rentner waren selbstständig oder halfen bei Familienangehörigen aus. Hinzu kamen zudem 1000 bis 2000 Beamte.

Innerhalb von 20 Jahren habe sich die Zahl berufstätiger Rentner in Berlin laut DIW-Wirtschaftsforscher Karl Brenke verfünffacht und innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. „Bei keiner Altersgruppe ist die Zahl der Erwerbstätigen so stark gestiegen“, sagte Brenke.

"Man will noch nicht zum alten Eisen gehören"

Nach eigenen Untersuchungen Brenkes arbeitet höchstens ein Drittel der Erwerbstätigen im Rentenalter aus finanzieller Not. Der überwiegende Teil hingegen sei aus Interesse an der Arbeit tätig. „Man will noch nicht zum alten Eisen gehören“, sagte Brenke. Für diese Entwicklung sind laut dem DIW-Wissenschaftler vor allem zwei Trends verantwortlich: Ältere Menschen seien heute im Schnitt besser qualifiziert als noch vor zehn oder 20 Jahren. Das sei auch eine Folge des Bildungsbooms zwischen den 50er- und 70er-Jahren.

Zudem habe sich laut Brenke auch die Struktur der Arbeit verändert: Berufe, für die eine höhere Qualifikation nötig sei, hätten an Bedeutung gewonnen, einfache und auch stupide Jobs hingegen an Relevanz eingebüßt. „Wenn interessante Tätigkeiten und die gut qualifizierten Arbeitskräfte mehr werden, wird eben auch noch nach dem Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters gearbeitet“, erklärte Brenke. Auch anstrengende Arbeit sei in den vergangenen Jahren weniger geworden. Deswegen nehme der körperliche Verschleiß der Berufstätigen ab und es könne länger gearbeitet werden.

Rentner helfen, Lücke im Fachkräftebereich zu schließen

Auch die Wirtschaft in Berlin betont auf Morgenpost-Anfrage die gestiegene Bedeutung von Arbeitnehmern im Rentenalter für die Unternehmen. „Die Unternehmen in Berlin und Brandenburg sind sehr dankbar, dass immer mehr Ältere auch nach ihrem Eintritt ins Rentenalter beruflich aktiv bleiben. Sie helfen den Betrieben, die stark wachsende Lücke im Fachkräftebereich zumindest teilweise zu schließen“, sagte der Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Alexander Schirp. Viele ältere Beschäftigte würden heute auch lange nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze die nötige Motivation und Fitness für eine berufliche Tätigkeit mitbringen.

Beschäftigte mit langer Berufserfahrung und guter Qualifikation seien in allen Branchen gefragt, erklärte auch die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) auf Nachfrage. „Mehr Beschäftigung Älterer bleibt angesichts der demografischen Entwicklung, der fortschreitenden Digitalisierung und der daraus resultierenden Fachkräfteengpässe unverzichtbar“, sagte der IHK-Bereichsleiter für Fachkräfte und Innovation, Constantin Terton.

Arbeitssenatorin: Zahl der arbeitenden Rentner wird weiter steigen

Firmen müssten ihre Personalpolitik auf diese neuen Herausforderungen ausrichten. Die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer stehe dabei besonders im Fokus. Gleichzeitig müsse die Politik aber klare Signale und Rahmenbedingungen für alle Akteure setzen. „Einen Generationenkonflikt, in dem Jung gegen Alt ausgespielt wird, kann sich Berlin nicht leisten“, so Terton.

Auch Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) geht davon aus, dass die Zahl der berufstätigen Rentner in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Die Politikerin befürchtet aber, dass vor allem Ruheständler betroffen sein werden, die gezwungen seien, ihre kleine Rente aufzubessern. „Immer mehr Menschen arbeiten ohne Tarifbindung und ohne angemessene Bezahlung. Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die prekäre Jobs zurückdrängen und gute Arbeit fördern, einen Mindestlohn, der vor Altersarmut schützt, und eine armutsfeste Rente“, sagte Breitenbach.

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