Jahrestagung

Deutschsprachige Krebsärzte tagen in Berlin

Zum Fachkongress der Onkologen und Hämatologen werden ab Freitag 5500 Teilnehmer erwartet, die über die Zukunft der Krebstherapie sprechen.

Seminar beim Studententag der Fachtagung im September 2018 in Wien.

Seminar beim Studententag der Fachtagung im September 2018 in Wien.

Foto: Uli Regenscheit / DGHO Service GmbH

Berlin. In keinem medizinischen Bereich sind die Fortschritte so rasant wie in der Behandlung von Blut- und Krebserkrankungen. Jährlich kommen mehr als 100 neue Medikamente auf den Markt. Gleichzeitig wachsen die Erkenntnisse der Medizin und gehen immer mehr in die Tiefe. Entsprechend gilt es, sich auszutauschen und über neue Entwicklungen zu informieren. Deshalb lädt die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) ab diesem Freitag zur Jahrestagung der entsprechenden deutschsprachigen Fachgesellschaften. Nach Basel und Wien findet der Kongress in diesem Jahr in Berlin statt. Bis Montag werden im City Cube auf dem Messegelände unterm Funkturm rund 5500 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erwartet.

Die Tagung richtet sich vor allem an Fachärzte, aber auch an Wissenschaftler, die mit der Grundlagenforschung beschäftigt sind, Medizinstudierende, Therapeuten und Pflegekräfte. Sie erwarte ein komplexes Fortbildungsprogramm mit großen Vorträgen und kleinen Expertenseminaren, sagt Kongresspräsident Lorenz Trümper, Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen. Insgesamt 648 wissenschaftliche Beiträge, die die ganze Bandbreite des Fachs zeigen sollen, sind bis Montagnachmittag geplant.

Datenbanken sollen Krebstherapie effektiver machen

Schwerpunktthema ist in diesem Jahr „Big Data“ – also Techniken zur Speicherung und Analyse großer Datenmengen. So soll etwa im Rahmen einer großen Plenarsitzung am Montag diskutiert werden, welche Hürden es gibt und wie die Daten für medizinische Entscheidungen genutzt werden können. „Mit Big Data verbindet sich die Hoffnung, die Komplexität von Krebserkrankungen noch besser zu verstehen und daran anknüpfend effektive Therapien für unsere Patienten und Patientinnen entwickeln zu können“, so Trümper weiter.

So werde etwa Lungenkrebs nicht mehr als ein einheitliches Krankheitsbild betrachtet, sondern als Vielzahl genetisch bedingt unterschiedlicher Leiden, sagt der Kongresspräsident. Entsprechend brauche es individuelle Therapieansätze. Die würden nicht mehr länger nur von pathologischen Aussagen über die Art des Tumors und radiologischen Erkenntnissen über Größe und Lage bestimmt. „Es kommt die neue Dimension der genetischen Komplexität hinzu, die es aufzunehmen gilt“, erklärt Trümper die zunehmende Relevanz der Datenbanken.

Künstliche Intelligenz soll Arzt nicht ersetzen

Auch wenn diese Komplexität für den Arzt im Detail nicht mehr nachvollziehbar sei, würden Maschinen und künstliche Intelligenz den Menschen nicht überflüssig machen, so der Kongresspräsident weiter. „Vielmehr kommt auf die in der Hämatologie und Onkologie Tätigen die herausfordernde Aufgabe zu, aus der Vielzahl an Daten die für die jeweilige Behandlungssituation richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Dazu brauche es weiterhin die kritische Beurteilung der Daten und die entsprechende Weiterbildung.

Auch der geschäftsführende DGHO-Vorsitzende Michael Hallek betont die Bedeutung einer qualitativen Aus- und Weiterbildung. Die sei in kaum einem anderen Fachgebiet so wichtig wie in der Hämatologie und Onkologie. „Durch die hohe Geschwindigkeit bei der Zulassung neuer Arzneimittel ändern sich auch die Behandlungsleitlinien entsprechend rasant.“ Der aktuelle Wissensstand sei dadurch schnell überholt. Daher sei das Fachgebiet auf Nachwuchs angewiesen. „Auch deshalb versuchen wir mit dem Studententag im Rahmen der Jahrestagung oder der DGHO-Juniorakademie schon früh junge Menschen für unser Fach zu begeistern“, so Hallek weiter.

Therapie mit genetisch veränderten Immunzellen

Neben Big Data stehen bei der Jahrestagung auch andere Themen auf der Tagesordnung. So seien im vergangenen Jahr erstmals gentechnisch veränderte Immunzellen in Europa zugelassen worden, sagt der medizinische Leiter der DGHO, Bernhard Wörmann. „Gut 100 Patienten sind seitdem damit in Deutschland behandelt worden.“ Bundesweit könnten 24 Zentren diese Therapie durchführen – darunter die Charité und das Helios-Klinikum in Buch. Die Behandlungskosten würden etwa 300.000 Euro betragen.

Außerdem soll es um sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren gehen, so Wörmann weiter. Die relativ neuen Medikamente würden Fehler des Immunsystems korrigieren, sodass es Tumoren als Fremdkörper wieder bekämpft. Erfolge gebe es bereits unter anderem bei Lungen-, Nieren-, Blasen-, Lymphknoten- sowie Haut- und zuletzt auch bei Brustkrebs. „Dabei gibt es aber auch eine Menge Nebenwirkungen, weil gesundes Gewebe angegriffen werden kann.“ Daher solle auf der Tagung diskutiert werden, wann die Therapie geboten ist, für wen sie infrage kommt und ob sie gegebenenfalls nicht mehr nur begleitend zur klassischen Chemotherapie durchgeführt wird, sondern sie ersetzen kann.

Probleme durch Engpässe bei Arzneimitteln

Daneben stehen laut Wörmann Arzneimittelengpässe auf der Tagesordnung, die leider immer häufiger würden. Insgesamt gebe es derzeit mehr als 250 über alle Fachbereiche verteilt. „Wir müssen darüber reden, welche Alternativen es dann gibt.“ Zum Teil handele es sich dabei um alltägliche Mittel wie das Magenschutzmittel Ranitidin, das bei einer Chemotherapie begleitend gegeben wird. Außerdem solle es um die Frage gehen, welche Kompetenzen Pflegekräfte haben sollen und wie sie im Bereich der Hämatologie und Onkologie gefördert werden können.