Illegale Autorennen

Verkehrspsychologe: „Eine PS-Begrenzung könnte helfen“

Trotz Raserparagrafen gibt es viele Rennen. Verkehrspsychologe Heiko Ackermann erklärt warum. Und nennt Mittel gegen Raser.

Verkehrspsychologe Heiko Ackermann

Verkehrspsychologe Heiko Ackermann

Foto: Privat

Der Berliner Verkehrspsychologe Haiko Ackermann (57) befürwortet im Gespräch mit der Berliner Morgenpost strengere Regeln bei der Führerscheinvergabe.

Haben die Gesetzesverschärfung gegen das Rasen und die die dramatischen Verfahren, etwa gegen die Raser vom Kurfürstendamm die Debatte und das Verhalten von Autofahrern geändert?

Heiko Ackermann: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich das Verhalten grundsätzlich geändert hat. Natürlich sollen die abschreckende Wirkung haben. Aber letztlich geht es darum, Straftäter zu verurteilen. Insofern ist es richtig, dass es härtere Strafen gibt, einfach um deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine Ordnungswidrigkeit handelt, sondern um eine echte Straftat. Dass es dennoch Menschen gibt, die rasen und zu schnell fahren, ist das Phänomen mit dem wir uns irgendwie auseinandersetzen müssen. Das einzudämmen, dazu gehört auch, die Gesetzgebung zu verschärfen.

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Hat es denn schon etwas gebracht?

Es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass der Fokus stärker auf das Unrecht der Taten gelenkt wird. Es gibt mehr Verfahren. Seit 2017 hat es über 900 Verfahren wegen illegaler Autorennen gegeben. Das hat es gebracht. Aber das Problem ist, dass Leute, die Rennen fahren, und bisher nicht erwischt wurden, davon ausgehen, dass das auch in Zukunft nicht passieren wird. Es gibt ja auch weiterhin Raubüberfälle, obwohl bei anderen Fällen viele mehrjährige Haftstrafen ausgesprochen werden. Wie die Raser gehen auch diese Täter davon aus, nicht erwischt zu werden. Das ist ein Phänomen, mit dem wir uns ein Stück weit auch abfinden müssen.

Was kann der Staat tun, damit wir uns zumindest möglichst selten damit abfinden müssen?

Der Staat kann das tun, was er zurzeit schon tut. Die Dinge konsequent verfolgen, den Druck erhöhen und die Dinge bestrafen. Aber natürlich kann man schon in der Erziehung anfangen, etwa in der Fahrschule, mehr Bausteine zu solchen Themen einbauen. Dann könnte man überlegen, ob es für Fahranfänger in der Probezeit nicht eine PS-Begrenzung geben sollte. Bei Motorrädern gibt es eine solche PS-Begrenzung ja schon. Wenn die Gesellschaft es zulässt, dass 18-Jährige Autos mieten können mit 300 oder 400 PS, dann darf man sich nicht wundern, wenn es solche Auswüchse gibt. Insofern würde ich eine solche PS-Begrenzung begrüßen.

Nehmt den Rasern die Autos weg - der Kommentar

Was treibt Menschen an, mit 100 km/h oder noch mehr über den Kurfürstendamm zu fahren?

Es sind in der Regel junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren und sie sind fast alle männlich. Ihnen ist gemeinsam, dass sie eine Grenzerfahrung suchen, sie suchen den „Thrill“. Sie suchen nach Selbstbestätigung, sie wollen sich messen. Auf anderen Ebenen ist diese Suche ja durchaus legal. Die Menschen neigen in unserer Gesellschaft immer mehr dazu, Extremsportarten wie Fallschirmspringen oder Bungee-Jumping auszuprobieren oder Sportarten, bei denen es auch Todesfälle geben kann. Die suchen ja auch ihren Thrill. Der Unterschied ist, dass ein Fallschirmspringer in aller Regel niemand anderen schädigt, sondern allenfalls sich selbst einem Risiko aussetzt. Deswegen steht es nicht so im Fokus. Aber der Wunsch nach einer Grenzerfahrung ist bei beiden vorhanden.

Ist den Rasern bewusst, dass das Rasen – anders als die Sportarten, die Sie erwähnten – für andere Menschen extrem gefährlich ist?

Jeder normal denkende Mensch müsste wissen, dass man mit 140 km/h auf dem Kurfürstendamm andere Menschen gefährdet. Ich unterstelle Rasern nicht, dass sie sich ins Auto setzen und planen, wir bringen jetzt Menschen um. Aber natürlich nehmen sie diese Auswüchse mit in Kauf. Sie halten sich aber für so dermaßen gute Autofahrer, dass sie der irrigen Meinung sind, diese Grenzsituation im Griff zu haben, was sich dem normalen Menschenverstand nicht erschließt. Es ist schon eine Gruppe von Personen, die diese Gefahren in Kauf nehmen oder ausblenden. Aber auch sie müssen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Daraus kann sie niemand entlassen.

Ist Rasen eine Sucht?

Nein. Dann könnte man sich ja nicht dagegen entscheiden. Das ist der Charakter der Sucht. Gegen das Rasen kann man sich aber entscheiden. Ich warne davor, das als Sucht zu definieren. Denn das würde bedeuten, dass es ein krankhaftes Symptom wäre. Das wäre eine absurde Ausrede. Die meisten Autofahrer kommen nicht auf die Idee, mit mehr als 100 km/h über eine Stadtstraße zu fahren oder mit 200 km/h über die Stadtautobahn. Aber mit 60 durch eine Tempo-30-Zone oder mit 80 über eine Tempo-50-Straße fahren doch einige.

Warum?

Diejenigen, die das tun, haben natürlich viele Gründe. Sie wollen schnell von A nach B, sie setzen sich selber unter Druck. Es gibt auch objektiven Zeitdruck. Andere sind mit den Regeln und den Geschwindigkeitsbeschränkungen vielleicht nicht einverstanden. Sie akzeptieren die Gesetzgebung nicht, sondern legen ihre eigenen Maßstäbe an. Das geht aber nicht. Der Straßenverkehr funktioniert nur, wenn wir alle die Regeln respektieren.

Welche verkehrspolitische Maßnahmen könnten das Autofahren stressfreier machen?

Es werden ja Maßnahmen ergriffen, um das Autofahren einzudämmen. Parkplätze werden zurückgebaut, zweispurige Fahrbahnen werden zu einspurigen Fahrbahnen, so dass das Autofahren uninteressanter wird. Das ist sicherlich eine Maßnahme, um den Verkehr zu reduzieren. Wenn mehr Leute auf das Fahrrad umsteigen, werden sie die Mehrheit stellen und Autofahrer werden zur Minderheit gehören. Das kann dazu führen, dass sie sich überlegen, ob sie nicht auf das Fahrrad umsteigen, um zu der Mehrheit zu gehören.

Sind SUV-Fahrer aggressiver als Fahrer von Kleinwagen?

Das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt hochmotorisierte SUVs, aber es gibt auch hochmotorisierte Kleinwagen. Es gibt übrigens auch SUVs, die weniger PS-stark sind. Ich halte die Diskussion um die SUVs für etwas hysterisch.