Prenzlauer Berg

Merkel bei Nacht der Lichter in der Gethsemanekirche

In Prenzlauer Berg wurde an den 9. Oktober 1989 erinnert. Auch der Anschlag von Halle ist ein Thema.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Matthias Platzeck (SPD), Vorsitzender der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ besuchten am Mittwochabend eine Veranstaltung zum Gedenken an 30 Jahre friedliche Revolution in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg.

Mittwochnachmittag in Prenzlauer Berg: Während die Polizei die Stargarder Straße, unweit der Schönhauser Allee, abgesperrt und an den Häuserecke Stellung bezog hat, schlenderten bereits die ersten Besucher am Zaun entlang, der die große Backsteinkirche umgibt.

Sie blieben stehen und betrachteten die hellen Stofftransparente, die in regelmäßigen Abständen am Zaun angebracht sind. „Server Mustafayev (Russland) Menschenrechtsverteidiger, inhaftiert seit 21. Mai 2018“ ist dort zu lesen, oder „Hassan Dah (Marokko) Journalist, inhaftiert seit Dezember 2010, verurteilt zu 24 Jahren“ und „Dawit Isaak (Eritrea) schwedischer Journalist, Publizist, inhaftiert seit 2001, Ort unbekannt“.

Nacht der Lichter versucht Brückenschlag zu 1989

Dass die Gethsemanegemeinde ein politscher Ort war, und noch immer ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Im damaligen Ost-Berlin war sie Zentrum der Oppositionen und Friedensbewegung in der DDR. So gab es hier seit Oktober 1989 unter dem Titel „Wachet und Betet“ Mahnwachen, Fastenaktionen und Fürbittandachten für die Freilassung inhaftierter Oppositioneller und Aktivisten. Als Gemeindemitglied und Menschenrechtsaktivist Peter Steudner im Sommer 2017 in der Türkei verhaftet wurde, kam die Gemeinde jeden Abend zusammen, um für ihn und andere politische Gefangene zu beten.

Diesen Brückenschlag, vom Herbst 1989 zur Gegenwart, versuchte an diesem Abend auch die Veranstaltung unter dem Titel „Nacht der Lichter – Lesung und Gebet“: Stand zwar der Blick nach Leipzig, und die Montagsdemonstration am 9. Oktober im Mittelpunkt, so zogen Bischof Markus Dröge und Pfarrerin Jasmin El-Manhy immer wieder Parallelen zur Gegenwart, so betonten sie die Relevanz des Engagements für mehr Klimaschutz und gegen das Erstarken antidemokratischer Kräfte in Deutschland.

Die Frage stellen, wofür sich ein politisches Engagement lohnen könnte

Die Pfarrerin, die seit 2015 in der Gemeinde tätig ist, sagte der Berliner Morgenpost im Vorfeld: „Dieser Abend soll über eine museale Gedenkveranstaltung hinausgehen. Ich möchte mit diesem Abend einen Impuls setzen, um tätig zu werden oder sich zumindest die Frage zu stellen, wofür sich ein politisches Engagement lohnen könnte.“

Erinnert wurde am Mittwoch an den 9. Oktober vor 30 Jahren, der vielen Historikern und DDR-Bürgerrechtlern als entscheidender Wendepunkt der friedlichen Revolution gilt: An diesem Tag fanden die Montagsdemonstrationen in Leipzig ihren vorläufigen Höhepunkt, rund 70.000 Menschen gingen gegen die Politik des SED-Regimes auf die Straße gingen - die Sicherheitskräfte der DDR griffen wider Erwarten nicht ein.

Sicherheitskräfte gingen zuvor brutal gegen die Demonstranten vor

Dem vorangegangen waren, ausgehend von den Friedensgebeten in der Nikolaikirche in Leipzig, zahlreiche Demonstrationen in verschiedenen Städten der DDR, die ab dem September 1989 stetig an Zulauf gewannen. Dabei gingen die Sicherheitskräfte brutal gegen die Demonstranten vor. Es kam zu vielen Verhaftungen.

DDR-Bürgerrechtler berichten von einer aggressiven und angespannten Stimmung, die Angst vor einer blutigen Niederschlagung der Proteste wie im Juli 1989 in Peking auf dem Tian’anmen war allgegenwärtig.

So wollte auch die DDR-Führung die Demonstrationen am 9. Oktober beenden. Etwa 5000 Bewaffnete standen schon bereit, um die Demonstration gewaltsam zu zerschlagen. Überrumpelt von der schieren Anzahl der Menschen kapitulierten die Leipziger SED-Funktionäre und beschlossen, die Sicherheitskräfte nicht einzusetzen.

Der Greifswalder Autor und Mitorganisator der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, Martin Jankowski, bezeichnete im Interview mit der Berliner Morgenpost den 9. Oktober als entscheidenden Tag der friedlichen Revolution – dieser habe den Weg freigemacht für die folgenden Demonstrationen im ganzen Land – hätten sich die Menschen vorher auf Grund der Gefahr nicht auf die Straße gewagt, so habe sich das durch diesen Tag geändert.

Kampf für den Klimaschutz

Nach der Begrüßung durch die Pfarrerin las Schauspielerin Dagmar Biener aus Zeitzeugenberichten, die über den Herbst 1989 in der Gemeinde berichten, darüber wie die Menschen voller banger Erwartung an diesem 9. Oktober nach Leipzig schauten.

Gezeigt wurden Filmaufnahmen der Montagsdemonstrationen des Filmemachers Aram Radomski, der diese heimlich in Leipzig aufgezeichnet hatte. Radomski, geboren und aufgewachsen in der DDR, war selbst in der Opposition aktiv.

Um 18.35 Uhr, dem genauen Zeitpunkt der Entscheidung der SED-Funktionäre, die bereitstehenden Sicherheitskräfte zurückzuziehen, erinnerte das Glockenläuten an die Proteste in Leipzig.

Im Anschluss lasen die Schauspielstudenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Isabella Heller, Lennart Hillmann und Lukas Huber aus dem Buch „Wir sind die Antwort. Junge Stimmen aus der Gegenwart“, in dem Eva von Schirach Interviews mit jungen Aktivisten versammelt. Bestimmendes Thema war dort das Engagement der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegen den Klimawandel.

Dröge schließt Opfer von Halle in Gebete ein

Bischof Dröge nahm in seiner Ansprache auch Bezug auf den antisemitischen Terroranschlag in Halle, bei dem am Mittwochmittag ein mutmaßlicher Rechtsextremist zwei Menschen getötet und eine Synagoge, sowie einen Dönerimbiss, angegriffen hatte. Er schloss Opfer und Angehörige in die Gebete ein.

Gegen halb acht, als es draußen bereits dunkel war, verließen die Besucher die Kirche, sie stellten ihre Kerzen an den Zaun, der die Kirche umgibt, direkt zu den Namen der politischen Gefangenen.

Kanzlerin Merkel besuchte hinterher noch die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße und sprach dort mit Rabbinerin Gesa Ederberg.

Angela Merkel bei Kundgebung an Neuer Synagoge
Angela Merkel bei Kundgebung an Neuer Synagoge