Illegale Autorennen

Wie Berlin versucht, die Raser zu bekämpfen

Seit zwei Jahren gibt es den Raser-Paragraf. Die Zahl der Verfahren steigt. Ein wichtiges Ziel des neuen Gesetzes bleibt unerfüllt.

Autorennen im Tiergartentunnel
Staatsanwaltschaft Berlin

Ahmad O. liefert sich im Tiergartentunnel in einem BMW 650i ein illegales Autorennen mit einem Mercedes AMG

Beschreibung anzeigen

Es ist fünf Minuten nach Mitternacht, als der schwarze BMW 650.i in den Untergrund abtaucht. Ahmad O. hat sich den Wagen vom Onkel geliehen. Am Ende eines heißen Augusttages fährt er mit seinem PS-Boliden durch die Berliner Nacht. Erst schießt ein weißer Mercedes AMG in den Tiergartentunnel, O. hinterher. Vor der Einfahrt leuchten digitale Anzeigen: Höchstgeschwindigkeit 50 km/h.

O. fährt 155 km/h. Er prescht auf der linken Spur durch die Röhre, vorbei an Kombis und Kleinwagen, klebt dem Rivalen am Heck, muss bremsen, kann nicht überholen, driftet durch die Kurve. Eine Minute später taucht der BMW fast zweieinhalb Kilometer weiter wieder aus dem Tunnel auf.

Vor dem 13. Oktober 2017 war ein Autorennen ein Ordnungswidrigkeit

Auf körnigen Videoaufnahmen, die später vor Gericht ausgewertet werden, sieht man wie ein Polizeiwagen mit Blaulicht versucht, zu den Rasern aufzuschließen. Vergeblich.

Hätte sich O. das Rennen vor dem 13. Oktober 2017 geliefert, es wäre nie vor Gericht gelandet. Es wäre rechtlich gesehen nicht schlimmer als Falschparken: eine Ordnungswidrigkeit. Und das, obwohl O. nicht nur sich und den Fahrer des AMG in Gefahr brachte, sondern auch alle anderen, die in jener Nacht mit ihren Autos durch den Tunnel vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz fuhren.

Denn zeigt man Unfallexperten das Video, ist das Urteil klar: Verliert einer der beiden Raser nur für den Bruchteil einer Sekunde die Kontrolle, dann bleibt in der engen Röhre kein Platz zum Ausweichen, können auch unbeteiligte Autos gegen die Tunnelwand krachen.

Vor zwei Jahren trat der Raser-Paragraf in Kraft

Heute vor zwei Jahren trat ein neuer Paragraf mit der Nummer 315d im Strafgesetzbuch in Kraft. Dort steht: Auf „verbotene Kraftfahrzeug­rennen“ drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis oder hohe Geldstrafen. Wird eine Person fahrlässig gefährdet oder kommt jemand zu Tode, können daraus auch fünf bis zehn Jahre Haft werden.

Lesen Sie auch: Nehmt den Rasern die Autos weg

315d ist als Raser-Paragraf in den Sprachgebrauch von Anwälten und Journalisten eingegangen. „Wer sich derart verantwortungslos verhält, muss wissen: Er hat künftig keinen Führerschein und kein Auto mehr“, hatte der damalige Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verkündet.

Illegale Autorennen sind nicht von Berliner Straßen verschwunden

Neu war auch: Wer durch ein Autorennen eine andere Person tötet, hat ein „abstraktes Gefährdungspotential“ in Kauf genommen, und kann wegen Mordes verurteilt werden.

Zwei Jahre später weiß man: Illegale Autorennen sind nicht von den Straßen Berlins verschwunden. Im Gegenteil: Die Zahl der Fälle steigt immer weiter an (was auch daraus folgt, dass das Rasen stärker verfolgt wird). Wir wissen auch: Der Paragraf wirkt. Von 319 angeklagten Rasern wurden in Berlin bislang 130 verurteilt.

Raserparagraf kann lange nicht alle Erwartungen erfüllen

Aber wie auch das Urteil zum Tunnelrennen von Ahmad O. zeigen wird: Der Raserparagraf kann lange nicht alle Erwartungen erfüllen, die in ihn gesetzt wurden. Die Praxis zeigt, dass die Täter zumeist nicht eigene Fahrzeuge verwenden. Dem Halter kann häufig schwer nachgewiesen werden, dass er leichtfertig gehandelt hat, also das verbotene Kraftfahrzeugrennen hätte voraussehen können.

Lesen Sie auch: Verkehrspsychologe - Eine PS-Begrenzung könnte helfen

Und ohne den schmerzhaftesten Verlust im Leben von Maximilian Warshitsky wären Autorennen wohl noch immer Ordnungswidrigkeiten.

Warshitsky lenkt seinen silbergrauen VW Caddy durch das nassgraue Berlin. Ein übervorsichtiger Fahrer scheint er durch den Tod seines Vaters nicht geworden zu sein. Der kam in der Nacht auf den 2. Februar 2016 durch die sogenannten Kudamm-Raser ums Leben.

Auf der Fahrt klingelt immer wieder Warshitskys Telefon, der Bruder hat einen Flieger verpasst, sitzt in Spanien fest. Der 38-jährige, der mit den kurzen, schwarzen Krausehaaren, den glattrasierten Wangen, dem Blick aus tiefen Augenhöhlen weit jünger wirkt, redet abwechselnd auf Russisch und Deutsch ins Telefon, sucht Flugverbindungen auf dem Smartphone, steuert durch den Regen.

Er ist der jüngere von zwei Brüdern. „Manchmal fühle ich mich wie der Ältere“, sagt er. Die Mutter ist 2002 an Krebs gestorben. Sein Vater, das ist nun durch zwei Gerichtsurteile bestätigt, wurde ermordet. Die Tatwaffe: ein mit weißer Folie beklebter Audi A6. Tatort: Tauentzienstraße Ecke Nürnberger Straße. Die Täter, so sieht es Maximilian Warshitsky: „zwei kleine Idioten“.

Er hätte an der roten Ampel bremsen können

Hamdi H. hat sich mit Marvin N., der einen Mercedes AMG mit 380 PS fuhr, ein Rennen über den Kurfürstendamm geliefert. In jener Nacht rast N. mit 130 km/h durch die Kurve an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, H. hinterher. An der Kreuzung Nürnberger Straße schaltet die Ampel auf Rot. Zu diesem Zeitpunkt, so steht es in einem der Gerichtsurteile, wäre es dem Angeklagten H. „problemlos möglich gewesen, sein Fahrzeug, vor der Kreuzung Tauentzienstraße/Nürnberger Straße, die noch mehr als 200 Meter entfernt war, zum Stehen zu bringen; er entschied sich jedoch bewusst dagegen.“ N. gibt Vollgas. H. auch. Er rammt das Auto von Michael Warshitsky, ein 69-jähriger Arzt im Ruhestand, seitlich. Der Audi bohrt sich wie ein Keil unter den 1,5 Tonnen schwerer Jeep Wrangler und schleudert ihn 25 Meter durch die Luft.

Der Fall der Kudamm-Raser ist beispielhaft für den Kampf gegen Raser

Warshitskys Rippen, Schultern und Schädel brechen, auch das Felsenbein, ein Abschnitt des Schläfenbeins und der härteste Knochen im menschlichen Körper. Er stirbt an der Unfallstelle.

Der Fall steht seither beispielhaft für die vermeintliche Verrohung auf Deutschlands Straßen. Und für den Kampf gegen Raser. Er trieb die Debatte um eine Gesetzesverschärfung voran - die letztlich mit Paragraf 315d festgeschrieben wurde.

Zwei Jahre nach dem Unfall verurteilte das Landgericht Berlin Marvin N. und Hamdi H. wegen Mordes. Das erste Mal in Deutschland. Ein Fall, der Rechtsgeschichte schrieb.

Maximilian Warshitsky, der hinterbliebene Sohn, parkt sein Auto an der Mauer des Jüdischen Friedhofs an der Heerstraße, jenem Friedhof, an dem sein Vater begraben liegt.

Der Vater starb, weil zwei Männer Spaß haben wollten

Er erinnert sich an den Morgen nach dem Unfall, als Freunde ihn anriefen, ihn fragten, ob er von diesem Unfall gehört habe. Als er in die Wohnung des Vaters fuhr, vor der schon die Reporter warteten. Als er dessen unbenutztes Bett sah, der Yorkshire Terrier Topa auf ihn zu rannte, er über Stunden in Ungewissheit schwebte, sich die Hinweise immer weiter verdichteten. Wenn er sagt, wie der Tod des Vaters nach Stunden zu Gewissheit wurde, kämpft er mit den Tränen.

Er erzählt davon, dass er darauf bestand, seinen Vater nach der Obduktion zu sehen, ihm Lebewohl zu sagen. Man habe ihn „präsentabel“ gemacht, so gut das bei den Brüchen im Gesicht und am Kopf ging. „In seinen Augen habe ich keinen Schrecken erkannt“, sagt der Sohn.

Warshitsky hat seit dem Unfall nicht mehr gearbeitet

Maximilian Warshitsky hat versucht zu verstehen, dass sein Vater sterben musste, weil zwei junge Männer die Spaß haben wollten, die sich ihre Männlichkeit oder was auch immer beweisen wollten, unvermittelt seinen Weg kreuzten. Das alles ist verdammt hart, aber ich komme klar, diesen Eindruck will Warshitsky hinterlassen.

Er sagt: „Was soll ich zum Psychologen? Was soll der mir sagen, was ich nicht weiß?“ Und: „Ich habe versucht, nicht daran zu denken.“ Das scheint nicht geklappt zu haben. Warshitsky, der vorher in der IT-Branche tätig war, hat seit dem Unfall nicht mehr gearbeitet. Er habe sich ganz auf den Prozess konzentriert.

Warshitsky hat unzählige Interviews gegeben. Er wollte nicht, dass der Fall einfach in Vergessenheit gerät. Dass der Tod seines Vaters die Republik aufgerüttelt hat, die Gesetzgeber letztlich zum Handeln bewegte, das sieht Warshitsky auch als seinen Verdienst an, darauf ist er Stolz.

“Das Auto...war eine Rakete, das war ein Terroranschlag“

Er sagt: „Das Auto, das meinen Vater in dieser Nacht getroffen hat, war eine Rakete, das war ein Terroranschlag.“ Er will, dass Autorennen nie wieder als Ordnungswidrigkeit unter den Teppich gekehrt werden.

Warshitsky greift sich eine Packung Grablichter aus dem Handschuhfach, eine Tüte mit Blumen, öffnet die Autotür und läuft durch den Regen auf den Friedhof zu, „zu meinem Daddy“, wie er sagt.

Dass so viele Raser wie möglich mit Paragraf 315d konfrontiert werden, das ist der Job von Andreas Winkelmann. Der 54-Jährige ist Oberamtsanwalt und leitet seit zehn Jahren die Abteilung 31 am Amtsgericht in Tiergarten. Seit November 2017 ist die auf Raserkriminalität spezialisiert. Manche sagen, Andreas Winkelmann ist der oberste Raserjäger Berlins.

Raum 4113 der Amtsanwaltschaft. An den Wänden von Winkelmanns Büro hängen Filmplakate: Blade Runner, Interstellar und der in Kryptonit eingefrorene Star-Wars-Held Han Solo. Ein Halunke, der trotzdem auf der richtigen Seite der Macht steht, erklärt Winkelmann. Auf seinem Tisch, auf dem Boden, in der Ecke, überall stapeln sich Akten.

In Berlin gibt es 902 Verfahren gegen Raser

Aktuell gibt es in Belin 902 Raser-Verfahren. In 173 Verfahren laufen noch die Ermittlungen, in 319 Verfahren wurden bereits Anklagen gefertigt, und in 130 Verfahren kam es zu rechtskräftigen Verurteilungen. Der Rest wurde eingestellt.

Kurz: Es gibt viel Arbeit für die Raserjäger in Berlin. Und die Justiz in der Hauptstadt ist eifrig in der Umsetzung von Paragrafen 315d.

Die Verfahrenszahlen sind für Winkelmann ein Beweis dafür, dass die Jagd auf die illegalen Rennfahrer erfolgreich ist. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist hervorragend“, sagt er. Mehrmals im Monat schult er Beamte zum Raserparagrafen. Mit einer Power-Point-Präsentation zeigt er die rechtliche Definition illegaler Autorennen.

Dann erklärt er, dass Rasen in der Stadt noch kein Autorennen ist. Die zwei Fahrer müssen sich duellieren, etwa, wenn sie sich auf dem Weg zwischen zwei Ampeln ausbremsen, wenn jeder als erster am Ziel sein will. Weitere Indizien: Nachfolgende Autos werden ausgebremst, bevor die Kontrahenten Gas geben. Aber Paragraf 315d kennt auch den „Alleinraser“. Der bringt sein Auto an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. In seiner Präsentation erklärt Winkelmann den Beamten auch, dass ein Verfahren allein über Zeugenaussagen schwer zu führen ist. Was er braucht, sind Fakten.

Die beschaffen sich die Strafverfolger mit mühevoller Kleinstarbeit. Sie lesen elektronische Daten aus den Fahrzeugen aus, berechnen Kurvengeschwindigkeiten, werten Videos aus, sichern Daten aus Navigationssystemen. Je mehr digitale Technik in den Autos verbaut ist, desto besser die Faktenlage. „Es ist wie ein Puzzle, das wir zusammensetzen“, sagt Winkelmann.

Autorennen im Tunnel: Beweisführung mit dem Taschenrechner

Im Fall von Ahmad O., dem Tunnelraser, lieferten vor allem Überwachungskameras und die Bordkamera des nacheilenden Polizeibeamten die Puzzlestücke. Die Ermittler zählten, wie lange die Wagen brauchten, um von einem Mittelstreifenstück zum nächsten zu gelangen. Ergebnis: 155 km/h. Letztlich konnte O. das illegale Rennen nachgewiesen werden. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn. Ein Erfolg für Winkelmann.

Aber das Urteil zeigt auch die Grenzen des Paragrafen. Der Fahrer musste 1300 Euro Strafe zahlen. O. bekam zwar ein Fahrverbot über sechs Monate, aber das war seit der Tatzeit längst verstrichen. O. bekam seinen Führerschein gleich wieder. Und: Der Fahrer des weißen AMG konnte nie ermittelt werden. Der Fahrzeughalter konnte nicht sagen, war am Steuer saß - oder er wollte das nicht.

Nur vier Wagen von Rasern eingezogen

Noch etwas ärgert Raserjäger Winkelmann. Nur viermal gelang es, den Wagen eines Rasers einzuziehen. Die hochmotorisierten Boliden sind meist geliehen, sind über Autobanken finanziert. Der Staat müsste bei der Einziehung des Autos Entschädigung zahlen.

Dabei wäre genau das die wirksamste Abschreckung für die Raser. Da sind sich Experten einig, das versprach Verkehrsminister bei der Einführung von Paragraf 315d.

Frühmorgens mit geschätzten 150 km/h durch Berlin

Die Täter sind in Berlin nicht Teil einer Tuning-Szene, sie treffen sich typischerweise spontan an der Ampel, werfen sich auffordernde Blicke zu und treten aufs Gas. Sie fahren Autos mit absurd hohen PS-Zahlen – geliehen von der Autovermietung oder vom Onkel. Winkelmann ist sich sicher: Auch wenn er noch mehr Fälle auf den Tisch bekommt, auch wenn die Aktenstapel bis zur Decke reichen, die Urteilszahlen steigen, es wird weiter Raser geben – und Opfer.

Was helfen könnte: ein Stufenführerschein, der es nur ab einem bestimmten Alter erlauben würde, extrem motorisierte Autos zu fahren. Oder ein Verbot für hochmotorisierte Autos in Städten.

Mercedes-Fahrer verliert Kontrolle und reißt Ampel nieder

Vor kurzem ist wieder ein Fall auf seinem Schreibtisch gelandet. Ende September, frühmorgens an einem Montag um fünf Uhr, ist ein Mercedes mit geschätzten 150 km/h auf eine Auffahrt zur Stadtautobahn gebrettert, hat die Kontrolle verloren, eine Ampel niedergerissen. Winkelmann versucht ihn als Alleinraser vor Gericht zu bringen. Dass bei dem Unfall niemand zu Schaden kam, ist reines Glück gewesen.

Maximilian Warshitsky ist inzwischen auf dem Friedhof, hat sich eine Kippa auf den nassen Kopf gesetzt, stapft vorbei an Mauern, Grabfeldern, irgendwann biegt er zwischen eine Reihe von Grabsteinen ein.

Die Schwierigkeit, an den Vater zu denken, nicht an den Unfall

Vor der Beerdigung habe die Familie entschieden: Einen Grabstein wolle man für den Vater erst aufstellen, wenn der Prozess abgeschlossen ist. Wenn das Kapitel geschlossen ist. Seither wurde ein Urteil wegen Mordes gefällt, wieder aufgehoben, bestätigt. Dann haben die Verteidiger wieder Revision eingelegt.

Jetzt steht Warshitsky am Grab, senkt den Kopf, blickt auf Blumen, Steinchen, ein kleines Schild mit Davidstern und dem Namen des Vaters. Warshitsky sagt, am Grab versuche er an seinen Vater zu denken, nicht an den Unfall. Aber die Bilder vom Tatort, das Trümmerfeld, der Abschied von der Leiche nach der Obduktion, sie blitzen trotzdem immer auf.

Der Grabstein für seinen Vater, so sagt es Warshitsky, ist jetzt bestellt. Er soll noch in diesem Jahr aufgestellt werden. Jedenfalls wünscht er sich das.